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Schwaches Stromnetz

Energiewende: Warum nicht jeder gleichzeitig eine Wärmepumpe betreiben kann

Ravensburg / Lesedauer: 8 min

Die Grünen sind bei der Energiewende ambitioniert. Doch für die Umsetzung müssten 1,3 Millionen Kilometer Stromnetz erneuert werden. Und das ist längst nicht das einzige Problem.
Veröffentlicht:23.11.2023, 05:00

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Ein Spaziergang außerhalb einer Ortschaft im Bodenseeraum. Die genaue Lage tut nichts zur Sache. Woanders ließe sich das Gesuchte ebenso finden: Und zwar der tiefere Grund, weshalb plötzlich das Schreckgespenst einer Beschneidung der Energieversorgung umhergeht.

„Bald wird der Strom rationiert“, hatte die „Bild“ bereits vergangenen Winter das Volk gewarnt ‐ und längst nicht nur sie. Tatsächlich ist etwas im Busch. Zum Jahreswechsel soll es ernst werden. Eine Novelle des Paragrafen 14a Energiewirtschaftsgesetz schafft die Grundlage für rationierende Eingriffe.

Besorgte Bürger

Naheliegend, dass es besorgte Bürger gibt. Beim Spazieren übers Land lässt sich rasch erblicken, wo der Hund letztlich begraben liegt. Eine einsame Stromleitung gerät ins Blickfeld. Sie wird von Holzmasten getragen, die das Wetter gräulich gefärbt hat.

Wenn weiter sehr viele neue Wärmepumpen und Ladestationen installiert werden, dann sind Überlastungsprobleme und lokale Stromausfälle im Verteilnetz zu befürchten, falls wir nicht handeln.

Klaus Müller

In der herbstlich gefärbten Landschaft wirkt die Szenerie wie eine Reise zur Stromversorgung längst vergangener Tage ‐ zumal die Drähte auch noch zu einem abgelegenen Gehöft führen. Ein Freund, Elektromeister, klärt auf. Es geht dabei um die Zahl der Drähte. Vier sind es an der Zahl. „Somit haben wir es hier in Deutschland mit einer Niederspannungsleitung zu tun“, sagt der Fachmann.

Bis vor kurzem war damit noch alles in Ordnung. Dann hat die beschworene Energiewende an Schwung gewonnen ‐ mit unschönen Konsequenzen. „Wenn weiter sehr viele neue Wärmepumpen und Ladestationen installiert werden, dann sind Überlastungsprobleme und lokale Stromausfälle im Verteilnetz zu befürchten, falls wir nicht handeln“, bemerkte Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, zum Jahresanfang.

Den Grund dafür schob seine in Bonn sitzenden Behörde nach. Störanfällig seien vor allem die Niederspannungsnetze vor Ort.

Das letzte Glied der Stromversorgung

Sie sind das letzte Glied der Stromversorgung vor dem Hausanschluss, praktisch die Feinverteiler. Zum Verständnis:

Ganz am Anfang stehen Höchstspannungsleitungen, die Strom von Kraftwerken zu Schlüsselpunkten im Land bringen: Zu großen Transformationsstationen, beispielsweise bei Laichingen unweit der A8 auf der Schwäbischen Alb zu sehen. Erst dort beginnt das Verteilnetz, dessen Löwenanteil wiederum die Niederspannungsleitungen ausmachen.

Qualitativ fehlt ihnen eigentlich nichts. Das Problem liegt woanders. Die Bundesnetzagentur schreibt dazu:

„Lokale Leitungen und Transformatoren sind derzeit nicht überall auf eine solche Belastung ausgelegt, um eine zunehmende Verwendung von Elektrizität in der Mobilität und zur Deckung des privaten Wärmebedarfs zu ermöglichen.“

Der Netzausbau als Daueraufgabe

Die lässt sich noch wesentlich lapidarer ausdrücken: „Ohne Netz klappt die Energiewende nicht“, stellt Raimund Haser fest. Der Wahlkreis des CDU-Landtagsabgeordneten ist Wangen im Allgäu. Er ist unter anderem energiepolitischer Sprecher seiner Partei in Stuttgart.

Das Netz bleibt eine Daueraufgabe, mindestens bis zur Mitte, wahrscheinlich aber eher bis zum Ende dieses Jahrhunderts.

