StartseiteRegionalBaden-WürttembergVSAN-Narren bereiten sich auf 100. Geburtstag vor

Baden-Württemberg

VSAN-Narren bereiten sich auf 100. Geburtstag vor

Meßkirch / Lesedauer: 5 min

Die Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte bereitet sich auf den 100. Geburtstag 2024 vor. In der Diskussion steht aber auch ein offener Brief, in dem fünf Zünfte im Vorfeld ihren Unmut breitmachten.
Veröffentlicht:09.10.2023, 05:00

Artikel teilen:

Die Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN) hat sich am Wochenende in Meßkirch (Landkreis Sigmaringen) zur jährlichen Herbstarbeitstagung getroffen. Im Fokus standen dabei nicht nur die Vorbereitung auf 100 Jahre VSAN im kommenden Jahr, sondern auch das Unesco-Welterbe und ein offener Brief, in dem fünf Zünfte im Vorfeld ihren Unmut breitmachten.

„Fasnet isch a ernschda Sach“, ist ein alter Spruch, in dem oft viel Wahrheit steckt. Das weiß auch VSAN-Präsident Roland Wehrle, der es aber am Wochenende in Meßkirch bei der gastgebenden Katzenzunft geschafft hat, die fünf Zünfte aus Endingen, Wolfach, Bräunlingen, Schömberg und Schramberg wieder einzufangen. Denn mitten im Hochsommer platzte ein offener Brief in die ruhende Fasnetswelt, ein Brief, in dem fünf Zünfte ihrem Ärger Luft machten. Kernpunkte dabei waren die Finanzierung des Narrenschopfs in Bad Dürrheim, der Schulterschluss mit dem Kölner Karneval in Sachen Unesco-Weltkulturerbe sowie eine falsche Fokussierung der VSAN und die Nähe zur großen Politik.

Dass Präsident Wehrle, der gerne den Kontakt zur Politik sucht und jüngst auch beim Karneval zu Besuch war, „not amused“ darüber gewesen ist, liegt auf der Hand. Wehrle ist aber ein Mann, den man durchaus als extremen Netzwerker bezeichnen kann. Ein Mann, der vor allem vor dem großen Jubiläumsjahr „100 Jahre VSAN“ alles gebrauchen kann, nur nicht internen Ärger oder gar eine gespaltene Vereinigung.

Schulterschluss mit dem Rheinland

„Wir haben vieles mit den betroffenen Zünften in einem Vorgespräch klären und einen Konsens finden können. Wir sind ein pluraler und demokratischer Verband“, betont Wehrle in Meßkirch und versichert, dass die VSAN mit ihren insgesamt 68 Mitgliederzünften „auch wieder mit einer starken Stimme“ sprechen wird. „Wir sind Deutschlands ältester Dachverband der Narren und das bringt auch eine Verantwortung mit sich. Deswegen suchen wir nun den Schulterschluss mit dem rheinischen Karneval, auch, weil uns eben die gleichen Fragen beschäftigen“, sagt Wehrle. Gerade die Überbürokratisierung bei der Umzugsplanung, diverse Genehmigungsverfahren der einzelnen Zünfte habe der Karneval „im gleichen Maße“ wie die schwäbisch-alemannische Fastnacht.

Auch deswegen, so Wehrle, suche er zusammen mit seinem Präsidium „die Nähe zur Politik“. Bestes Beispiel war die Verleihung der Goldenen Narrenschelle an Bayerns Ministerpräsident Markus Söder im Europapark Rust Anfang des Jahres ‐ Laudator war Ministerpräsident Winfried Kretschmann. „Wir haben auch ständig gute Gespräche mit dem Innenministerium von Baden-Württemberg. Natürlich hatten wir hier einen Stillstand durch Corona, die Gespräche in Form eines runden Tisches gehen aber weiter“, betont der Präsident, der am Wochenende in Meßkirch knapp 700 Vertreterinnen und Vertreter aus allen 68 VSAN-Zünften bei der Herbstarbeitstagung zu Gast hatte.

