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Tod einer Ärztin

Trauer und Vorwürfe am Medizin Campus Bodensee

Friedrichshafen / Lesedauer: 4 min

Nach mutmaßlichem Suizid einer Oberärztin herrschen Betroffenheit und Wut. Das Klinikum wehrt sich gegen Vorwürfe und will mit einem Gutachten den Spieß umdrehen.
Veröffentlicht:06.12.2023, 20:15

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Die Vorwürfe einer verstorbenen Ärztin am Medizin Campus Bodensee gegenüber der Klinik schlagen weiter Wellen. Die Klinikleitung präsentiert zur Entlastung ein Gutachten, doch dieses wird vom Anwalt der Toten und von Personal des MCB angegriffen. Dort herrscht laut Berichten von Mitarbeitern eine angespannte Stimmung.

Bereits vor ihrem mutmaßlichen Suizid Ende der vergangenen Woche hatte die Oberärztin schwere Vorwürfe gegen einen ihr vorgesetzten Chefarzt erhoben. Unterlagen dazu liegen der „Schwäbischen Zeitung“ vor. Bekräftigt werden sie außerdem vom Anwalt der Toten, Detlef Kröger.

Im Kern geht es dabei darum, dass der verantwortliche Chefarzt ungeeignetes Personal zur Betreuung schwer kranker Patienten eingesetzt haben soll – aus Sicht der Ärztin mit teilweise tödlichen Folgen. Sie selbst wurde, wie sie beschrieb, zu solchen Fällen hinzugerufen, allerdings teils „zu spät“. Sie sprach von menschlichen Dramen und hoher psychischer Belastung.

Ärztin nimmt Überforderung von Kollegen wahr

Die Ärztin selbst hatte sich nach eigener Aussage immer wieder dazu gedrängt gefühlt, Missstände zu verschweigen. Man habe ihr etwa gedroht, dass die rechtliche Schuld nach solchen Todesfällen ihr zugeschrieben würde, sollte sie nicht stillhalten. Auf Anfrage der „Schwäbischen Zeitung“ hatte die Klinik auf ein Gutachten verwiesen, das ein von ihr beauftragter externer Gutachter bereits vor dem Tod der Ärztin verfasst hatte. Darin erhebt dieser seinerseits Vorwürfe gegen die Ärztin.

Konkret geht es bei den Vorwürfen der Ärztin um Todesfälle bei Patienten, die nach Ansicht der Oberärztin von in den jeweiligen Situationen völlig überforderten Assistenzärzten teils „grob fahrlässig“ ausgelöst wurden - etwa durch das Versäumen von Reanimationsmaßnahmen.

In manchen Fällen seien weitere Todesfälle nur durch glückliche Umstände verhindert worden. In einer an die Klinikleitung gestellten Gefährdungsanzeige, die die „Schwäbische Zeitung“ einsehen konnte, beschrieb sie einen solchen Fall: Bei einem Patienten, dessen Zustand sich akut verschlechterte, sei der Alarm am Monitor ausgestellt worden, anstatt sich zu kümmern oder Pflegekräfte und die diensthabende Oberärztin herbeizurufen.

Nur weil diese sich zufällig im Raum nebenan aufgehalten habe, habe der Patient gerettet werden können, schrieb die verstorbene Ärztin in ihrem Bericht. Eine „sichere, verantwortungsvolle und leitliniengerechte Versorgung“ könne auf der betroffenen Station nicht mehr gewährleistet werden.

MCB hält Vorwürfe für unberechtigt

In anderen Fällen richteten sich die Vorwürfe der Oberärztin direkt gegen den Chefarzt. Auf sein Betreiben, so beschrieb sie, seien bei Komplikationen nach Eingriffen aus ihrer Sicht notwendige Nachbehandlungen durch Gefäßchirurgen des Hauses unerwünscht gewesen. Teils soll er auch eine Dokumentation solcher Nachbehandlungen - sollten sie unvermeidbar gewesen sein - verhindert haben. Eine Sprecherin des MCB weist diese Vorwürfe zurück, sie entsprächen „nicht den Tatsachen“.

Die Ärztin beschrieb jedoch beispielsweise folgenden Fall: Nach einem Eingriff kam es demnach zu einer arteriellen Blutung am Arm einer Patientin inklusive großer Schmerzen und drohendem Verlust der Funktion der Hand. Ein Oberarzt habe - der Linie des Chefs folgend - verhindert, dass die Patientin in den OP verbracht wurde. „Ich müsse das konservativ hinkriegen, durch Anlage eines zweiten Druckverbands“, beschrieb sie die Aussage des Oberarztes. „Daraufhin beschlagnahmte ich quasi die Patientin“, erläuterte sie weiter. Sie habe dann eine Operation durch die Gefäßchirurgie veranlasst, wodurch die Hand habe gerettet werden können.

Zu unterschiedlichen Vorwürfen verweist der MCB auf Anfrage der „Schwäbischen Zeitung“ auf ein Gutachten, das man Ende September „bei einem national und international anerkannten Experten in Auftrag gegeben“ habe. „Es kommt zu dem Ergebnis, dass sämtliche [...] erhobenen Vorwürfe unberechtigt waren“, heißt es im Schreiben der Klinik. In dem Gutachten, das der „Schwäbischen Zeitung“ vorliegt, wirft der Ersteller wiederum der Ärztin üble Nachrede und Verleumdung vor, zudem „fehlende Qualifikation“ und „massive Pflichtverletzungen“.

Große Betroffenheit bei Trauerfeier im Kollegenkreis

Der Anwalt der verstorbenen Ärztin, Detlef Kröger, bezeichnet das Gutachten als „Gefälligkeitsgutachten“, in dem „Schutzbehauptungen“ aufgestellt würden. Er zeigt sich außerdem darüber verwundert, dass der Gutachter - ein Mediziner - sich auch zu arbeitsrechtlichen Vorgängen ausführlich einlässt und die Prüfung von arbeitsrechtlichen Konsequenzen nahelegt. Kröger: „Das ist abenteuerlich“. Ein Interesse an einer seriösen Aufarbeitung durch die Klinik kann er nicht erkennen.

Eine Mitarbeiterin des MCB, die anonym bleiben möchte, bestätigt diesen Eindruck. Sie wundere sich, dass niemand aus dem Pflegeteam zu den Fällen befragt worden sei. „Stattdessen wird ein Gutachter aus der Ferne hinzugezogen, aber diejenigen, die immer mit den Ärzten zusammenarbeiten und nachts bei den Patienten sind und sehen, wie sie sterben, werden nicht gehört.“ Sie findet es bezeichnend, dass der Ersteller des Gutachtens, ein renommierter Mediziner aus Sachsen, den Chefarzt kennen würde. „Das zeigt ja, inwieweit das Gutachten ernstzunehmen ist.“ Tatsächlich haben beide bereits mehrfach gemeinsam publiziert, zuletzt im Jahr 2022.

Im Klinikum selbst herrscht nach Aussagen mehrerer Mitarbeiter, mit denen die „Schwäbische Zeitung“ gesprochen hat, eine angespannte Stimmung. Bei einer Gedenkfeier im Auditorium der Klinik am Mittwoch zeigte sich laut Augenzeugen die große Betroffenheit über den Tod einer offenbar sehr geschätzten Kollegin. Die Zahl der Besucher war demnach so groß, dass viele vor dem Saal ausharrten. Der Chefarzt fehlte.