Raimund Haser

Wie Haser sagt, sei dies auch längst erkannt. Alle Beteiligten würden sich auch bemühen. „Aber es gibt Studien“, berichtet der Politiker, „wonach eben von 200.000 Kilometer Verteilnetzlänge in Baden-Württemberg 70 Prozent angefasst werden müssen ‐ ob über Verstärker oder neue Leitungen.“

Rechnet man dies deutschlandweit hoch, stünden knapp 1,3 Millionen Kilometer Netzlänge vor einer Überarbeitung. Eine Aufgabe, die sogar den griechischen sagenhaften Arbeitshelden Herakles zum Erbleichen bringen würde.

Haser meint dazu kühl: „Das Netz bleibt eine Daueraufgabe, mindestens bis zur Mitte, wahrscheinlich aber eher bis zum Ende dieses Jahrhunderts.“

Investitionen im dreistelligen Milliardenbereich

Gebaggert, geschraubt und geschweißt wird schon. Der EnBW-Konzern mit Sitz in Karlsruhe gibt laut seinen Angaben gegenwärtig etwa zwei Milliarden Euro pro Jahr für den Netzausbau aus.

Die Hälfte davon fließt ins regionale Verteilnetz. Im Vergleich zu früher sei dies mehr als doppelt so viel. Weiter heißt es, die Tochtergesellschaft Netze BW müsse beinahe alle ihrer mehr als 300 Umspannwerke erweitern und dazu eine zweistellige Zahl neuer Umspannwerke bauen.

Sie ist der größte Verteilnetzbetreiber im Südwesten. Dazu kommen noch Stadtwerke oder Verbünde wie die oberrheinische Badenova.

Strategen des Essener Energiekonzerns Eon glauben, fürs ganze Bundesgebiet seien in den nächsten 20 Jahren Investitionen im dreistelligen Milliardenbereich nötig. Kann es aber wirklich sein, dass dies zumindest zu einem bedeutenden Teil durch Elektro-Mobilität und Wärmepumpen angeschoben wird?

Bei der Beurteilung helfen wiederum nackte Zahlen: Laut der Technologie-Organisation VDE braucht ein Haushalt beim Betrieb von Wärmepumpe und Wallbox etwa 15 Kilowatt Leistung. Ohne dies seien es rund vier Kilowatt.

Besonders bedrohlich

Wobei nicht alleine das Laden von E-Autos oder das Heizen mit Wärmepumpen die Struktur ins Straucheln bringen kann. Besonders bedrohliches dräut laut Bundesnetzagentur, sollte beides in Massen gleichzeitig geschehen.

Bildhaft ausdrückt, steigt die Gefahr, wenn sich die Familie winters nach Feierabend in wohliger, dank Wärmepumpe erreichter Behaglichkeit aufs Sofa setzt und indes ihr Elektrofahrzeug für den nächsten Tag auflädt. Ein ganz normales Szenario ‐ aber in dieser Kombination eben recht neu.

Der Deutschen liebstes Heizmaterial war jahrzehntelang Gas gewesen ‐ vor Wladimir Putins Angriff auf die Ukraine schwerpunktmäßig gerne billig aus Russland bezogen. Eine Wärmepumpe galt im Vergleich dazu zwar als fortschrittlich, wegen der immanent hohen Strompreise hierzulande aber im Betrieb als teurer Spaß.

Weshalb das Gerät selbst dort, wo es wegen moderner Dämmung wärmetechnisch gepasst hätte, eher seltener verbaut wurde. Auch E-Autos waren meist nicht erste Wahl: hoher Preis bei niedriger Batterieleistung sowie wenig Ladestationen.

Auf einmal ist alles anders

Aber plötzlich ist alles anders. Die rot-grün-gelbe Bundesregierung geht mit der Idee hausieren, bis 2030 rund 15 Millionen E-Fahrzeuge in den Verkehr zu bringen. Gegenwärtig sollen laut Zulassungsstellen gerade mal etwas mehr als zwei Millionen solcher Autos unterwegs sein.

Bei Wärmepumpen wird über eine Größenordnung von einer halben Million Neuinstallationen pro Jahr philosophiert. „Nur so schaffen wir die Energiewende“, wirbt der grüne Wirtschaftsminister Robert Habeck.

Er und die Seinen möchten dem Bürger gleichzeitig durch steigende Abgaben auf einen CO₂-Ausstoß den Griff auf klassische Sprit-Autos verleiten, ebenso auf Gasheizung, Öl oder Kohle. Habecks umstrittenes Gebäudeenergiegesetz, bei Grünen-Verächtern auch „Heiz-Hammer“ genannt, tut ein Übriges. Aber die Klimaziele der Bundesregierung sind eben höchst ambitioniert: CO₂-neutral bis 2045.

