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Warum Baden-Württemberg für die Hochwasserschäden anderer Bundesländer zahlt

Ravensburg / Lesedauer: 4 min

Ein Hochwasser gerade durch Starkregen kann fast jeden treffen. Baden-Württemberg ist auf Schäden deutlich besser vorbereitet als andere Länder und fordert mehr finanzielle Fairness.
Veröffentlicht:07.02.2024, 17:00

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90 Prozent der Städte und Gemeinden in Baden-Württemberg sind laut Umweltministerium potenziell von Hochwasser betroffen.Was das Land für den Schutz tut, wo die Hochwassergefahr groß ist und warum auch andere Bundesländer vom Südwesten profitieren.

Warum zahlt Baden-Württemberg für Hochwasserschäden anderer Bundesländer?

Kurz gesagt: Weil Baden-Württemberg beim Hochwasserschutz verglichen mit anderen Bundesländer gut aufgestellt ist. Bis 1994 war jeder Hausbesitzer im Südwesten gesetzlich dazu verpflichtet, sein Haus gegen sogenannte Elementarschäden zu versichern. Darunter fallen Schäden etwa durch Schneedruck, Erdbeben und auch Hochwasser. Noch immer haben, laut dem Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft 94 Prozent der Hausbesitzer hierzulande eine solche Elementarschadenversicherung. In anderen Bundesländer liegen die Versicherungsquoten deutlich niedriger: Während Nordrhein-Westfalen mit 56 Prozent nach Baden-Württemberg noch am besten gegen Hochwasserschäden versichert ist, haben in Bayern gerade einmal 45 Prozent eine Elementarschadenversicherung.

Seit 2002 gab es dreimal ein bundesweites Sondervermögen für Hochwasserschäden, zu denen Baden-Württemberg insgesamt 2,8 Milliarden Euro beisteuerte. Jüngstes Beispiel: Die Flut im Ahrtal 2021. Weil die Versicherungsquote hierzulande deutlich höher ist als in anderen Bundesländern, zahlt der Südwesten die Hochwasserschäden für die schlechter versicherten Bundesländer mit, während das Land kaum Hilfen in Anspruch nimmt. Den gezahlten 2,8 Milliarden Euro aus den vergangenen drei Sondervermögen stehen 53 Millionen Euro an Hilfen für eigene Hochwasserschäden gegenüber.

„Unfair“, findet auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). Wiederholt forderte der 75-Jährige deshalb eine bundesweite Versicherungspflicht. Derzeit untersucht eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe, wie sich die Versicherungsquote bundesweit erhöhen lässt. Auch eine Versicherungspflicht wird geprüft.

Wie groß ist die Gefahr von Hochwasser im Südwesten?

Pauschal lässt sich das nicht sagen. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen zwei Arten von Hochwasser: entlang von Flüssen und durch Starkregen. Letztere können fast überall auftreten. Mit Blick auf Flusshochwasser stuft das Landesumweltministerium vor allem den nördlichen Oberrhein mit den Ballungszentren Karlsruhe und Mannheim sowie den unteren Neckarlauf mit den Zentren Stuttgart, Heilbronn und Heidelberg als gefährdet ein.

Neben den großen Flüssen besteht aber auch in kleinen, engen Tälern mitunter erhebliche Hochwassergefahr. Wetterexperte Roland Roth von der Wetterwarte Süd in Bad Schussenried erklärt das folgendermaßen: „Gerade bei starken Niederschlägen summieren sich die Abflüsse von Oberlauf und Seitenhängen. In kurzer Zeit kann es hier zu gewaltigen Abflussmengen kommen.“ Beispiele seien etwa die Seitentäler von Donau und Neckar entlang der Schwäbischen Alb, aber auch die der Flüsse Rotach und Iller im westlichen und östlichen Oberschwaben. „Hier kann es bei starken Niederschlägen zu erheblichen Problemen kommen, die durch den Klimawandel noch verstärkt werden“, so der Meteorologe. „Im Südwesten haben wir bereits eine Erwärmung von zwei bis zweieinhalb Grad, also fast das doppelte des globalen Temperaturanstiegs. Je wärmer es wird, desto mehr Wasser speichert die Atmosphäre. Wird diese zum Abregnen gebracht, können gewaltige Wassermengen in kurzer Zeit frei werden. Darauf müssen wir uns zukünftig einstellen.“

Was tut das Land für den Hochwasserschutz?

Dieser verteilt sich auf mehrere Schultern. Für die großen Flüsse ist das Land zuständig und finanziert etwa Dämme, Rückhaltebecken und Auenrenaturierungen. Insbesondere das 1000 Kilometer lange Dammnetz stammt laut Umweltministerium zu großen Teilen noch aus den Fünfzigerjahren und muss Stück für Stück saniert werden. 70 Millionen Euro investierte Baden-Württemberg hier im vergangenen Jahr.

Weitere 45 Millionen Euro stellt die Landesregierung den Kommunen zur Verfügung. Sie sind für den Hochwasserschutz entlang kleinerer Flüssen und bei Starkregen zuständig. Viele Kommunen erarbeiten aktuell sogenannte Starkregengefahrenkarten, die das Land mit bis zu 70 Prozent fördert. Von 434 Projekten, die vom Land bislang bewilligt wurden, haben 138 eine Risikobewertung abgeschlossen.

Auch Hauseigentümer selbst sind in der Pflicht. Wer etwa sein Haus in einem Risikogebiet versichern möchte, muss einen gewissen Hochwasserschutz nachweisen - etwa geschlossene, wasserdichte Kellerfenster, Rückschlagklappen oder freie Abflussleitungen.

Was kostet eine Elementarschadenversicherung?

Das hängt sehr vom Standort ab. Berichte reichen von rund 100 Euro bis mehrere tausend Euro pro Jahr. Je gefährdeter ein Standort ist, umso höher der Versicherungsbeitrag. In stark hochwassergefährdeten Gebieten lehnen Versicherungen mitunter Anfragen von Hausbesitzern ab. Befürworter einer bundesweiten Versicherungspflicht sehen sich angesichts solcher Fälle in ihrer Forderung bestätigt.

Wie weiß ich, ob mein Haus gefährdet ist?

Die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg bietet auf seiner Homepage eine interaktive Hochwassergefahrenkarte des Kartendienstes „UDO“. Dort lassen sich einzelne Gefahrenszenarien durchspielen. Die Szenarien stellen die überfluteten Bereiche für 10-, 50- und 100-jährige Hochwasserereignisse dar. Ein 100-jähriges Hochwasserereignis tritt statistisch gesehen einmal in hundert Jahren auf. Selbst das Extremszenario eines tausendjährigen Hochwassers kann eingesehen werden. Für insgesamt 12.500 Kilometer entlang von Flüssen und Gewässern weist die interaktive Karte die Hochwassergefahr für jeden beliebigen Standorte aus. Ein Hausbesitzer kann so genau sehen, wie betroffen er im Falle eines bestimmten Hochwasserereignisses ist.