StartseiteRegionalBaden-WürttembergÜberraschende Wendung in Debatte um Rückkehr zu G9 im Südwesten

Politische Brandmauer bröckelt

Überraschende Wendung in Debatte um Rückkehr zu G9 im Südwesten

Baden-Württemberg / Lesedauer: 3 min

Als letztes Flächenbundesland hält der Südwesten eisern am achtjährigen Gymnasium fest – bislang zumindest. Das könnte sich nun ändern.
Veröffentlicht:13.06.2023, 11:56

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Der Widerstand bröckelt: Seit Jahren wehrt sich Baden-Württemberg als einziges Flächenbundesland gegen eine Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium.

Das könnte sich nun ändern. Die grün-schwarze Landesregierung startet eine Bürgerbeteiligung zur Frage, ob es G9 künftig wieder geben soll. Im Koalitionsvertrag von 2021 hatten sich Grüne und CDU noch darauf verpflichtet, an den Schulstrukturen in dieser Legislaturperiode nicht zu rütteln.

Im Sommer soll jetzt aber ein Bürgerforum mit zufällig ausgewählten Baden-Württembergerinnen und Baden-Württembergern beginnen, wie das Staatsministerium von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) am Dienstagvormittag mitteilte.

In mehreren Sitzungen sollen sich die Bürgerinnen und Bürger mit dem Thema beschäftigen, sollen Experten anhören und die Auswirkungen einer möglichen Rückkehr zu G9 beraten. Im Herbst sollen sie dann ihre Empfehlung aussprechen. Diese ist zwar nicht verbindlich, sie erzeugt aber Druck auf die Regierenden.

Baden-Württemberg verteidigt G8 bislang vehement

Quer durch Deutschland haben die Länder zu Beginn der 2000er-Jahre den Weg zum Abitur von neun auf acht Jahre verkürzt. Inzwischen sind fast alle westdeutschen Flächenländer von G8 zu G9 zurückgekehrt. Als vorletztes Land geht das Saarland zum kommenden Schuljahr diesen Schritt.

Nur Baden-Württemberg sträubte sich bislang dagegen. In einer Arbeitsgruppe zur Weiterentwicklung des Gymnasiums unter dem Titel „Gymnasium 2030‟ hatte es das Kultusministerium sogar explizit abgelehnt, über derlei Strukturänderungen überhaupt nur zu sprechen.


Einige Argumente des Landes gegen G9: Mit den beruflichen Gymnasien und den Oberstufen an Gemeinschaftsschulen gebe es bereits Möglichkeiten, um das Abitur in neun Jahren zu erlangen. Außerdem verweist das grün-geführte Kultusministerium gerne auf die landesweit 43 Modellschulen, die G9 anbieten. Zudem wäre eine generelle Rückkehr zu G9 sehr teuer und Lehrer ohnehin rar.

Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) begrüßt das Beteiligungsverfahren, betonte aber auch, dass sie andere Probleme für drängender halte: "Die großen Herausforderungen in unserem Bildungssystem liegen im vorschulischen und im Grundschulbereich."

Volksantrag für Rückkehr zu G9 läuft bereits

Die Initiative "G9 Jetzt", die seit Jahren für eine Rückkehr zum neunjährigen allgemeinbildenden Gymnasium kämpft, lässt diese Argumente nicht gelten. Sie hat vergangenen Herbst einen Volksantrag gestartet und sammelt für ihre Sache seitdem Unterschriften.

Am "Turbo-Abi", wie sie dies nennt, kritisiert die Initiative, dass zu wenig Zeit im Unterricht für Vertiefung bleibe, Inhalte nicht altersgerecht vermittelt werden könnten und den Schülerinnen und Schülern keine Zeit für außerschulische Aktivitäten bleibe.

Eine Forsa-Umfrage hatte vor gut einem Jahr ganz klar den Wunsch nach G9 belegt. Lediglich sechs Prozent aller befragten Eltern hatten sich ausschließlich für G8 ausgesprochen hatten, während 62 Prozent für ein reines G9-System waren. 29 Prozent hatten sich eine Wahlmöglichkeit zwischen beiden Wegen gewünscht.