StartseiteRegionalBaden-WürttembergZocken auf Schwäbisch: Projekt will Jugendliche für Dialekt begeistern

Schwäbische Expedition ins Netz

Zocken auf Schwäbisch: Projekt will Jugendliche für Dialekt begeistern

Baden-Württemberg / Lesedauer: 9 min

Immer weniger Jugendliche sprechen Dialekt. Wie schwäbische Künstler in einem neuen Filmprojekt versuchen, vor allem jüngeren Menschen ihre Mundart näher bringen.
Veröffentlicht:09.12.2023, 05:00

Artikel teilen:

Sie sind auf der Flucht. Ein Mann mittleren Alters in weißem Unterhemd und Lederjacke, seine langen schwarzen Haare hat er zu einem Zopf zusammengebunden. Neben ihm eine dünne Frau, mit rot gefärbten Haaren, in engen Leggins. Sie rennen so schnell sie können, bis sie eine Lagerhalle an einem alten Steinbruch erreichen.

Dort finden sie einen Porsche. Aus dem Kofferraum des Sportwagens holt der Mann zielsicher eine Maschinenpistole heraus. Er ist bereit für den Kampf, es kann losgehen.

Was daher kommt wie eine Szene aus einem Mafia-Streifen, ist ein Projekt schwäbischer Künstler. Denn die Protagonisten im Film sprechen schwäbisch. Und eigentlich ist es gar kein klassischer Film, sondern ein Computerspiel.

Oben rechts kommentiert klein eingeblendet ein waschechter Schwabe die ganze Zeit das Geschehen. „Ja endlich a mol n gscheida Karra“, sagt er zum Beispiel über den Porsche.

Davon handelt der Film

Der Film handelt von einem sogenannten „Let´s Play“, was nichts anders als das Kommentieren eines Computerspiels ist - und zwar während der Kommentator das Spiel selbst spielt. Dabei zeichnet er sich und seine Reaktionen meist auch auf und ladet das ganze Video dann auf Online-Plattformen wie beispielsweise YouTube hoch. Bei jungen Menschen sind diese Formate äußerst beliebt und werden millionenfach angeklickt.


Für das Künstlernetzwerk „schwäbische mund.art“ war das ein Anlass, mit dem Projekt „SOS - Streets of Stuttgart“ Neuland zu wagen und junge Menschen für die schwäbische Mundart zu begeistern. Pius Jauch ist seit 15 Jahren freischaffender schwäbischer Liedermacher, aktiv beim Verein „schwäbische mund.art“ und Initiator des Filmprojekts.

Das Ziel der Künstler: „Junge Dialektsprecher zu ermuntern, ihre Dialektkompetenz als wertvoll wahrzunehmen“, sagt der 40-Jährige.

Andere Generation soll erreicht werden

„Wir haben bei diesem Projekt ordentlich auf die Kacke gehauen und ein bisschen rumgealbert“, betont er. Herausgekommen ist der rund 17-minütiger Film „SOS - Streets of Stuttgart“. Die Künstler des Projekts versuchen auf teils abenteuerliche, teils auch etwas skurrile Weise ein andere, jüngere Generation für die schwäbische Mundart zu begeistern.

Um was es im Film geht? Der „Spieletester“ Markus zockt ein neues Computerspiel und kommentiert es - natürlich in breitem schwäbisch - für seine Online-Gemeinde. Der durchgezogene Witz der Handlung ist, dass Markus während des Zockens ständig von seiner Mutter, einer typisch schwäbischen Hausfrau, gestört wird.

Der Zocker Markus testet ein neues Onlinespiel und kommentiert das in breitem Schwäbisch. Dabei wird immer wieder von seiner Mutter gestört. Hier mit 'ra Rota Hos.
Der Zocker Markus testet ein neues Onlinespiel und kommentiert das in breitem Schwäbisch. Dabei wird immer wieder von seiner Mutter gestört. Hier mit 'ra Rota Hos. (Foto: schwäbische mund.art/SOS Streets of Stuttgart)

Die Handlung des Spiels kreist um den Actionhelden Jimmy Las Vegas, der die entschädigungslose Kündigung eines Praktikumsplatzes seiner Tochter rächen will.

Dabei wird er von seinem alten Boss auf einen abtrünnigen Komplizen angesetzt, der ein Auto voller Drogen für sich behalten möchte. Am Ende kommt der Protagonist in eine üble Schießerei, die ihn fast das Leben kostet. Fazit des Drehbuchautoren Jauch zur Handlung: „Viel Lärm um nichts!“

Doch um den Inhalt geht es den Initiatoren von „Streets of Stuttgart“ nur sekundär. Das Projekt ist vielmehr der Versuch der Künstler überwiegend mittleren Alters, junge Menschen im Netz mit dem schwäbischen Dialekt zu erreichen.

