StartseiteRegionalBaden-WürttembergNach Tod von MCB-Ärztin: Forderung nach Aufarbeitung

Vorwürfe gegen Chefarzt

Nach Tod von MCB-Ärztin: Forderung nach Aufarbeitung

Friedrichshafen / Lesedauer: 3 min

Die Vorwürfe einer verstorbenen Ärztin der Klinik in Friedrichshafen wiegen schwer. Ein ehemaliger Arzt und aktuelle Mitarbeiter fordern Transparenz.
Veröffentlicht:07.12.2023, 20:15

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Der Fall hat die Belegschaft des Medizin Campus Bodensee (MCB) schockiert: Eine beliebte und geschätzte Ärztin beging Ende der vergangenen Woche mutmaßlich Suizid. Vor ihrem Tod hatte sie schwere Vorwürfe gegen einen Chefarzt erhoben - unter anderem wegen aus ihrer Ansicht vermeidbaren Todesfällen von Patienten. Die Staatsanwaltschaft beschäftigt sich mittlerweile mit dem Fall und hat Vorermittlungen begonnen. Man prüfe anhand von Unterlagen, die bei der verstorbenen Ärztin gefunden wurden und in Gesprächen mit Zeugen, ob tatsächlich Anhaltspunkte für strafbare Handlungen vorliegen. Ein Vorermittlungsverfahren wurde aufgenommen. Auch der ehemalige Chef der Kardiologie fordert jetzt eine Aufarbeitung.

Unter dem Eindruck der Geschehnisse wurde am MCB am Donnerstag eine turnusmäßige Personalversammlung abgehalten. Der Chefarzt, gegen den sich die Vorwürfe richten, fehlte, ebenso wie tags zuvor bei einer Gedenkveranstaltung in der Klinik.

Forderung nach Klärung

Eine anwesende Angestellte berichtet, die Klinikleitung habe zu Beginn der Personalversammlung erklärt, man bereite die Geschehnisse bereits auf. Die Mitarbeiterin beschreibt den folgenden Verlauf der Sitzung mit Abarbeitung üblicher Tagesordnungspunkte angesichts der Brisanz der Situation als „eine Farce“ Wie sie berichtet, soll zum Ende der Veranstaltung ein Arzt nachdrücklich eine detaillierte Aufarbeitung und Transparenz gefordert haben - ansonsten könne die Klinikleitung mit zahlreichen Kündigungen rechnen.

Ins selbe Horn stößt der ehemalige Leiter der Kardiologie am MCB, Detlev Jäger. „Ich denke, es wäre absolut nötig, dass sich Verwaltung und Aufsichtsrat sachlich mit den Problem auseinandersetzen, denn es wurden schwerwiegende Vorwürfe zu medizinischem Fehlverhalten geäußert.“

Aufsichtsratschef verweist auf Klinikleitung

Deutlich weniger Konkretes lässt Friedrichshafens Oberbürgermeister Andreas Brand, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Klinik, mitteilen. Die Selbsttötung habe „uns alle erschüttert“, heißt es in einem Schreiben. Auf detaillierte Anfragen der „Schwäbischen Zeitung“ - etwa zu möglichen personellen Konsequenzen für den Zeitraum der Aufarbeitung - lautet die Antwort: „Selbstverständlich nimmt der Aufsichtsrat seine ihm nach Gesetz, Satzung und Geschäftsordnung obliegenden Pflichten und Aufgaben wahr und steht generell regelmäßig im Austausch mit der Geschäftsführung.“ Weitere Auskunft könne man aufgrund der Verschwiegenheitspflicht nicht geben.

Seit geraumer Zeit hatte die Oberärztin schwere Vorwürfe gegen einen Chefarzt erhoben. Unterlagen dazu liegen der „Schwäbischen Zeitung“ vor. Bekräftigt werden sie vom Anwalt der Toten, Detlef Kröger. Im Kern geht es darum, dass der verantwortliche Chefarzt ungeeignetes Personal zur Betreuung schwer kranker Patienten eingesetzt haben soll - aus Sicht der Ärztin mit teilweise tödlichen Folgen. Die Klinik weist sämtliche Vorwürfe zurück und verweist auf ein Gutachten. Dieses hatte der MCB noch vor dem Tod der Ärztin bei einem externen Mediziner in Auftrag gegeben. In dem Gutachten, das der „Schwäbischen Zeitung“ vorliegt, wirft der Ersteller wiederum der Ärztin üble Nachrede und Verleumdung vor, zudem „fehlende Qualifikation“ und „massive Pflichtverletzungen“.

Ex-Kardiologiechef Detlev Jäger hat mit der Verstorbenen zusammengearbeitet. Ihre Äußerungen kenne er zwar nur aus zweiter Hand, sie ergäben „aber schon ein für mich sehr plausibles Bild“. Die Zusammenarbeit mit der Kollegin war für ihn „exzellent, ihre Arbeit immer zum Wohle der Patienten.“

Der Anwalt der Toten, Detlef Kröger, bezeichnet das Gutachten als „Gefälligkeitsgutachten“. Auch diesen Vorwurf weist die Klinikleitung zurück.