StartseiteRegionalBaden-WürttembergSpüren wir im Südwesten was vom „Jahrhundertsturm“? - Kritik an Bezeichnung

Tote und Verletzte in Frankreich

Spüren wir im Südwesten was vom „Jahrhundertsturm“? - Kritik an Bezeichnung

Baden-Württemberg / Lesedauer: 3 min

England und Frankreich wurden schwer getroffen vom "Jahrhundertsturm". Für Deutschland ist die Bezeichnung nicht nur absurd, sondern gefährlich, mahnt Wetter-Experte Roland Roth.
Veröffentlicht:03.11.2023, 16:35

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In diesem Jahr sind die Meere, auch der Atlantik, so warm wie noch nie. Das hat Folgen. In Europa, insbesondere an den Küsten Frankreichs, Englands und Spaniens, werden heftige Orkanböen erwartet.

Nach Abzug des Orkantiefs „Ciaran“ über Westeuropa hat sich die Lage in Belgien am Freitag zum Großteil normalisiert. Dort war am Donnerstag ein Kind und ein weiterer Mensch wegen des Sturms ums Leben gekommen. 

Mehrere Menschen verloren nach bisherigen Angaben in Belgien, Frankreich, Großbritannien, den  Niederlanden und Spanien als Folge des Sturms ihr Leben. Teile Deutschlands waren - wenn auch in weit schwächerer Form - ebenfalls betroffen.

Was im Südwesten Deutschlands zu erwarten ist und warum der Begriff "Jahrhundertsturm" problematisch ist, verrät Meteorologe Roland Roth von der Wetterwarte Süd im Interview.

Ist die Bezeichnung „Jahrhundertsturm übertrieben?

Für Deutschland ist das völlig deplatziert. In der Region Bretagne und Ärmelkanal ist der Begriff zwar nicht völlig falsch, aber das ist der zweite Jahrhundertsturm innerhalb kürzester Zeit - allein das macht die Begrifflichkeit absurd.

Ist es ein Problem, dass sich Zuspitzungen wie "Jahrhundertsturm" oder "Kältepeitsche" abnutzen, wenn man sie zu häufig verwendet?

Vollkommen richtig, dadurch geht die Aufmerksamkeitsschwelle nach unten und man nimmt die Begrifflichkeiten nicht mehr so ernst. Kältepeitsche oder Russenpeitsche sind keine meteorologischen Begriffe. Mittlerweile gibt es auf dem Wettermarkt enorm viele Anbieter, die sich in Szene setzen und auf sich aufmerksam machen wollen.

Sind Stürme etwas, womit wir uns aufgrund des Klimawandels in Zukunft häufiger beschäftigen müssen?

In Summe gibt es vielleicht nicht mehr Stürme, aber man kann schon feststellen, dass sie, wenn sie denn auftreten, tatsächlich heftiger sind als früher. Es ist die Frage, ob das am Klimawandel liegt. Wir haben dieses Jahr durch den Klimawandel bedingt auf jeden Fall höhere Temperaturen im Mittelmeerraum. Das Mittelmeer selbst ist viel zu warm für die Jahreszeit. Gleichzeitig ist aber im Norden die Luft so kalt wie immer und dieser Temperaturgegensatz muss sich angleichen. Das führt zu stärkeren Stürmen. Der Raum Grönland, genauer gesagt südlich von Island, ist die Geburtsstätte der Tiefdruckgebiete, weil dort warme und kalte Luft aufeinandertreffen.

Könnte auch bei uns im Südwesten ein außergewöhnlich heftiger Sturm entstehen?

Natürlich kann auch bei uns in Mitteleuropa so ein Orkan auftreten. Das kann in diesem Winter passieren, es kann aber auch sein, dass es noch zehn Jahre dauert. Wir hatten 1999 den berühmten Weihnachtsorkan Lothar, das war der schwerste Sturm aller Zeiten in Süddeutschland.

Sind wir im Südwesten dennoch tendenziell weniger betroffen?

Grundsätzlich stimmt das schon. Süddeutschland ist eher von den Ausläufern betroffen. Die Tiefdruckgebiete selbst ziehen über den Norden Deutschlands hinweg. Lothar hat sich damals in Irland gebildet, ist über Paris nach Süddeutschland gezogen. Norddeutschland war von diesem Orkan deutlich weniger betroffen. Aber generell ist der Norden Deutschlands eher mehr betroffen als der Süden.

Ausblick auf Deutschland und den Südwesten: Was bekommen wir von dem sogenannten Jahrhundertsturm mit?

Spitzenböen an die 100 km/h sind durchaus denkbar, durchschnittlich werden es zwischen 60 und 90 km/h sein. Am stärksten wird es erhöhte Lagen wie die Schwäbische Alb, die auch näher am Tiefdruckzentrum liegt, treffen. Die Bodenseeregion ist weniger betroffen. Man sollte sich dennoch vor herabfallenden Ästen und umstürzenden Bäumen in Acht nehmen. Die Windstärke in der Bretagne und am Ärmelkanal werden wir aber mit Sicherheit nicht erreichen.