Beziehungsgewalt

Verhängnisvolle Beziehung – wenn Frauen ihren Partner schlagen

Stuttgart / Lesedauer: 9 min

Ein 34-Jähriger aus Stuttgart berichtet, wie er jahrelang von seiner Freundin körperlich und seelisch drangsaliert wurde
Veröffentlicht:30.06.2022, 20:00
Aktualisiert:01.07.2022, 07:54

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Gewalt in Beziehungen wird in den meisten Fällen von Männern an Frauen verübt. Richtig ist aber auch, dass viele Männer Opfer von Beziehungsgewalt werden. So erleiden Schätzungen zufolge mindestens eine Million Männer in Deutschland regelmäßig häusliche Gewalt durch ihre Partnerin. Experten gehen zudem von einer hohen Dunkelziffer aus, da aus Scham die meisten darüber schweigen. Die Sozialberatung Stuttgart ist Betroffenen eine Anlaufstelle und betreibt eine Schutzwohnung für Männer. Dort fand zeitweise auch ein 34-jähriger Betriebswirt Zuflucht. Der Mann von normaler Statur kann sich gut ausdrücken und hat eine lukrative Arbeitsstelle. Rund zehn Jahre lang wurde er von seiner Partnerin geschlagen, getreten und emotional unter Druck gesetzt. Dirk Grupe hat ihn getroffen und seine ungewöhnliche Geschichte aufgeschrieben.

„Zuerst wie im Höhenflug“

Als ich meine Ex-Freundin im Studium kennenlernte, da waren wir beide Anfang zwanzig. Sie war damals super beliebt, jeder wollte mit ihr Party machen und sich mit ihr treffen. Ich dagegen war eher ein Außenseiter mit langen Haaren. Trotzdem haben wir uns gut verstanden und oft miteinander gelernt. Irgendwann schickte sie mir eine SMS, in der stand: „Auch Frauen können dich attraktiv finden.“

Ich dachte erst, sie hat die Nachricht fälschlicherweise an mich gesendet, doch dann schrieb sie mir: „Ich meine dich!“ Wie im Höhenflug hat sich danach die Beziehung zwischen uns entwickelt, und ich war der glücklichste Mensch der Welt. Wir hatten scheinbar die gleichen Interessen, den gleichen Musikgeschmack, mochten das gleiche Essen – und haben alles gemeinsam gemacht. Das war schön. Aber allmählich veränderte sich etwas.

Mal traurig, mal wütend

Sie bekam immer öfter emotionale Ausbrüche, es gab jetzt Momente, in denen sie ganz plötzlich sehr traurig wurde und ein anderes Mal plötzlich sehr wütend. Ich habe sie dann beruhigt und getröstet. Und bin in eine Rolle gerutscht, mich immer um sie zu kümmern, damit es ihr gut geht.

Anfangs haben sich ihre Ausbrüche auch gar nicht gegen mich gerichtet. Aus Wut schleuderte sie zum Beispiel ihr Handy gegen die Wand. Damals habe ich noch gedacht: „Jeder hat seine Macken.“ Doch mit der Zeit fing sie an, immer stärker auszurasten. Und eines Tages begann sie auch mich zu beschimpfen: Ich sei ein Arschloch, ein Stück Scheiße und nichts wert. In diesem Augenblick war ich wie versteinert, wie eingefroren, in Schockstarre. Danach hat sich ganz langsam auch die Gewalt eingeschlichen.

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Ich weiß noch, wie ich sie einmal trösten wollte, da hat sie mir mit den Fingernägeln die Arme blutig gekratzt. Das tat ihr anschließend leid und sie hat meine Wunden mit Jodtinktur behandelt. Aber so lief es dann oft ab: Sie tat mir etwas an, zeigte Reue, bis alles wieder von vorne losging.

