Gutachten

Schnellere Verbindung auf Gäubahn möglich

Baden-Württemberg / Lesedauer: 5 min

Gutachter für Einsatz von Neigetechnik zwischen Stuttgart und Zürich – Deutsche Bahn hat dafür aber keine Züge
Veröffentlicht:01.09.2016, 21:36
Aktualisiert:23.10.2019, 12:00

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Ein Ausbau der Gäubahn könnte die Fahrzeit zwischen Stuttgart und Zürich um fast 20 Minuten verkürzen – und das zu deutlich geringeren Kosten als bislang gedacht. Das hat eine Studie im Auftrag des Landesverkehrsministeriums ergeben. Der Haken: Die Gutachter setzen eine Technik voraus, die die Bahn derzeit gar nicht anbietet.

Für die Anrainer der Gäubahn war es eine herbe Enttäuschung: Der Bundesverkehrswegeplan, den Anfang August das Bundeskabinett beschlossen hat, stuft den Ausbau der Bahnstrecke als nachrangig ein. Dabei wären Investitionen dringend nötig. Ausgerechnet die prosperierenden Ballungsräume Stuttgart und Zürich werden von einer kurvenreichen, in weiten Teilen eingleisigen Bahnlinie verbunden, die im Vergleich zu Auto oder Fernbus kaum noch konkurrenzfähig ist. Abgesehen davon hat sich Deutschland schon 1996 in einem Vertrag mit der Schweiz verpflichtet, die Reisezeit zwischen Stuttgart und Zürich auf zweieinviertel Stunden zu verkürzen. Derzeit liegt sie bei knapp drei Stunden. Die Schweizer haben inzwischen investiert – die Deutschen nicht: „Bisher gilt auf deutscher Seite: 20Jahre diskutiert, 20 Jahre nichts passiert“, kritisiert der baden-württembergische Justizminister Guido Wolf (CDU), der auch den Interessenverband Gäubahn leitet.

Nun hat das Landesverkehrsministerium ein Gutachten vorgelegt, demzufolge eine Investition von bis zu 285 Millionen Euro schon spürbare Verbesserungen für die Passagiere bringen würde. Bislang war von Ausbaukosten in Höhe von bis zu einer Milliarde Euro die Rede. Mit dem Geld sollen vor allem größere Teile der Strecke zweigleisig ausgebaut werden, sodass Züge nicht mehr so oft wie bisher warten müssen, um Gegenverkehr durchzulassen. Das würde helfen, die Fahrzeit Stuttgart-Zürich um 19Minuten zu drücken.

Allerdings sind nicht nur bessere Gleise nötig. Die Gutachter setzen auch voraus, dass auf der Strecke künftig wieder Fernzüge mit Neigetechnik eingesetzt werden. Die können gerade auf kurvigen Trassen wie der Gäubahn entscheidende Minuten gewinnen. Bis 2010 sind hier bereits ICE-Züge mit Neigetechnik gerollt – dann war aber Schluss. Bekannt ist, dass diese Technologie bei der Deutschen Bahn keinen hohen Stellenwert genießt. Auch, weil sie immer wieder wegen Fehlfunktionen abgeschaltet werden musste. Derzeit kommt die Neigetechnik nur im Nahverkehr zum Einsatz – und auch dort läuft sie nicht zuverlässig.

Schweizer könnten einspringen

Andere Länder haben weniger Last mit den Tücken der Technik – zum Beispiel die Schweiz. Deswegen gab es schon Gespräche zwischen dem Verkehrsministerium in Stuttgart und den Schweizerischen Bundesbahnen (SBB). Die Schweizer, heißt es, seien nicht abgeneigt, mit eigenen Zügen auszuhelfen. Ob sie Fahrzeuge zur Verfügung stellen oder die Strecke selbst betreiben wollen, ist aber offen.

