StartseiteRegionalBaden-WürttembergWeniger Flugrouten - mehr Windkraft: Kretschmann fordert Einschränkungen für Bundeswehr

Hubschrauber vs. Windräder

Weniger Flugrouten - mehr Windkraft: Kretschmann fordert Einschränkungen für Bundeswehr

Baden-Württemberg / Lesedauer: 4 min

Wo die Bundeswehr mit ihren Hubschraubern übt, dürfen keine Windräder gebaut werden. Dadurch fehlt Platz für zusätzliche 4000 Windräder. Der Ministerpräsident will das ändern.
Veröffentlicht:09.12.2023, 10:00

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Wo die Bundeswehr mit ihren Hubschrauber übt, dürfen keine Windräder gebaut werden. Ohne diese Sperrkorridore wäre nach Berechnung der Landesregierung in Baden-Württemberg Platz für zusätzliche 4000 Windräder. Deshalb fordert Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) Änderungen von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD).

Hubschrauber-Piloten wie jene des Laupheimer Geschwaders 64 müssen Übungsflüge absolvieren. In einem je 1,5 Kilometer breiten Korridor links und rechts dieser Routen dürfen aus Sicherheitsgründen keine Windräder stehen. Außerdem gelten Abstandsgebote zu den Radaranlagen der Stützpunkte. Allein in Baden-Württemberg sind dadurch etwa elf Prozent der Landesfläche für Windkraftanlagen gesperrt.

Derzeit 70 Prozent der Fläche im Kreis Biberach gesperrt für Windkraft

Und es könnten noch mehr werden, denn der Bund plant eine Ausweitung der Sicherheitszonen. Schon jetzt fallen laut dem baden-württembergischen Staatsministerium etwa im Landkreis Biberach 70 Prozent der Flächen unter die Vorgaben, in der Region Donau-Iller sind 60 Prozent betroffen.

Eigentlich sollen in den kommenden Jahren 200 bereits bestehende Windräder repowert werden. Das bedeutet, dass ältere Anlagen durch leistungsstärkere und höhere ersetzt werden sollen. Betroffen wäre also ein Viertel aller bereits errichteten Anlagen. Doch das geht wegen der Beschränkungen der Bundeswehr nicht.

Platz für 4000 Windräder

Dabei setzt das Land besonders auf diese Windparks. Zum einen, weil sich gegen neue Anlagen oft Widerstand regt, der Ärger beim Repowering bestehender Anlagen indes oft bereits abgeebbt ist. Zum anderen stehen die Windräder in der Regel eben dort, wo der Wind am stärksten und häufigsten weht. Denn diese Standorten sind besonders lukrativ und wurden daher von Investoren als erste genutzt.

„Insgesamt führen die Flugkorridore und die Radar-Mindestflughöhe dazu, dass ein Drittel der Potentialfläche in Baden-Württemberg für windhöffige Standorte nicht genutzt werden kann. Das entspricht 4000 Windkraftanlagen“, erklärt eine Sprecherin von Ministerpräsident Kretschmann.

Bundesweit beklagt etwa der Verband der Windkraftunternehmen diese Restriktionen und fordert Veränderungen. Dort sieht man von den Vorgaben ein Drittel der Flächen in Deutschland gefährdet.

Hubschrauber aus Laupheim üben auch über Altdorfer Wald

Streit hatte ins der Region zuletzt auch um den geplanten Windpark im Altdorfer Wald (Kreis Ravensburg) gegeben. Nach Auffassung von Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) hatte die Bundeswehr ihre Flugrouten ausgeweitet, ohne dies mit den Behörden im Land abzusprechen.

Dadurch war der Bau des größten neuen Windparks in Baden-Württemberg gefährdet, dort sollen sich in einigen Jahren Dutzende Windräder drehen. Der genaue Verlauf der Korridore für Hubschrauber unterliegt aus Sicherheitsgründen ohnehin strikter Geheimhaltung.

Die Bundeswehr hatte die Vorwürfe zurückgewiesen und sah die Schuld beim Land - dieses habe schlicht keinen Kontakt mit den Verantwortlichen bei der Bundeswehr aufgenommen. Nach einer monatelangen Hängepartie gab die Bundeswehr grünes Licht für den Windpark.

Bundeswehr betont: entscheiden pro Windrad, wo möglich

Aus Sicht des Verteidigungsministeriums sind die Routen und Abstände um Radaranlagen zwingend notwendig - gerade vor dem Hintergrund der Sicherheitslage, die sich seit dem russischen Angriff auf die Ukraine deutlich verschärft habe. Außerdem prüfe man jeden Einzelfall und sei dabei großzügig.

Es ist nicht nachvollziehbar, warum Übungsflüge vom Start- bis zum Endpunkt im Tiefflug geflogen werden sollten.

Sprecherin des Ministerpräsidenten

Im Zeitraum von 2017 bis 2021 war die Bundeswehr nach eigenen Angaben an der Planung von rund 2500 Windenergieanlagen-Projekten beteiligt gewesen. Im Jahr 2022 habe man in 95 Prozent der Fälle den Windenergieprojekten zugestimmt. Der Bund hat sich selbst ein Ausbauziel für Windräder gegeben: Bis 2040 sollen zwei Prozent der Flächen in Deutschland dafür genutzt werden.

Baden-Württembergs Regierungschef fordert auch angesichts dieser Ziele, die Regeln zu lockern und erst Recht nicht zu verschärfen. Zum einen soll die Bundeswehr auf Teile ihrer Routen verzichten.

Außerdem schlägt er der Luftwaffe vor, nicht auf allen Routen durchgehend Tiefflüge zu üben. „So ist nach wie vor nicht nachvollziehbar und erscheint auch realitätsfern, wieso zu Übungszwecken von einem Startpunkt bis zu einem Endpunkt durchgehend im Tiefflug geflogen werden sollte“, sagt eine Sprecherin.

Geht es nach dem Südwest-Regierungschef, soll die Bundeswehr möglichst alle „flugbetrieblichen Spielräume“ nutzen, um die Aufrüstung bestehender Windräder zu ermöglichen.

Kretschmann spricht mit Pistorius

Diese Forderungen brachte Kretschmann am Donnerstagabend in einem Gespräch mit Verteidigungsminister Pistorius an. Danach sagte seine Sprecherin der „Schwäbischen Zeitung“, man habe sich in konstruktiver Atmosphäre ausgetauscht. Pistorius habe zugesagt, die Wünsche aus dem Südwesten zu prüfen.

Kretschmann selbst betonte: „Wir haben gemeinsam mit dem Bund viele Bremsen beim Windkraftausbau gelöst. Um unsere Klimaziele zu erreichen, müssen wir aber alle Spielräume nutzen, die uns zur Verfügung stehen. Deshalb brauchen wir auch in der Frage von militärischem Übungsgelände einen pragmatischen Ansatz, der sich an der Frage orientiert: Welche Strecken werden in welcher Anzahl wirklich gebraucht, damit die Bundeswehr für Praxistests gut gerüstet ist. Zeitenwende heißt im Klartext eben auch: Wir müssen Lösungen für Zielkonflikte finden, die eine unabhängige Energieversorgung und die Verteidigungsfähigkeit sichern. Beides ist für die strategische Souveränität Deutschlands unabdingbar.“