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Aus dem Leben gerissen

Von der Hamas ermordet - Jetzt spricht Shani Louks Mutter  

Ravensburg/Israel / Lesedauer: 8 min

Ricarda Louk erzählt exklusiv von den traumatischen Erlebnissen und den Gräuel der Hamas an ihrer Tochter. Auch zur Bundesregierung und den Pro-Palästina-Protesten äußert sie sich.
Veröffentlicht:24.11.2023, 11:04

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Eine Dachgeschosswohnung unweit der Gartenstraße in Ravensburg, Ricarda Louk trägt einen schwarzen Pullover, um ihren Hals hängt ein Amulett in Herzform. Ihre großgewachsene Tochter Adi, 25 Jahre, begrüßt den Gast mit einem Lächeln und reicht die Hand.

Sohn Amit (20), der gerade bei der Luftwaffe dient, kommt hinzu, „how do you do?“ Und auch der jüngste Sohn, 14, ist mit nach Oberschwaben gekommen, in die Heimat der Mutter.

„Wir funktionieren gut als Familie“, sagt Ricarda Louk. „Wir haben Betreuung und Hilfe, die Kinder gehen oft in Therapie.“ Um damit leben zu können, dass ihre Schwester Shani von der Hamas ermordet wurde, dass ihr Name und die Bilder ihres leblosen Körpers um die Welt gingen.

Meine Tochter war eine lebensfrohe Frau. Sie hätte nicht gewollt, dass wir depressiv werden, sondern dass wir weitermachen.

„Die Zeit hilft“, sagt Ricarda Louk, die gefasst und klar wirkt, ohne ihre Gefühle zu verbergen. Die vor 30 Jahren der Liebe wegen von Ravensburg nach Israel ausgewandert ist und 80 Kilometer entfernt von Gaza ihre vier Kinder großgezogen hat. Von denen eines nun nicht mehr am Leben ist.

Traditonelle Trauerzeit nach Shani Louks Tod

Um die 22-jährige Shani wurde, wie in Israel üblich, eine Woche lang getrauert. „Von morgens bis abends sind die Leute vorbeigekommen, Tausende sind bei uns ein und aus gegangen.“

Verwandte, Freunde und Fremde haben ihr Beileid ausgesprochen und Trost gespendet. Dabei geholfen, das Geschehene zu verstehen und einen Neuanfang zu finden. „Meine Tochter war eine lebensfrohe Frau. Sie hätte nicht gewollt, dass wir depressiv werden, sondern dass wir weitermachen.“ Was der Mutter vor allem dann schwerfällt, wenn der Lärm des Tages verstummt. „Am schlimmsten ist es, wenn ich ganz alleine bin, wenn ich abends im Bett über alles nachdenke.“ Und wenn die Bilder sie wieder einholen.

(Foto: Die Mutter von Shani Louk im Interview mit Medien.)

Am 7. Oktober tanzt und feiert Shani Louk auf dem Supernova-Festival im Süden Israels. Das Fest endet in den frühen Morgenstunden jedoch in einem Massaker.

Das war ein riesiger Schock. Man kann es nicht fassen, dass es die eigene Tochter ist. Diese Bilder werde ich nie vergessen.

Hamas-Terroristen stürmen das Gelände in der Negev-Wüste, kommen mit Paragleitern, Motorrädern und Autos. Sie kesseln die hilflosen Besucher systematisch ein und töten mindestens 260 Menschen. Video-Aufzeichnungen und Aussagen Überlebender zeugen von größter Grausamkeit, von lachenden und feixenden Mördern, die vergewaltigen, foltern und Flüchtende lebendig in ihren Autos verbrennen.

Telefonkontakt mit der Familie

Insgesamt sterben bei dem Überfall auf Israel mehr als 1400 Menschen, rund 240 werden in die Tunnelanlagen unterhalb des Gazastreifens verschleppt.

Shani Louk nimmt kurz nach Beginn des Angriffs noch Telefonkontakt zu ihrer Mutter auf. Dann fängt für die Familie das elend lange Warten an. Bis ein Video im Internet kursiert, das eine halbnackte junge Frau zeigt, die auf der Ladefläche eines Kleintransporters liegt. Die Gliedmaßen verdreht und mit blutendem Kopf.

