Modellversuch

Modellversuch an Grundschulen in BaWü: Keine Noten für die Schüler

Stuttgart / Lesedauer: 5 min

Modellversuch an 39 Grundschulen startet im neuen Schuljahr – Das passt nicht jedem
Veröffentlicht:06.07.2022, 17:53
Aktualisiert:08.07.2022, 06:57

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Die einen werten es als Abschied vom Leistungsprinzip im baden-württembergischen Bildungssystem, andere jubilieren: Nach den Sommerferien lässt Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) den Modellversuch „Grundschule ohne Noten“ neu aufleben. Eine Schule aus Ulm freut sich darauf, nun das weiterführen zu dürfen, was ihr 2017 abrupt untersagt wurde.

Worum geht es?

Noten zur Leistungsbeurteilung von Schülern spalten die Gemüter im Bildungsbereich seit vielen Jahren. Nun hat Kultusministerin Schopper angekündigt, dass 39 der rund 2400 Grundschulen im Land ab kommendem Schuljahr von der ersten bis zur vierten Klasse auf Ziffernoten verzichten und eine andere Form der Rückmeldung nutzen dürfen. Damit will sie erreichen, dass Schüler weniger „bulimisch“ lernen – also nicht nur für Tests pauken.

Gab es das nicht schonmal?

Doch. 2013 startete unter Kultusminister Andreas Stoch ( SPD ) ein erster Modellversuch, wie ihn Schopper nun aufgreift. Damals hatten sich zehn Grundschulen beteiligt und auf Noten verzichtet. Seine Nachfolgerin Susanne Eisenmann (CDU) hat dies 2017 überraschend gestoppt – ohne Evaluation und Erkenntnisse.

Wie lief der erste Modellversuch?

„Es war zunächst eine Umstellung“, berichtet Ulrike Engelhardt . Sie leitet die Regenbogenschule in Wiblingen bei Ulm, die am ersten Versuch teilgenommen hat. Mit externer Hilfe habe ihr Kollegium ein Konzept entwickelt, um den Schülern Rückmeldung zu ihren Leistungen zu geben: Statt einer Note bekamen die Schüler mündlich und schriftlich gespiegelt, welche im Schuljahr zu lernenden Kompetenzen sie erworben haben.

„Wir haben immer gesagt, Du kannst das besonders gut, aber hier brauchst Du noch Unterstützung. Das wurde als Mehrwert empfunden.“ So lautete auch das anonyme Feedback der Eltern auf die Evaluation, die Engelhardts selbst durchgeführte. „Die Eltern bewerteten es sehr positiv, dass sie viel ausführlicher über den Leistungsstand und die Entwicklung ihrer Kinder Bescheid wussten.“

Entsprechend groß sei nun die Freude an ihrer Schule, nach den Ferien wieder auf Noten verzichten zu dürfen. „Wir sind jetzt alle sehr glücklich drüber“, so Engelhardt. „Es ist ein Denkfehler zu sagen: Ohne Noten keine Leistung.“

Was sagen Kritiker?

Sie befürchten genau das: Ohne Noten keine Leistung. Kinder und Jugendliche wollten sich vergleichen, betont Ralf Scholl, Vorsitzender des Philologenverbands, der für die Gymnasiallehrer spricht. „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft“, sagt er. „Den Leistungsgedanken aus der Schule zu verbannen, ist daher wirklich keine gute Idee.“

Noch kritischer äußert sich Karin Broszat, Landeschefin des Realschullehrerverbands. „Was für ein ideologisch motivierter Frevel an einer ganzen Generation“, kritisiert sie. Statt Noten, Vergleichbarkeit und Wettbewerb abzuschaffen, sei es doch gerade Aufgabe der Schulen, Kindern den Umgang damit beizubringen – auch mit Misserfolgen.

FDP und AfD im Stuttgarter Landtag argumentieren ähnlich: Schopper tue den Kindern, die sich später im Leben auch im Wettbewerb mit anderen behaupten müssen, keinen Gefallen.

Was sagen Befürworter?