„Wütend wurde sie wegen allem möglichen“

Wütend wurde sie wegen allem möglichen, weil ich zu schlecht putzte, das Fenster beim Lüften nur auf Kippe stellte oder Dinge einkaufte und kochte, die sie nicht verträgt. Außerdem war sie extrem eifersüchtig auf andere Frauen, hatte immer Angst, ich würde sie verlassen. Ich habe damals gedacht, sie hat ja recht, ich putze wirklich schlecht und mache vieles falsch. Deshalb habe ich versucht, die Dinge besser zu tun. Plötzlich liefen dann für sie aber andere Sachen falsch. Am schlimmsten war es in den Jahren zwischen 2013 und 2016, da habe ich mindestens einmal am Tag eine Ohrfeige von ihr bekommen.

Und zwei-, dreimal die Woche ist sie völlig ausgerastet, das Drama ging dann bis vier Uhr morgens. Dabei hat sie mich mit scharfen Gegenständen geschlagen, oft mit einem Staubsaugerrohr. Einmal wurde ich so schwer am Kopf getroffen, dass ich benommen vor dem Sofa liegen blieb. Immer wenn sie mich geschlagen hat, habe ich versucht, mein Gesicht mit den Armen zu schützen oder mit einer Decke die Schläge fernzuhalten. Mein Rücken war übersät von blauen Flecken, gebissen hat sie mich auch.

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Ob ich je daran gedacht habe, mich körperlich zu wehren? Nein, ich habe sie ja gern, und ich will niemandem wehtun, den ich gern habe. Ihr ging es ja auch nicht gut, wenn sie abwechselnd geweint hat, um dann wieder aggressiv zu werden.

Es gab auch Zeiten, da war sie weniger gewalttätig, ganz aufgehört hat es aber nie. Das war eine Sache, die einfach kam, die plötzlich da war. Danach habe ich immer zwei, drei Tage gebraucht, um wieder ruhig zu werden. Oft war ich auch nur k. o. und habe aus Erschöpfung nichts mehr mitbekommen. Ich hatte einfach keine Kraft mehr und habe nur versucht, von einem Tag auf den nächsten zu kommen. Dazu kam, dass sie mich ständig kontrollierte, meine Kalender und Termine überprüfte. Zu Hause musste ich alle Türen auflassen, sogar wenn ich zur Toilette ging. Sie konnte es nicht ertragen, allein zu sein, sie hatte Angst, dass ich sie im Stich lasse.

„Alles ging zu Bruch“

Ist sie dann wieder ausgerastet, hat sie alles kaputt geschlagen, meine Smartphones, meine Laptops, einfach alles ging zu Bruch. Aber immer nur Dinge, die mir gehörten. Und jeden Monat brauchte ich mindestens eine neue Brille. Einmal hat sie mir sogar eine stabilere Brille geschenkt, die ihren Tritten besser standhalten konnte. Weil ich so viele Schrammen hatte, galt ich auf der Arbeit schon als Trottel und Idiot, der oft auf die Nase fällt.

Irgendwann musste ich in die Notaufnahme, und als der Arzt meine Blutergüsse sah, hat er für mich einen Kontakt zur Sozialberatung Stuttgart hergestellt. Erst bin ich in Panik geraten und war unsicher, weil ich ja selbst der Meinung war, dass ich zu viel falsch mache und sie damit provoziere. Dennoch habe ich heimlich einen Termin vereinbart. Die Sozialberatung hat mir dann sehr geholfen. Ich konnte meine Situation hinterfragen und eine andere Perspektive einnehmen.