Übereiltes Vorgehen

Spötter aus der Energiewirtschaft sprechen dabei vom Prinzip „Wünsch Dir was“. Sie entwerfen unter der Hand das Bild von jemanden, der den vierten oder fünften Schritt machen will, bevor er überhaupt den ersten getan hat.

Tatsächlich wirkt die Energiepolitik der jüngeren Vergangenheit alles andere als gradlinig. Ein Schlüsseljahr ist dabei 2011.

Damals war es nach einem Seebeben zum Reaktorunglück im japanischen Atomkraftwerk Fukushima gekommen. Die schwarz-gelbe Koalition unter Kanzlerin Angela Merkel beschloss ad hoc, den Ausstieg aus der Nuklear-Ära zu beschleunigen.

2022 sollte selbst für modernste Meiler Schluss sein. Womit die nur ein Jahr zuvor beschlossene Laufzeitverlängerung der damals 17 am Netz hängenden Reaktoren im Papier landete.

Verfahrene Energiepolitik

Die drohende Energielücke wollte Merkel unter anderem durch riesige Windkraftparks in Nord- und Ostsee stopfen. Das Problem speziell für Süddeutschland: Es fehlten die Wege, um den Strom von der Küste hierher zu bringen. Also musste gebaut werden.

Eine Schlüsselrolle erhielt die bis in die Heilbronner Gegend projektierte, rund 800 Kilometer lange Südlink-Leitung. Umplanungen samt üblichen komplexen Genehmigungsverfahren brachten Sand ins Getriebe. Statt wie vorgesehen 2022 dürfte Südlink nach inoffizieller Information erst 2030 fertig werden.

Nun behauptet aus der Energiewirtschaft niemand ernsthaft, dass in Süddeutschland deshalb die Lichter ausgehen. Stromimporte helfen im Zweifel.

Nach Zahlen der Bundesnetzagentur sind sie nach dem nochmals aufgeschoben, aber dann endgültigen Abschalten der letzten drei Atomreaktoren am 15. April dieses Jahres deutlich gestiegen ‐ im August etwa auf knapp 16 Prozent des deutschen Strombedarfs.

Vermeintliche Lösungen fürs Energie-Dilemma

Was aber laut des Übertragungsnetzbetreibers Tennet noch nicht einmal an fehlenden Kraftwerken im Bundesgebiet liegt. Dahinter verstecke sich der Ankauf von billigem Auslandsstrom ‐ zeitweise auch von solchem aus Atommeilern. Ärgerlich für die Grünen.

Sollte der Strommarkt unleidig funktionieren oder die Energienachfrage nicht zum Angebot der Wind- und Solaranlagen passen, präsentieren sie aber durchaus Lösungen. Im Großen könnten etwa Betriebe gegen Nachlässe beim Strompreis ihre Fertigung für einige Stunden reduzieren ‐ ein schon länger existierendes Konzept.

Im Kleinen auf der Ebene des Privatverbrauchers verweist Jutta Niemann, die in Schwäbisch Hall beheimatete energiepolitische Sprecherin der Grünen im baden-württembergischen Landtag, auf folgenden Gedanken:

Mittelfristig sollte man „auf die intelligente Abstimmung von Stromerzeugung, Stromverbrauch und Stromspeicherung mittels Smart Meter setzen.“ Gemeint ist damit die Installation von intelligenten Stromzählern. Doch da steht Deutschland ganz am Anfang.

Einschränkungen beim Privatverbraucher

Wenn Not am Mann ist, helfen gegenwärtig nur Einschränkungen beim Verbraucher ‐ übrigens eine überparteiliche Erkenntnis. Bei den Grünen wird in diesem Zusammenhang gerne von „einem Herunterdimmen des Strombezugs“ gesprochen ‐ bis auf eine Basiszulieferung von 4,2 Kilowatt herab.

Betroffen sind die Auslöser der Misere: hauptsächlich Wärmepumpen und Ladestationen, sogenannte steuerbare Verbrauchseinrichtungen.

Gelten soll die Regel für Neuinstallationen ab 2024. Bei Altgeräten kommt es für eine Übergangsfrist auf den Inhalt des bisherigen Stromvertrags an. Das Herunterdimmen bedeutet dabei, dass die Technik langsamer arbeitet.

Ein Umstand, den aber fast niemand bemerken würde, möchte Bundesnetzagentur-Chef Klaus Müller glaubhaft machen. Panik hält er für fehl am Platz. Womit Müller auf der Linie seiner Partei liegt: Es sind die Grünen.