Die Bürokratie erleichtern

Gerade Gespräche mit der großen Politik, aber auch mit dem Städte-, Gemeinde-, und Landkreistag würden dazu führen, dass die Arbeit der Zünfte an der Basis bei ihren Brauchtumsveranstaltungen einfacher würde. „Wir diskutieren da Lösungen, sprechen beispielsweise auch über eine Fünf-Jahres-Genehmigung für Brauchtumsveranstaltungen, die bisher Jahr für Jahr neu beantragt werden muss“, so der Präsident, der auf der einen Seite „Ordnung und Sicherheit“ gewährleisten müsse, aber auch eine „kreative Fasnet ohne bürokratische Auflagen“ möchte.

Erleichtern könnte das alles die Anerkennung der schwäbisch-alemannischen Fasnet als immaterielles Unesco-Weltkulturerbe, weil dann viele bürokratische Hürden „fallen“, wie Wehrle sagt.

Im Bundesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes

Das sieht auch Professor Werner Mezger so, der als Germanist und Volkskundler seit Jahrzehnten als ausgewiesener Experte der hiesigen Fasnetsbräuche gilt und die Vereinigung auf dem Weg zum Welterbe unterstützt. Mezger, der ebenfalls in Meßkirch war, sieht schon die Gründung der Vereinigung im Jahr 1924 als eine Art Startschuss, um mit der Politik „auf Augenhöhe“ sprechen zu können.

Seit 2014 steht die VSAN nun im bundesweiten Verzeichnis des immateriellen Weltkulturerbes, ebenso übrigens wie auch der rheinische Karneval. „Das sorgt für eine Reputation der Fastnacht als ein veritables Stück Kultur. Schon jetzt haben wir dadurch eine andere Verhandlungsbasis. Das führt auch dazu, dass nun auch enorme Gelder fließen, wie beispielsweise insgesamt rund 1,5 Millionen Euro für den Narrenschopf in Bad Dürrheim“, erklärt Mezger. Sogar der Louvre in Paris habe bereits registriert, welche Schätze im Narrenmuseum liegen. Ende 2024 soll im Louvre eine Ausstellung zur Darstellung von Narren eröffnet werden. „Ich stehe hier im Kontakt mit dem Louvre“, sagt Mezger stolz.

Neuer Geschäftsführer

Auch das würde alles die Bemühungen der VSAN unterstützen, zusammen mit dem rheinischen Karneval auf die internationale Welterbe-Liste der Unesco zu kommen. Denn letztendlich entscheiden darüber in einem ersten Schritt die 16 Bundesländer bei der Kultusministerkonferenz, bevor es dann im Jahr 2026 von 170 Staaten beschieden wird. „Würden wir uns hier nicht mit dem rheinischen Karneval bewerben, würde es ganz sicher ein entweder oder geben. Deswegen ist es wichtig, dass wir hier gemeinsam marschieren“, betont Präsident Wehrle, der im Jahr 2025 nicht mehr zur Wahl als Präsident stehen wird.

Davor aber will die VSAN noch groß feiern ‐ und zwar ihren 100. Geburtstag. Passend dazu stellte Wehrle in Meßkirch erstmals mit Holger Marxer von der Poppele-Zunft Singen einen Geschäftsführer für die VSAN vor, der am 16. Oktober seine Arbeit aufnehmen wird. Denn im Jubiläumsjahr will die VSAN auch die Weichen für die Wehrle-Nachfolge stellen, dafür sollen laut VSAN-Vize Peter Schmidt, der ebenfalls 2025 aufhört, neue Strukturen geschaffen werden. „Dieser Prozess hat 2022 begonnen, es wurde eine Findungskommission gegründet. Wir wollen weg von der Personen-Struktur, hin zu einer Aufgaben-Struktur“, so Schmidt. Namen für die Wehrle-Nachfolge werden indes noch keine diskutiert. „Das wollen wir nach der nächsten Fasnet machen“, kündigt Schmidt an.


Jubiläum