Ein Junge spuckt auf den leblosen Körper, die Männerhorde brüllt „Allahu Akbar“, „Allah ist groß“. Ricarda Louk erkennt ihre Tochter an den auffälligen Tattoos. „Das war ein riesiger Schock. Man kann es nicht fassen, dass es die eigene Tochter ist“, sagt sie. „Diese Bilder werde ich nie vergessen.“

DNA bestätigt: Shani Louk ist tot

Zu diesem Zeitpunkt wähnt sie Shani aber noch am Leben. Schaltet die Behörden ein, erhält sofort eine Kontaktperson im BKA, die sie ständig erreichen kann. Versucht über Presse und Medien die Aufmerksamkeit auf das Schicksal ihrer Tochter zu lenken.

Shani Louk wurde bei einem Festival von Hamas-Terroristen getötet.
Shani Louk wurde bei einem Festival von Hamas-Terroristen getötet. (Foto: Instagram/shanukkk)

Zwischenzeitlich keimt Hoffnung auf, als jemand berichtet, Shani liege in einem Krankenhaus in Gaza. Von Regierungsseite erhält sie dagegen so gut wie keine Information. „Das war zwar frustrierend, aber auch verständlich. Auf persönlicher Ebene hatten wir einen guten Kontakt mit Deutschland. Das war mit Israel problematischer.“

Als ob es okay wäre, wenn tausende Raketen auf uns abgeschossen werden. Das ist aber nicht okay.

An den Israelis ist es dann jedoch, die schmerzhafte Botschaft zu überbringen. Nach einem DNA-Abgleich mit einem Stück Schädelknochen wird klar: Shani lebt nicht mehr. Gestorben vermutlich schon am 7. Oktober, durch einen Kopfschuss.

Shani Louk mit ihrer Mutter Ricarda Louk.
Shani Louk mit ihrer Mutter Ricarda Louk. (Foto: Instagram privat)

Bundeskanzler Scholz kondoliert, auch Außenministerin Baerbock, die schon zuvor mit der Familie in Kontakt trat. Sowie der Bundespräsident, der schreibt: „Die Grausamkeit der Mordtat an Ihrer Tochter entsetzt uns alle“, so Steinmeier. „Überall in Deutschland fühlen die Menschen mit Ihnen.“ „Diese Anteilnahme tat gut“, sagt Louk. Genauso wie die Nachrichten aus aller Welt, die sie bis heute erreichen. Anderes dagegen verärgert sie.

Anti-Israel-Kundgebungen schmerzen zusätzlich

„Mich frustrieren die Anti-Israel-Demonstrationen und die negativen Berichte über unser Land“, erklärt sie. „Das Unwissen der Leute macht mich wütend. Dass sie sich auch nicht wirklich dafür interessieren, was in den vergangenen zehn, 20 Jahren in Israel passiert ist.“

Es kann keinen Frieden geben, wenn die Hamas sich im Hintergrund wieder aufrüstet. Es kann nur Frieden geben, wenn der Terrorismus ausgelöscht wird. Diese Leute wollen alles oder gar nichts. Jede Form der Annäherung wird mit Anschlägen torpediert. Es ist wichtig, dass die Welt das versteht.

Von ihrem eigentlich ruhigen Dorf im Süden des Landes hört Ricarda Louk Tag für Tag das Grollen des israelischen Abwehrsystems Iron Dome, wenn es über den Hügeln die Raketen aus Gaza abfängt. „Für uns ist das ganz normal. Wir leben in einer absurden Realität“, sagt sie. „Weil wir ein gutes Abwehrsystem und eine starke Armee haben, interessiert das jedoch niemanden. Als ob es okay wäre, wenn tausende Raketen auf uns abgeschossen werden. Das ist aber nicht okay.“

Wie es im Gaza-Streifen weitergehen soll, weiß niemand, eine Zukunft mit der Hamas gibt es aber nicht, ist sich Louk sicher. „Es kann keinen Frieden geben, wenn die Hamas sich im Hintergrund wieder aufrüstet. Es kann nur Frieden geben, wenn der Terrorismus ausgelöscht wird. Diese Leute wollen alles oder gar nichts. Jede Form der Annäherung wird mit Anschlägen torpediert. Es ist wichtig, dass die Welt das versteht.“