Aus Sicht von Rainer Kaufmann, dem Geschäftsführer des Interessenverbands Gäubahn, hätten die SBB durchaus die Kapazität für einen verstärkten Einsatz auf der Gäubahn. Er hat insbesondere SBB-Züge der in Italien hergestellten Baureihe ETR600 im Blick. „Die haben eine Zulassung in Deutschland, die könnten morgen losfahren.“ Das gelte um so mehr, als die Schweiz die bislang auf der Gotthard-Strecke eingesetzten Züge dort seit der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels gar nicht mehr brauche: Im schnurgeraden Tunnel bringt der Einsatz von Neigetechnik-Zügen keinen Vorteil. „Die Chancen, dass wir Schweizer Züge bekommen, setehen sehr gut“, so Kaufmann.

Die Deutsche Bahn wollte zu dem Gutachten keine Stellung nehmen. „Wir werden die Bewertung im Detail prüfen und uns dann im Anschluss äußern“, sagte ein Unternehmenssprecher auf Anfrage.

Zunächst einmal dient die Studie Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) nun als Munition für Lobbyarbeit in Berlin. „Nach Vorlage des Gutachtens ist klar: Es gibt keine Gründe mehr, den Ausbau der Gäubahn aufzuschieben“, drängt Hermann. „Die Strecke Stuttgart-Zürich muss in den vordringlichen Bedarf.“

Ähnlich äußerten sich am Donnerstag mehrere Bundes- und Landtagsabgeordnete aus dem Südwesten. „Ich bin mir nach wie vor sicher, dass die Gäubahn bei der Verabschiedung des Bundesverkehrswegeplans Ende des Jahres im Bundestag im vordringlichen Bedarf sein wird“, sagte Volker Kauder, Fraktionschef von CDU/CSU im Bundestag und Abgeordneter für Tuttlingen. „Das Gutachten hilft auf jeden Fall, auch unabhängig davon muss der Ausbau der Gäubahn aber in den vordringlichen Bedarf.“

„Die Gäubahn muss jetzt rein!“, forderten auch Andreas Jung (Konstanz), CDU-Landesgruppenvorsitzender aus Baden-Württemberg und Steffen Bilger (Ludwigsburg), verkehrspolitischer Sprecher der Fraktion. Die beiden Unionspolitiker erinnerten daran, dass Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) schon bei der Vorstellung des Bundesverkehrswegeplans Anfang August zugesagt hatte, das Ergebnis der nun vorliegenden Studie in die Bewertung des Projekts einfließen zu lassen.

„Eines der letzten Puzzlesteine für die Entscheidung zur Höherstufung der Gäubahn im neuen Bundesverkehrswegeplan liegt jetzt vor“, betonte auch Felix Schreiner, verkehrspolitischer Sprecher der CDU im baden-württembergischen Landtag. Seine Fraktion unterstütze die Forderung nach der Einstufung in den vordinglichen Bedarf.

Auch die SPD-Landtagsfraktion fordert den zügigen Ausbau. „Der CSU-Bundesverkehrsminister muss jetzt endlich seine Blockadehaltung aufgeben und für eine Einstufung des Ausbaus der Gäubahn im vordringlichen Bedarf des neuen Bundesverkehrswegeplans sorgen“, sagte der verkehrspolitische Sprecher Martin Rivoir aus Ulm. „Wir müssen nun Nägel mit Köpfen machen und die Gäubahn endlich ausbauen.“

Aus Sicht des baden-württembergischen Industrie- und Handelskammertags ist der Ausbau dringend nötig. „Alles andere können wir uns schlicht nicht mehr leisten. Das Gutachten belegt die Notwendigkeit des Ausbaus und prognostiziert deutliche Verbesserungen im Personen- und Güterverkehr, die dringend benötigt werden“, kommentiert BWIHK-Präsident Peter Kulitz. Um ausreichend Kapazitäten für die prognostizierten Güterzugzahlen zu schaffen, müssten jedoch alle Engpässe auf den Zubringerstrecken zur Alpentransversale beseitigt werden. Hierzu gehöre auch der Knoten Mannheim, der nun ebenfalls rasch vom Bund in den vordringlichen Bedarf hochgestuft werden solle.

Ob der parteiübergreifende Druck aus dem Südwesten in Berlin fruchtet, zeigt sich voraussichtlich im Dezember. Dann soll der Bundesverkehrswegeplan in einem Ausbaugesetz umgesetzt werden. Im Gesetzgebungsverfahren können die Abgeordneten einzelne Projekte noch von der Liste streichen – oder hinzufügen.

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