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Stuttgarter Piraten lehnen den bürgerlichen OB-Kandidaten Sebastian Turner ab

Stuttgart / Lesedauer: 5 min

Stuttgarter Piraten lehnen den bürgerlichen OB-Kandidaten Sebastian Turner ab
Veröffentlicht:22.04.2012, 23:25

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Benommen hätten sie sich wie wohlerzogene Kinder - diszipliniert, sachlich, ohne Emotion. So beschrieb es am Sonntagabend Sebastian Turner. „Es war ganz schön bürgerlich“, lautete sein Urteil über die Mitgliederversammlung des Stuttgarter Kreisverbandes der Piraten. Doch ganz so bürgerlich wollten die Mitglieder dann doch nicht sein. Sie entschieden sich bei der Wahl ihres Oberbürgermeister-Kandidaten gegen Turner, der bereits von CDU , FDP und Freien Wählern unterstützt wird. Stattdessen nominierten sie Harald Hermann, 52, tätig in der Datenverarbeitung bei der Stadt Stuttgart, Mitglied der Piraten.

Die Partei hatte in den vergangenen Wochen über das Internet einen eigenen OB-Kandidaten für die Wahl am 7. Oktober gesucht. Am Sonntag stellten sich sechs Bewerber vor, zwei mit Mitgliedschaft in der Partei. Prominentester Kandidat war der parteilose 45-jährige Sebastian Turner.

Martin Eitzenberger , Vorsitzender des Stuttgarter Kreisverbandes der Piraten, sagte im Vorfeld: „Herr Turner muss nur sagen, wie er sich die Unterstützung vorstellt.“ Wenn er überzeuge und ihn die Mitglieder wählten, sei das kein Problem: „Wir sind flexibel.“ Dass Turner von den konservativen Parteien gestützt wird, allen voran der CDU, störte Eitzenberger nicht. „Die CDU ist eine Volkspartei – ihr linker Flügel ist linker als die SPD, ihr rechter Flügel jenseits von dunklen Gefilden.“ Er schaue sich immer die Menschen an.

Stefan Kaufmann, Vorsitzender der CDU Stuttgart , soll sich zunächst zurückhaltend zu Turners Vorstellung bei den Piraten geäußert haben. Vergangene Woche sagte er: „Herrn Turners Vorgehen wurde immer von den Spitzen von CDU, FDP und Freien Wählern mitgetragen.“ Er betonte dabei die hohe Attraktivität der Piraten für viele Wähler. „Wir können uns der Diskussion nicht verschließen.“

Turner wollte in seiner Rede vor den Piraten „das Verbindende in den Mittelpunkt stellen und gemeinsame Ziele für die Stadtpolitik formulieren“. Es gebe so viele Unvereinbarkeiten zwischen CDU und Piraten, dafür reiche kein Parteitag aus. Grundsätzlich sieht er aber auch drei große Gemeinsamkeiten: Das Thema Freiheit, die Technikoffenheit und die Beteiligung der Bürger. Kritisch sieht Turner dagegen vor allem die Haltung der Piraten zum Thema Urheberrecht.

Sein Flirt mit den politischen Emporkömmlingen habe natürlich in der CDU auch Irritationen ausgelöst: „Politische Zusammenarbeit ist immer irritierend – auch zwischen CSU und CDU.“ Doch gerade in der Kommunalpolitik gehe es grundsätzlich „pragmatisch und sachorientiert" zu. Turner betonte zudem: „Ich bereite mich vor auf die Leitung des Rathauses und damit einer Allparteien-Regierung.“

254 Mitglieder hat der Kreisverband Stuttgart nach eigenen Angaben aktuell. Abgestimmt über den Oberbürgermeister-Kandidaten haben am Sonntag allerdings nur 26 Mitglieder. Mehr waren nicht gekommen. 80 Prozent ihrer Fragen stellten sie an den Kandidaten Turner – zu Transparenz in seiner Wahlkampffinanzierung oder zu seiner Vorstellung über die Zusammenarbeit mit den Piraten. Hier wollte Turner stark auf ihre technischen Kenntnisse setzen, beispielsweise bei der Bürgerbeteiligung.

Mehr Frauen begeistern

„Man merkt, er hat sich seine Gedanken gemacht“, sagt Stefanie Kruse, Vorstandsmitglied des Bezirksverbandes Stuttgart. „Dass sich einer, der jahrelang in der Werbung gearbeitet hat, gut verkaufen kann, war allerdings auch zu erwarten.“ Kruse ist seit 2009 Piratin. Der „Freiheitsgedanke, der hinter der Partei steht“, hat sie davon überzeugt, den Piraten beizutreten. Die Leute seien ihr ähnlich, liegen mit ihr auf einer Wellenlänge, sagt die 31-Jährige. Als Ingenieurin hatte sie das Gefühl, dass viele Parteimitglieder „im Alltag mit ähnlichen Dingen konfrontiert werden“. Der typische Pirat gilt als männlich, jung und technikaffin. Doch Kruse sagt: „Ich bin mir sicher, dass mein Bild der Piraten ein anderes ist als das meines Nebensitzers."

Auch Simon Engelhaupt sagt: „Den typischen Piraten gibt es eigentlich nicht.“ Der Altersdurchschnitt steige, Kruse versucht, über einen Frauenstammtisch mehr Frauen für die Partei zu begeistern, und laut Eitzenberger kommen immer mehr Piraten aus anderen Berufen als den technikaffinen. Engelhaupt, mittlerweile 20 und Abiturient, hat bei der Landtagswahl 2011 für die Piraten in Stuttgart kandidiert. Er hat sich mit dem Programm der Piraten auseinandergesetzt und ist ihnen letztlich beigetreten, weil er hier ein „schönes Diskussions- und Arbeitsklima“ sieht. Jeder könne einen Antrag stellen und seine Meinung einbringen. Zu Turners Kandidatur sagt er: „Wir sollten den Kandidaten unterstützen, der unsere Themen in der Stadt umsetzen kann, wir müssen ja dann mit ihm auch ab 2014 zusammenarbeiten, wenn wir in den Gemeinderat kommen.“ Pirat Christian Thomae, 30, meint vor der Wahl zu Turner: „Es spielt keine Rolle, ob er von CDU, FDP oder den Freien Wählern unterstützt wird.“ Die Piraten hätten kein Interesse „an Grabenkämpfen – die haben in der Kommunalpolitik nichts zu suchen“.

Am Ende bleiben die Piraten jedoch lieber unter sich. Turner erhält fünf Stimmen. Sebastian Nerz, Bundesvorsitzender der Partei aus Tübingen, sagte am Abend: „Ich glaube nicht, dass die Parteizugehörigkeit bei den Bewerbern eine Rolle gespielt hat.“ Die Frage sei gewesen, ob Herr Turner als Person überzeugen konnte. Abiturient Engelhaupt hat sich indes gerade mit dessen konservativem Engagement nicht anfreunden können. „Ich finde es schwer, mit der CDU zusammenzuarbeiten“, sagt er. Irgendwo hat auch die Bürgerlichkeit der Piraten ihre Grenzen.