StartseiteRegionalBaden-WürttembergSüdbahn am Limit: Land bestellt mehr Plätze - und die Bahn liefert weniger

Zwischen Ulm und Bodensee

Südbahn am Limit: Land bestellt mehr Plätze - und die Bahn liefert weniger

Baden-Württemberg / Lesedauer: 5 min

Auf der Strecke zwischen Ulm und Bodensee ist die Auslastung hoch, größere Züge könnten das Problem lösen. Also bestellte das Land mehr Kapazität. Die Bahn lieferte - noch weniger.
Veröffentlicht:22.01.2024, 16:00

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„Ein Wagen fehlt“ - diesen Hinweis am Bahnsteig oder in der App der Deutschen Bahn lesen Reisende zwischen Bodensee und Stuttgart gerade häufig. Viele Züge auf der Südbahn sind mit eingeschränktem Platzangebot unterwegs.

Das beeinträchtigt nicht nur den Komfort, sondern auch den Fahrplan: Anfang Januar war der Mangel so groß, dass Züge aus Oberschwaben gar nicht mehr bis zum Stuttgarter Hauptbahnhof fuhren, sondern auf der Strecke kehrtmachten.

Wir müssen seitens des Landes feststellen, dass die Verstärkung der Züge des IRE3 faktisch nicht stattfindet.

Ministeriumssprecher

Seit dem Fahrplanwechsel im Dezember hätte sich die Lage entspannen sollen, denn das Land Baden-Württemberg hat bei der Bahn-Tochter DB Regio längere Züge mit mehr Sitzplätzen geordert. Doch statt wie bestellt mehr Kapazitäten zu liefern, macht die Bahn das Gegenteil: Sie liefert weniger.

Bahn hat 100 zusätzliche Plätze pro Zug versprochen

„Wir müssen seitens des Landes feststellen, dass die Verstärkung der Züge des IRE3 faktisch nicht stattfindet“, teilt ein Sprecher von Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) auf Nachfrage der „Schwäbischen Zeitung“ mit. Beim IRE3 handelt es sich um die zumeist einstöckigen Triebzüge, die die Strecke Ulm-Friedrichshafen-Lindau bedienen.

Sie haben eine Kapazität von 200 Sitzplätzen. Auf den nachfragestärksten Verbindungen hätte laut Ministeriumssprecher bis zu 50 Prozent mehr Platz zur Verfügung gestellt werden sollen, indem ein zweiter kürzerer Triebzug mit 100 Sitzplätzen an den ersten angehängt wird.

Es werden auch die vom Land bestellten Bestandskapazitäten des Fahrplanjahres 2023 massiv unterschritten.

Ministeriumssprecher

Das Land kann eine solche Verstärkung bestimmen, weil es für die Organisation des Schienen-Nahverkehrs zuständig ist und diesen auch bezahlt. Die DB und andere Verkehrsunternehmen sind - anders als beim Fernverkehr - nur die Auftragnehmer. Doch DB Regio liefert nicht wie bestellt. Und nicht nur das: „Es werden auch die vom Land bestellten Bestandskapazitäten des Fahrplanjahres 2023 massiv unterschritten“, so der Ministeriumssprecher.

Bahn kann Zusagen nicht einhalten

Das gilt nicht nur für den IRE3, sondern für sämtliche Züge, die auf der Südbahn unterwegs sind, und das schon seit Monaten. Für die Zeit seit dem Fahrplanwechsel im Dezember kann das Verkehrsministerium zwar noch keine Übersicht liefern. Doch schon in den Monaten davor sah es nicht gut aus auf der Südbahn.

Im Oktober lieferte die Bahn beim IRE Ulm-Lindau und auf anderen Linien, die das Land gemeinsam mit diesem als Auftrag vergeben hatte, gerade einmal 55 Prozent der bestellten Kapazität. In den Doppelstockzügen des RE5, der von Friedrichshafen über Ulm nach Stuttgart fährt, waren es den Zahlen des Ministeriums zufolge 67 Prozent.