Sprache verändert sich in Deutschland

„Let´s Plays haben wir nicht erfunden, die gibt es schon seit vielen Jahren. Aber man kennt sie eben nur in Englisch oder Hochdeutsch“, erklärt Jauch. Mit dem Projekt wollen die Künstler jungen Schwaben zeigen, dass sie stolz auf ihren Dialekt sein können und das Schwäbisch durchaus auch „cool“ sein kann.

Die Sprache verändere sich in Deutschland durch erhöhte Mobilität oder auch Kinderbetreuung, betont Jauch. „Wenn Kinder mit einem Jahr schon in der Kita sind, dann schwätzed die nemma so wie d Oma.“ Das sei sehr schade, weil viele den Wert der Muttersprache gar nicht mehr wertschätzen würden.

Immer weniger Jugendliche sprechen Dialekt

Dass immer weniger junge Menschen im Südwesten Dialekt sprechen, bestätigt Hubert Klausmann, Professor für volkskundliche Dialektologie an der Eberhard Karls Universität Tübingen. „Wir haben eine Untersuchung gemacht, bei der wir über 13.000 Kinder in Grundschulen erfasst haben. Die Zahl der Schüler im Südwesten, die wirklich noch richtig schwäbischen Ortsdialekt sprechen, liegt bei etwa 13 bis 15 Prozent“, sagt Klausmann.

Immerhin: Die Unterschiede im Südwesten zwischen den einzelnen Regionen sind riesig. Während in den Großstädten wie Stuttgart unter Kindern kaum noch Dialekt gesprochen wird, ist die Mundart in ländlichen Landkreisen noch deutlich mehr verbreitet. „Das Topgebiet für die Stabilität der Dialekte ist der Südosten Württembergs“, erklärt Klausmann.

Vorteile des Dialektsprechens

Dabei sei es total wichtig, Kinder im Dialekt sprechen zu lassen. „Natürlich sollen die Kinder nebenher auch Hochdeutsch lernen, aber es darf kein Problem in der Schule oder im öffentlichen Raum sein, wenn man einen süddeutschen Akzent hat oder Mundart spricht“, so der Wissenschaftler. Es komme aber häufig vor, dass Menschen wegen ihrer Mundart diskriminiert werden.

„Diskriminierung ist für mich, wenn man Kinder tadelt oder ihnen Notenabzug gibt, weil sie einen Dialekt sprechen und nicht Hochdeutsch“, so Klausmann. Oder man werde im neuen Job nicht eingestellt, weil man im Bewerbungsgespräch in breitem Schwäbisch daherkommt. „Nach wie vor gibt es eine Diskriminierung in Deutschland, wenn jemand süddeutsch klingt.“

Dabei sei es eine Illusion, dass es überhaupt ein reines Hochdeutsch gibt, betont Klausmann. „Das ist ein Klischee. Regionale Einschläge gibt es überall. Deswegen kann es ja nicht der Maßstab sein, einen Sprachzustand zu erzielen, den es gar nicht gibt.“. Außerdem fördere das Dialektsprechen die Mehrsprachigkeit und man lerne andere Sprachen leichter, „weil das Gehirn bereits zwei Sprachstrukturen im Kopf hat.“

Mundart ist auch der Politik wichtig

Der Erhalt der schwäbischen Mundart scheint auch immer mehr Landespolitikern wichtig zu sein. Im Parlament gibt es eine gemeinsame Dialekt-Gruppe von rund 60 Abgeordneten aus Grünen, CDU, SPD und FDP. „Wir sehen die Dialekte im Ländle als erhaltenswertes Kulturgut an, das zugleich akut vom Verschwinden bedroht ist. Daher besteht dringlicher Handlungsbedarf“, sagt der Grünen-Politiker Markus Rösler, der Teil der Parlamentsgruppe ist.