Für Monika Stein, Landeschefin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, beweist Schopper damit, „dass grüne Bildungspolitik auch für eine moderne und kindgerechte Bildungspolitik stehen kann“. Es sei gut, dass der Versuch diesmal wissenschaftlich begleitet werden soll.

Klar sei aber, dass andere Bewertungsmodelle als Noten zu besseren Leistungen der Kinder führten. „Vor allem werden sie aber dafür sorgen, dass weniger Kinder verloren gehen, weil sie durch schlechte Noten in ihrem Lerneifer ausgebremst werden.“ Ähnlich positiv äußert sich die SPD im Stuttgarter Landtag.

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Der Grundschulverband positioniert sich lange schon bundesweit gegen Noten als Rückmeldesystem. „Um weiterzukommen, brauchen Kinder individuelle Rückmeldungen zu Kompetenzen: Was kann es denn schon, wie kann es weitergehen, was ist der nächste Lernschritt?“, erklärt Landeschef Edgar Bohn.

„Noten nützen für eine solche Rückmeldung gar nichts. Sie haben nur den Sinn aufzuteilen.“ Vergleichbar sei eine Note stets nur mit denen der Mitschüler in der Klasse – und selbst das sei nicht aussagekräftig. „Wenn ein Kind im Text 20 Fehler hat, wäre das eine 6. Aber vielleicht ist das Kind erst kurz in Deutschland, hat etwas Unglaubliches geleistet. Das muss man rückspiegeln“, so Bohn.

Sein Wunsch wäre, dass der Schulversuch bald auf alle Grundschulen, die sich anschließen möchten, ausgeweitet wird.

Was sagt die Wissenschaft?

Die Forschung beschreibt Vor- und Nachteile. Für leistungsstarke Kinder können Noten motivierend sein. Als objektiv, verlässlich und gerecht gelten sie in der Bildungswissenschaft indes nicht. „Schüler brauchen formatives Feedback, also ein direktes Feedback beim Lernen. Wir wissen, dass das für das Lernen wichtiger ist als die Note am Schluss“, sagt die Heidelberger Bildungsforscherin Anne Sliwka, die Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Kultusministeriums ist.

Noten lieferten einen geringen Informationsgehalt und bildeten nur den Durchschnitt in einem Fach ab – nicht aber, welche Fähigkeiten ein Schüler beherrsche und welche noch nicht. „Eine schlechte Note kann sich negativ auf das Selbstkonzept auswirken“, so Sliwka. „Dann redet man sich Dinge ein wie ,Mathe kann ich nicht’. Das verfestigt das Selbstkonzept und führt dazu, dass Lernerfolg ausbleibt.“

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Je jünger Schüler seien, desto problematischer seien Noten. Das sei der Grund, warum international Ziffernoten im Grundschulalter eine große Ausnahme seien. Sie habe sich klar gegen den Titel „Grundschule ohne Noten“ ausgesprochen, weil dies suggerieren könnte, dass es nicht um Leistung gehe, sagt Sliwka. „Das Gegenteil ist der Fall“, betont sie.

„Es ist gerade eine leistungsförderliche Schule, weil es Kind und Eltern die Infos gibt, die sie brauchen, um Bildungsstandards zu erreichen. Wir haben viele Schüler im System, die nicht gut sind, weil die Schule ihr mit Noten einredet, dass sie es nicht können.“

Was bedeutet das Projekt für die Kultusministerin?

Theresa Schopper ist bundesweit die einzige grüne Kultusministerin, eine grüne Handschrift ist in ihrer Arbeit nach einem Jahr aber nicht zu erkennen. Ihre Spielräume sind zweifellos eng.

Die Spardoktrin der grün-schwarzen Koalition setzen ihr Grenzen, der Fokus liegt zudem auf der Bewältigung der Corona-Folgen an den Schulen, der Lehrermangel ist massiv und wird durch den zugang Tausender ukrainischer Kinder und Jugendlicher verschärft. Mit dem Start des Modellversuchs nach den Sommerferien kann Schopper nun ein Zeichen, das noch dazu kaum Geld kostet.

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