Die langsameren Regionalbahnen, die auf Teilstrecken der Südbahn zwischen Ulm und Biberach beziehungsweise zwischen Friedrichshafen und Lindau unterwegs sind, lieferten jeweils etwas über 60 Prozent der bestellten Kapazität. Auffällig schwach schnitt die Bodensee-Oberschwaben-Bahn (BOB) ab. Die blauen Triebzüge, die zwischen Friedrichshafen und Aulendorf pendeln, boten nur knapp mehr als die Hälfte (53 Prozent) des bestellten Sitzplatzangebotes. Die BOB ist in kommunalem Besitz, den Betrieb verantwortet aber ebenfalls die DB Regio.

Es fehlt an Personal und Technik

Die Bahn erklärt das reduzierte Angebot mit einer „Ressourcenknappheit in der Fahrzeuginstandhaltung“. Dadurch habe „die Verfügbarkeit der Fahrzeuge leider abgenommen“, wie ein Bahn-Sprecher auf Anfrage mitteilt. „Grund hierfür sind hohe Krankenstände beim Personal und Materialengpässe bei Ersatzteilen“. Außerdem habe Bahn weniger Fahrzeuge in Reserve, weil es Ausfälle auf der Schwarzwaldbahn Offenburg-Singen gegeben habe.

Südbahn: Bahn bricht Zusagen

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... kommentiert Redakteur Ulrich Mendelin.

Dies betreffe vor allem Steuerwagen. Dabei handelt es sich um Wagen mit einem Führerstand, von dem aus die Lok am anderen Ende des Zuges gesteuert werden kann. Solche Wagen sparen vor allem bei Richtungswechseln Zeit, wie sie auf der Südbahn im Stadtbahnhof Friedrichshafen vorgenommen werden. Der Lokführer kann dann einfach von der Lok in den Führerstand am anderen Ende des Zuges wechseln, statt dass die Lok zeitaufwändig umgespannt werden muss.

Züge fuhren zum Teil nicht wie geplant bis Stuttgart

Welche Folgen der Engpass bei den Wagen haben kann, hat sich in der zweiten Januarwoche gezeigt. Der RE5 von Friedrichshafen fuhr gar nicht mehr bis Stuttgart Hauptbahnhof. Die Züge endeten - sofern sie wegen des Bahnstreiks in der zweiten Wochenhälfte überhaupt fuhren - in Esslingen. Dort mussten die Fahrgäste auf den nächsten Nahverkehrszug warten. Die RE-Züge machten kehrt Richtung Bodensee.

Der Bahn-Sprecher verweist darauf, dass die Fahrgäste so zumindest Planungssicherheit hatten. Man habe eine Woche lang „ein Stabilisierungsprogramm mit reduzierten Angeboten, aber mit hoher Verlässlichkeit“ eingesetzt. Nach Einschätzung von Fachleuten sparte die Bahn auf diese Weise an den entsprechenden Tagen einen ganzen Zug ein. Ein Zug besteht normalerweise aus vier Wagen.

Beschwerden des Verkehrsministers beim DB-Vorstand bleiben erfolglos

Inzwischen fahren die Züge wieder bis zum Stuttgarter Hauptbahnhof, aber die Ursache des Problems besteht weiterhin. Sie liegt im Betriebswerk der Bahn in Ulm, das dem Land schon länger wegen schlechter Leistung ein Dorn im Auge ist. Verkehrsminister Hermann hat sich schon seit 2021 beim Bahn-Vorstand mehrfach deswegen beschwert - bislang ohne durchschlagenden Erfolg.

Zwar habe das zuständige Bahn-Vorstandsmitglied, Evelyn Palla, versprochen, „dem Prozess höchste Aufmerksamkeit zu schenken“. Aber, so Hermanns Sprecher: Eine nachhaltige Verbesserung sei nicht erkennbar. „Es blieb bei kurzfristigen Erholungsphasen.“ Während dieser sei man schon „besser gestimmt“ gewesen als jetzt gerade. Man werde nun erneut auf Frau Palla zugehen.