Ein Bulldog darf in dem schwäbischen Klassiker natürlich nicht fehlen. Screenshot aus dem Let's Play Film “Streets of Stuttgart”.
Ein Bulldog darf in dem schwäbischen Klassiker natürlich nicht fehlen. Screenshot aus dem Let's Play Film “Streets of Stuttgart”. (Foto: schwäbische mund.art/ SOS Streets of Stuttgart)

Die Abgeordneten haben in diesem Jahr daher die Gründung eines Dachverbands der Dialekte Baden-Württemberg (DDDBW) initiiert. Der Verband „soll und wird die - hoffentlich starke und erfolgreiche - Stimme aller Mundarten in Baden-Württemberg gegenüber Politik und in der Gesellschaft sein. Und er soll insbesondere Kinder und Jugendliche ansprechen, denn dort läuft der Verlust an gesprochenem Dialekt besonders schnell“, betont Rösler. Für den Dachverband der Dialekte hat das Land im Haushalt 2023/2024 dauerhaft jährlich 78.000 Euro beschlossen.

Imagepflege bei jungen Menschen

„Unter anderem bringen wir mit dieser Förderung einen Landespreis für Mundart auf den Weg, der vermutlich mit 50.000 Euro dotiert sein wird“, sagt der erste Vorsitzende des neu gegründeten DDDBW, Martin Kistler, der zugleich auch Landrat im Landkreis Waldshut ist. „Wir sind im Moment an der Ausarbeitung, wie dieser Preis gestaltet werden soll. Idealerweise soll er 2024 aber schon ausgelobt werden“, so Kistler.

Der Preis werde dazu beitragen, die Ausbreitung und das Image der baden-württembergischen Dialekte zu fördern. „Ich finde, der Dialekt verdient diesen Stellenwert auch und es ist gut, dass wir als Dachverband unsere Mitgliederverbände jetzt unterstützen können“, betont er.

Vorbilder fehlen

Zudem wolle der Verband die Mundart zukunftsfähig und für jüngere Menschen attraktiv machen. „Wir sollten uns für unseren Dialekt auf keinen Fall schämen“, so Kistler. Zum einen sei die Schule wichtig - dort sollten schon früh Mundartprojekte lanciert und umgesetzt werden.

Wir wollen aber jetzt auch schwäbische Influencer gewinnen, die auf unsere Kurzfilme in den sozialen Medien aufmerksam machen.

Pius Jauch

Zum anderen seien junge Leute auf vielen anderen Kanälen unterwegs, vor allem auf Social Media. „Dabei wäre es schön, wenn wir mit Dialekt-Influencern für unsere Sprache werben könnten, die ihre Mundart auf sozialen Plattformen weiterverbreiten.“ Es brauche Vorbilder.

Genau so sieht auch der schwäbische Liedermacher Pius Jauch. „Aber aktuell sprechen die Idole junger Menschen eher wie Moritz Bleibtreu - nämlich hochdeutsch.“ Genau das wollen die Mundartkünstler mit ihrem Filmprojekt „SOS“ ändern. „Wir entwickeln Vorbilder für junge Menschen. Natürlich ist unser Film nicht so gut wie ein Film von Terrentino, das Budget haben wir natürlich nicht. Aber es geht ums Zocken und um coole Typen, die oifach schwäbisch schwätzed.“

Resonanz noch ausbaufähig

Von der Planungsphase des Films 2021 bis zur Fertigstellung im Jahr 2023 dauerte es zwei Jahre. Mitgestaltet haben das Projekt rund 20 Menschen, 14 davon vor der Kamera, erzählt Jauch. „Es ist toll, dass so viele schwäbische Künstler mitgemacht haben.“ Bis auf die Kamera- und Tonaufnahmen wurden sämtliche Arbeiten von Mitgliedern des Vereins geleistet: Vom Drehbuch über die komplette Filmmusik, Kostüm, Requisiten bis hin zu den Spezialeffekten. Zudem gibt es mehrere Sequenzen des Films in kürzeren Varianten, die dann auf Social-Media-Plattformen wie TikTok und Instagram ausgespielt werden.

Seit etwas mehr als zwei Wochen ist der Film mittlerweile online, mit der Resonanz sind Jauch und seine Mitstreiter bislang ganz zufrieden. „Viele finden es richtig gut, aber wir haben jetzt keine totale Skandalwirkung“, sagt er. Aktuell wurde der Film erst rund 400 Mal auf YouTube aufgerufen - im Vergleich zu den millionenfach geklickten Videos anderer Let´s Player ist das noch gar nicht viel. „Wir wollen aber jetzt auch schwäbische Influencer gewinnen, die auf unsere Kurzfilme in den sozialen Medien aufmerksam machen - und den Inhalt so an die Zielgruppen bringen“, sagt Jauch.

Ein zweiter Teil sei auch schon in Planung, das Drehbuch ist zumindest schon fertig, so Jauch. Um was es genau geht will er noch nicht verraten. Sicher ist nur eins: Es wird wieder schwäbisch gschwätzt.

Hier gibt es den ganzen Film zu sehen