„Ich hatte Panikattacken“

Schließlich habe ich den Entschluss gefasst, sie zu verlassen. Als meine Freundin für ein paar Tage verreist war, bin ich in die Schutzwohnung der Sozialberatung gezogen. Doch dann kam die Pandemie, alles hat dichtgemacht und ich brauchte meine Sachen aus unserer gemeinsamen Wohnung. „Das gibt es doch nicht“, habe ich damals gedacht, „jetzt bist du wieder hier, und alles geht von vorne los.“ Das war sehr schwer für mich. Als ich vergangenen Herbst aber auf Geschäftsreise musste, bin ich nach meiner Rückkehr erneut in die Schutzwohnung. Sie war völlig aufgelöst, als ich ihr den Schritt am Telefon erklären wollte. Sie hat es nicht verstanden. Sie dachte, ich wäre mit einer anderen Frau durchgebrannt. Immer wieder und wieder musste ich ihr die Gründe erklären, das war verrückt.

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In der Schutzwohnung bekam ich anfangs Panikattacken. Nachts konnte ich nicht schlafen, und tagsüber habe ich mich nicht getraut rauszugehen. Vorher war ich ja immer unter Adrenalin, nun aber fiel der Stress ab, und ich hatte wieder Kraft, meine Angst überhaupt zu spüren.

Eine Zeit lang haben wir noch jeden Tag miteinander telefoniert. Irgendwie fühlte ich mich dafür verantwortlich, dass es ihr gut geht. Sie kann ja unglaublich liebenswert sein, unglaublich aufmerksam, sich unglaublich um einen kümmern. Und auf der anderen Seite unglaublich aggressiv sein.

„Ich gewinne Abstand“

Inzwischen gewinne ich Abstand, und auch sie hat ein Anti-Gewalttraining gemacht und geht zur Psychotherapie. Seitdem schreibt sie mir nur noch schöne Dinge, was sie gemacht hat, schickt sehr viele Fotos von ihrem Alltag. Und wenn sie gemeinsame Freunde von uns trifft, fragt sie: „Willst du nicht mitkommen?“ Manchmal erhalte ich 30, 40 Nachrichten von ihr innerhalb kurzer Zeit. Sie lässt noch nicht so richtig los. Das macht mir Sorgen.

Kürzlich musste ich ins Ausland und habe die Reise extra unter falschem Namen gebucht. Trotzdem hat sie herausbekommen, wohin ich fahre und sogar wen ich getroffen habe. Das war ein Schock für mich. Nun versuche ich immer zu verbergen, was ich vorhabe und wen ich treffe. Meine Wohnungstür verschließe ich mit doppeltem Schloss und achte darauf, dass von außen niemand erkennen kann, ob ich zu Hause bin oder nicht, lasse manchmal das Licht brennen. Sie weiß auch, wo ich arbeite und hat es sogar geschafft, sich mit Leuten aus meiner Abteilung anzufreunden. Ich habe das Gefühl, dass ich ein Stück weit mitspielen muss, um in Ruhe und in Sicherheit leben zu können.

Voller Selbstzweifel

Weshalb ich nicht früher von ihr weggegangen bin, habe ich mich lange auch gefragt. Ich war eben damit beschäftigt, jeden Tag zu überleben, immer unsicher, welchen Anteil ich an ihren Ausbrüchen habe und was ich ändern kann. Ich war voller Selbstzweifel und hatte Angst davor, ins Bodenlose zu fallen. Erst der Rückzug in die Schutzwohnung war für mich der Start in ein neues Leben. Der Anfang war zwar schwierig, danach ging es aber steil bergauf. Nun bin ich an einem Punkt, an dem es nur Schritt für Schritt vorwärts geht. Der Weg ist noch weit.

Und ja, manchmal bekomme ich Sehnsucht nach ihr. Wenn sie mir zum Beispiel ein Foto von ihren Beinen schickt und ich ihre Schuhe erkenne, dann kommen Erinnerungen hoch. Früher habe ich nur die eine oder die andere Seite bei ihr gesehen. Heute weiß ich, dass auch sie unter alldem leidet. Irgendwann musste ich ihr versprechen, dass wir eines Tages zusammen aufs Oktoberfest gehen und mit dem Riesenrad fahren. Ich fühle mich ihr noch immer verpflichtet, dieses Versprechen einzulösen.