Louk fehlt die Empathie für Israel

Ausgelöscht ist einstweilen aber nur das Vertrauen in ein gewaltfreies Zusammenleben. Auch innerhalb Israels, wo bis vor kurzem Palästinenser noch in den Kibbuzen entlang der Grenze gearbeitet haben. „Heute wissen wir, dass sie die Siedler ausspioniert haben.“ Wer und wie viele wo wohnen, ob sie Hunde haben oder nicht. Damit die Terroristen ihr mörderisches Werk ungestört verrichten konnten, stundenlang. „Zwischendurch haben sie sich am Kühlschrank bedient oder Netflix geschaut“, sagt Louk, die viele Geschichten und viele betroffene Familien kennt.

Wir konnten noch keine Beerdigung abhalten, wir haben keinen Körper.

Die Geschichte ihrer Tochter trägt sie nun weiter, war kürzlich in Berlin, zusammen mit ihrem Bruder Markus Waidmann, der mit hohem Engagement die Familie stützt. Der Ravensburger Gemeinderat hat sich auch im Bundestag mit Politikern getroffen, mit ihnen über Shanis Schicksal gesprochen. „Das war auch für die Politiker hart“, berichtet Waidmann. „Die Leute waren sehr bewegt. Und immer hat jemand geweint.“

Ein Mitgefühl, das sich Riacarda Louk auch an anderer Stelle wünschen würde. „Es gibt in der Welt keine Empathie für Israel.“ Deshalb will sie sich auch künftig an die Öffentlichkeit wenden. „Deshalb mache ich weiter. Ich habe ja nichts mehr davon, es hilft mir ja nicht.“

Noch keine Beerdigung - keine Leiche von Shani Louk

In Berlin hat sie auch Angehörige der deutschen Geiseln getroffen, die nun auf eine Freilassung hoffen können. „Ich freue mich sehr, wenn sie dort lebend rauskommen, möglichst unbeschadet.“ Nach Wochen der Gefangenschaft, eingekerkert im Tunnelsystem, unter ständigem Bombardement und in der Hand der Terroristen; zumindest das blieb ihrer Tochter erspart.

Die IT-Ingenieurin und ihre Kinder werden schon bald in ihren Alltag zurückkehren, in Arbeit, Schule, Studium und Militärdienst. Und darauf hoffen, dass ihnen bald die sterblichen Überreste der Toten übergeben werden. „Wir konnten noch keine Beerdigung abhalten, wir haben keinen Körper.“ Eine Beisetzung soll es aber auf alle Fälle geben, vor allem ein Grab, wo die Familie ihr gedenken kann.

Die Mutter beschreibt die Tochter 

„Shani war ein fröhliches und friedliebendes Mädchen“, sagt Ricarda Louk, das, genauso wie ihre Geschwister, gerne und oft nach Ravensburg kam. Das in Freiburg und Weimar Sommercamps besuchte, um besser Deutsch zu lernen.

Wenn sie nicht gerade in Europa an einem Festival teilnahm. Weil sie die Musik mochte, das Zusammentreffen mit Menschen aus aller Welt, freundschaftlich miteinander verbunden. „Du musst einmal mitkommen, da sind auch ältere Leute und Familien“, waren ihre Worte. Shani hat immer gewusst, was sie will, sagt Ricarda Louk.

Nicht den Standardweg gehen, sondern einfach leben, arbeiten und unabhängig sein. „Sie war sehr künstlerisch, hat Kleider und Tattoos entworfen, genäht und gezeichnet“, sagt die Mutter. Die im Andenken eine Webseite einrichten will, mit ihren Skizzen und Tätowierungen. „Da kann sich jeder etwas nehmen und in der Welt verbreiten, damit man sie nicht vergisst.“ Und auch nicht wie sie die Welt verließ.

Dass sie noch ausgelassen feierte, wie sie das tat, was sie so liebte. Bis zum letzten Moment. Bis es passierte. „Dann hat sie nichts mehr gespürt“, sagt die Mutter. „Das ist ein kleiner Trost.“ In einer großen Tragödie.