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Vor 60 Jahren: Charta eint die vertriebenen Deutschen

Stuttgart / Lesedauer: 4 min

Vor 60 Jahren: Charta eint die vertriebenen Deutschen
Veröffentlicht:31.07.2010, 11:25

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Die Verabschiedung der Charta der deutschen Heimatvertriebenen vor 60 Jahren in Stuttgart gilt als Meilenstein der Nachkriegszeit. „Die Charta ist ein einzigartiges Dokument der Versöhnung“, sagte Innenminister Heribert Rech (CDU) am Freitag bei einer Tagung. Historiker weisen aber auch auf die weniger glanzvollen Aspekte der Charta hin.

Von unserem Redakteur Armin Kübler

Kein Laut war zu hören. Mehr als 70000 Menschen hatten sich am Morgen des 6. August 1950 vor der ausgebombten Ruine des Neuen Schlosses in Stuttgart versammelt. Jetzt lauschen sie andächtig, wie die am Vortag verabschiedete Charta der deutschen Heimatvertriebenen verlesen wird. Nur einmal branden Emotionen auf. Die Passage „Gott hat die Menschen in ihre Heimat hineingestellt“ spiegelt das Gefühl wider, das Millionen Vertriebene auch fünf Jahre nach Ende des Krieges noch in sich tragen: Dass man sie zwang, ihre Heimat zu verlassen, verstieß gegen eine höhere Ordnung.

Mathias Beer , Leiter des Instituts für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde in Ulm, schilderte bei der Tagung „60 Jahre Charta – Wege er Versöhnung“, was sich rund um den 5. und 6. August 1950 in Stuttgart ereignete. Der Landesverband Württemberg-Baden des Zentralverbands der vertriebenen Deutschen (ZVD) – der heutige Bund der Vertriebenen (BDV) wurde erst 1957 gegründet –, hatte für den 6. August zu einer Massendemonstration eingeladen. Das Datum war kein Zufall. Genau fünf Jahre zuvor endete die Potsdamer Konferenz. Auf ihr hatten die USA, Großbritannien und die Sowjetunion die „humane Rückführung der Deutschen“ vereinbart.

„Die Vertriebenen wollten mit der Charta eine Antwort auf Potsdam geben“, sagt Beer. Die Großdemonstration in Stuttgart bot sich in Verbindung mit dem markanten Datum als Zeitpunkt für die Verabschiedung an. Nach längeren Diskussionen – die Vertriebenen hatten nach Ende des Koalitionsverbots 1949 erst begonnen sich zu organisieren und es gab mehrere Verbände – einigte man sich auf einen Text. Verabschiedet wurde die Charta am 5. August im Kursaal in Bad Cannstatt. Verkündet wurde sie am nächsten Morgen bei der Demonstration vor der Schlossruine und am Nachmittag setzten Vertreter der beiden größten Verbände ihre Unterschriften unter das Dokument.

Es sind vor allem zwei Sätze, auf denen der Ruf der Charta als „Dokument der Versöhnung“ gründet: „Wir Heimatvertriebenen verzichten auf Rache und Vergeltung“, heißt es unter Punkt 1. Gleich danach folgt: „Wir werden jedes Beginnen mit allen Kräften unterstützen, das auf die Schaffung eines geeinten Europas gerichtet ist, in dem die Völker ohne Furcht und Zwang leben können.“

Helmut Kohl (CDU) bezeichnete die Charta als Musterbeispiel europäischer Kultur. „Sie war und bleibt ein Werk des Friedens“, sagte der damalige Bundeskanzler 1995. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sagte 2006, als er noch Bundesinnenminister war: „Ein beeindruckendes Zeugnis menschlicher Größe und Lernfähigkeit.“

Historiker sehen das etwas nüchterner. „Die Bedeutung der Charta stieg erst im Laufe der Jahre“, sagt Christopher Dowe . Er ist einer der Kuratoren der Landesausstellung „Ihr und Wir“, die sich mit der Integration der Heimatvertriebenen im Südwesten auseinandersetzt. Die Schau ist noch bis zum 22. August im Haus der Geschichte in Stuttgart zu sehen. Direkt nach ihrer Verkündung vor 60 Jahren habe die Charta weder innen- noch außenpolitisch eine große Rolle gespielt, sagt Dowe.

Von großer Bedeutung sei die Charta aber als gemeinsamer Nenner der Vertriebenen gewesen, quasi als „Gründungsmythos“. Durch eine Bündelung der Interessen, der bis dahin teilweise miteinander im Streit liegenden Verbände, erlangten die Vertriebenen mehr gesellschaftlichen Einfluss. Schließlich waren zu dieser Zeit auch im Südwesten fast ein Fünftel der Einwohner sogenannte „Neubürger“ (siehe Kasten).

Doch die Charta enthält auch durchaus problematische Elemente. Beispielsweise folgenden Satz: „Die Völker der Welt sollen ihre Mitverantwortung am Schicksal der Heimatvertriebenen als der vom Leid dieser Zeit am schwersten betroffenen empfinden.“ Der Mord an sechs Millionen Juden wird hier mit keiner Silbe erwähnt. Für den Historiker Dowe ist das wenig überraschend. „Ein Teil der Unterzeichner war an der NS-Besatzungs- und Vernichtungspolitik beteiligt.“ Wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen hätte es auch bei den Vertriebenen zwischen NS-Diktatur und Nachkriegszeit eine „Kontinuität der Eliten“ gegeben.

Im Südwesten konnten die Vertriebenen ihre neue gesellschaftliche Stärke gleich demonstrieren. Bei der Abstimmung über den Südweststaat 1951 bildeten sie das Zünglein an der Waage. Dem „südwestdeutschen Gezänk“ zwischen Badenern und Württembergern standen die Vertriebenen verständnislos gegenüber, sie votierten für ein geeintes Bundesland.

Beim Ringen um die Verfassung des späteren Baden-Württemberg forderten die Vertriebenen, ganz im Sinne der Charta, die Aufnahme des Heimatbezugs. Der steht nun in Artikel 2: „Das Volk von Baden Württemberg bekennt sich darüber hinaus zu dem unveräußerlichen Menschenrecht auf die Heimat.“