StartseiteRegionalBaden-WürttembergSchulsozialarbeitern droht der Rotstift – Lehrergewerkschaft ist alarmiert

Lehrermangel im Südwesten

Schulsozialarbeitern droht der Rotstift – Lehrergewerkschaft ist alarmiert

Baden-Württemberg / Lesedauer: 4 min

Sie sind aus den Schulen nicht mehr wegzudenken: Schulsozialarbeiter. Nun droht der Stellenausbau aber zu stagnieren. Das sind die Gründe.
Veröffentlicht:06.12.2023, 17:00

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Früher ein Makel, längst ein Trumpf: Schulsozialarbeit gilt als Gütesiegel einer Schule. In Baden-Württemberg arbeiten immer mehr dieser Fachkräfte an Schulen.

Dieser Ausbau droht nun zu stocken, befürchten Organisationen der Schulsozialarbeit – und sprechen sogar von einer möglichen Rolle rückwärts. Worum es geht.

Was tun Schulsozialarbeiter?

Sie machen Angebote für Gruppen, beraten aber auch Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern individuell. Zahlen aus dem Schuljahr 2021/22 zeigen unter anderem, dass Schulsozialarbeiter landesweit 414.000 Angebote für Klassen zur Stärkung des sozialen Zusammenhalts gemacht haben.

Hinzu kamen Hunderttausende Präventionsangebote und solche zur Konfliktbewältigung – etwa bei Mobbing. Sie haben 237.775 Kinder und Jugendliche beraten und in fast 5500 Fällen eine Kindeswohlgefährdung festgestellt. Sie unterstützen Flüchtlingsklassen und helfen Jugendlichen beim Übergang von Schule zu Beruf.

Welchen Status haben sie?

Erst seit einer Gesetzesänderung auf Bundesebene 2021 ist die Schulsozialarbeit ein eigenständiges Leistungsangebot der Kinder- und Jugendhilfe im achten Sozialgesetzbuch. Die Bundesländer hatten dies über den Bundesrat längst gefordert. Ihr Tätigkeitsfeld hat der Bund nicht genauer definiert, sondern die Jobbeschreibung den Ländern überlassen.

Das Land arbeite gerade an einer Novellierung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes, erklärt eine Sprecherin von Sozialminister Manfred Lucha (Grüne). „Wir greifen dabei insbesondere die Impulse, die uns die Fachkräfte, deren Fachverbände, die freien und öffentlichen Träger der Kinder- und Jugendhilfe, beispielsweise die Schulträger geben, auf.“

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) im Land warnt davor, Schulsozialarbeiter als Ausputzer zu vereinnahmen, weil überall im Land Lehrer fehlen. Die Angebote der Sozialarbeiter seien zwar an Schulen angesiedelt, aber von diesen unabhängig, sagte die GEW-Vorsitzende Monika Stein am Mittwoch in Stuttgart. Dort stellte sie ein Rechtsgutachten vor, das ihr Verband in Auftrag gegeben hatte.

„Gerade junge Sozialarbeitende, die neu im Arbeitsfeld ankommen, laufen Gefahr, hier und dort ‚einzuspringen‛ und für schulische Aufgaben, wie beispielsweise der Kompensierung von Unterrichtsausfall und der Realisierung der Bildungspläne vereinnahmt zu werden.“ Das Gutachten betont, dass Sozialarbeiter kein schulisches Personal seien und damit auch nicht an Weisungen etwa der Schulleitung gebunden.

Ist das die Sorge, die auch die Schulsozialarbeiter umtreibt?

Nein. Sie sind stattdessen über die jüngste Denkschrift des Landesrechnungshofs. Darin mahnen die Finanzhüter an, dass das Sozialministerium Erfolgskriterien oder Kennzahlen zur Erfolgskontrolle der Schulsozialarbeit einführen solle. „Das Förderziel sollte qualitativ und quantitativ messbar definiert werden“, heißt es da. Der Rechnungshof schlägt vor, die Förderung von Stellen an einen Sozialindex zu knüpfen, wie ihn das Kultusministerium verstärkt nutzen will, um belastete Schulen stärker zu fördern.

„Werden die angedachten Änderungen umgesetzt, besteht die Gefahr, dass Schulsozialarbeit im Ausbau stagniert und teilweise rückgebaut werden muss“, erklären das Netzwerk Schulsozialarbeit und die Landesarbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit in einer gemeinsamen Mitteilung.

„Eine sozialindexbasierte Zuweisung würde die Flächenwirkung der Schulsozialarbeit an allen Schulen gefährden.“ Schulsozialarbeit sei nicht „ziellos“, sondern folge klar formulierten fachlichen Standards. Das betont auch die GEW-Vorsitzende Stein, fordert aber eine Evaluierung der Arbeit.

Was sagt das Land dazu?

Luchas Sprecherin beschwichtigt. Die Entwicklung zeige, dass es keine Rückschritte beim Ausbau der Schulsozialarbeit gebe. Sie betont, dass die Kinder- und Jugendhilfe eine Pflichtaufgabe der Kommunen sei - nicht des Landes. Also gebe es hier auch keine Weisungen vom Land, wie diese ihre Aufgabe zu erledigen hätten. Zudem verweist sie auf den „Pakt für Familien mit Kindern“, in dem die Beteiligung des Landes an der Finanzierung der Schulsozialarbeit geregelt sei.

Wie hat sich die Schulsozialarbeit im Südwesten entwickelt?

Seitdem das Land unter Grün-Rot 2012 wieder freiwillig in die Finanzierung eingestiegen ist, kam es zum Boom. Laut dem jüngsten veröffentlichten Strukturbericht des Landesjugendamts waren im Schuljahr 2020/21 rund 2800 Schulsozialarbeiter an fast ebenso vielen Schulen tätig.

Damit haben rund 70 Prozent der Schulen eine Fachkraft vor Ort. Viele arbeiten nicht in Vollzeit, insgesamt gab es rund 1850 Stellen für Schulsozialarbeiter und damit etwa 1000 mehr als noch 2012. Das Sozialministerium spricht für das vergangene Schuljahr von rund 2000 geförderten Stellen.

Was kostet das?

Das Land hat seine Fördermittel stetig erhöht: von 15 Millionen Euro 2012 auf 39 Millionen Euro im aktuellen Doppelhaushalt in diesem Jahr und 43 Millionen Euro für 2024. Es fördert jede Stelle mit 16.700 Euro. Eine Drittelfinanzierung, wie dies mit den Kommunalverbänden 2012 vereinbart war, ist dies nicht. „Trotz der Verdoppelung des Fördervolumens konnte eine Erhöhung der Förderpauschale pro Vollzeitstelle nicht umgesetzt werden“, erklärt die Lucha-Sprecherin.

Entsprechend betont Norbert Brugger, Bildungsdezernent beim Städtetag: „Wir sehen Handlungsbedarf bei der Finanzierung.“ Der Beitrag des Landes sei eher ein Viertel als ein Drittel – zumal zusätzliche Kosten für die Ausstattung der Schulsozialarbeiter und für ihren Arbeitsplatz noch hinzukämen.