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Munitionsaffäre beim KSK: Frühjahrsputz mit Handgranaten

Tübingen / Lesedauer: 8 min

Brigadegeneral Kreitmayr sollte beim KSK aufräumen. Er befahl die anonyme Abgabe von abhanden gekommener Munition - und steht darum nun selbst vor Gericht.
Veröffentlicht:08.02.2024, 19:00

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Er war gekommen, um aufzuräumen. Im Juni 2018 übernahm Markus Kreitmayr die Führung des Kommandos Spezialkräfte (KSK). Er sollte die skandalumwitterte Elitetruppe der Bundeswehr neu aufstellen. Nun steht der Brigadegeneral selbst vor Gericht. Die Große Strafkammer des Landgerichts Tübingen muss entscheiden, ob Kreitmayr mit einer Aufräum-Aktion selbst gegen das Gesetz verstoßen hat.

Im holzgetäfelten Gerichtssaal tritt Kreitmayr in Uniform auf, das Dienstgradabzeichen auf dem Schulterstück weist den 55-Jährigen als Einsterne-General aus. Männer, die unter ihm gedient haben, bezeichnen den gebürtigen Augsburger mit dem graumelierten Kurzhaarschnitt als „harten Hund“. Genau der Richtige also für das Kommando Spezialkräfte mit seinen extremen Anforderungen an Physis und Psyche der Soldaten, allein die Aufnahmeprozedur hat einer von Kreitmayrs Vorgängern beschrieben als „das Härteste, was man Menschen in einer Demokratie zumuten darf“. Kreitmayr habe den Verband „vorbildlich aufstellen“ wollen, wird der leitende Ermittler des Landeskriminalamts später im Zeugenstand aussagen. Dazu habe er in der Graf-Zeppelin-Kaserne, dem Sitz des KSK in Calw, so etwas wie einen „Frühjahrsputz“ angeordnet.

Kritik an Vorgängern

Eines der Probleme der Elitetruppe war offenbar über Jahre ein laxer Umgang mit Munition, von der das KSK schon zu Übungszwecken mehr Sorten in höherer Stückzahl braucht als andere Truppenteile, und deren Ausgabe im Bundeswehr-Alltag normalerweise sehr rigide gehandhabt wird. Eine von Kreitmayr veranlasste Inventur ergab Ende 2019, dass in den Beständen Tausende Patronen fehlten.

„Da wurde viel Schlamperei auch in der Buchführung offensichtlich geduldet, das war der Kern der Missstände“, sagt Kreitmayr vor Gericht. Er kritisiert seine Vorgänger an der Spitze des KSK. Diese hätten eine jahrelange „Fehlprägung“ der Soldaten zugelassen - also erlaubt, dass für Munition nicht genau genug Rechenschaft abgelegt werden musste. Beim Ausgeben und Wiedereinsammeln von Munition kam die Buchhaltung in der Vor-Kreitmayr-Zeit auf wunderbare Weise immer irgendwie „auf Null“, wie ein Zeuge sagt. Damit machte Kreitmayr Schluss. Er spricht vor Gericht wiederholt von „fehlgelagerter“ Munition, die es wiederzufinden galt.

Aber war die Munition wirklich nur versehentlich irgendwo abgelegt und dann vergessen worden? Waren Patronen zurückgehalten worden, um Engpässe bei der nächsten Übung zu vermeiden? Oder schafften Soldaten die Munition womöglich für ganz andere Zwecke beiseite?

Das ist der Vorwurf der Staatsanwaltschaft

Das aufzuklären, wird schwierig. Denn Kreitmayr befahl seinen Untergebenen, die Munition wieder abzugeben - die Einsammelaktion im Zeitraum von Januar bis Ende April 2020 sollte einmalig sein und den Soldaten die Gelegenheit geben, die Sache wieder ins Lot zu bringen. Das Problem: Kreitmayr versprach Anonymität bei der Abgabe. Wer da zwischenzeitlich unsachgemäß mit Munition hantierte und aus welchem Grund, bleibt also im Dunkeln.

Die Staatsanwaltschaft wirft Kreitmayr daher unterlassene Mitwirkung bei Strafverfahren nach Paragraf 40 des Wehrstrafgesetzes vor. Der Vorwurf entspricht in etwa jenem der Strafvereitelung. Das ist umso problematischer, als am Ende mehr Munition abgegeben wurde, als überhaupt vermisst worden war. Und nicht nur das. Bei dem „Frühjahrsputz“ wurden auch Waffen abgegeben, darunter zwei scharfe Handgranaten. „Das war dann schon ein Schock“, sagt Kreitmayr.

Zum Zeitpunkt der Einsammelaktion war das KSK bereits wegen rechtsextremer Umtriebe von manchen seiner Mitglieder in die Schlagzeilen geraten. Bekannt geworden war die so genannte „Schweinekopfparty“ auf einem Schießstand nahe Stuttgart im April 2017. Bei der Abschiedsfeier für einen Kompaniechef soll dieser einen Parcours absolviert haben, zu dem auch der Weitwurf eines Schweinekopfs gehörte, eine Zeugin sprach von Rechtsrock und einem Hitlergruß.

Verbindungen zum Rechtsextremismus

Kreitmayr selbst unterstellt niemandem eine Nähe zu rechtsradikalem Gedankengut. Im Gegenteil. Die Staatsanwaltschaft Tübingen hat schon einmal gegen ihn ermittelt, weil es den Verdacht gab, er habe Feldärztinnen angewiesen, ihm rechtsextreme Tätowierungen bei KSK-Soldaten zu melden. Das hätte eine Anstiftung zur Verletzung von Privatgeheimnissen darstellen können. Der Verdacht bestätigte sich aber nicht, das Verfahren wurde eingestellt.

Spätestens seit der „Schweinekopfparty“ hatte der Militärische Abschirmdienst, der Geheimdienst der Bundeswehr, das KSK im Blick. Denn Verbindungen zum Rechtsextremismus gab es bei der Elitetruppe immer wieder. Die Bundestagsabgeordnete Martina Renner (Linke), die sich seit Jahren mit rechtsextremen Umtrieben in der Bundeswehr befasst, verweist unter anderem auf die Gruppe Reuß, das 2022 aufgeflogene Reichsbürger-Netzwerk, von dem sich fast 80 Mitglieder vor drei Oberlandesgerichten verantworten müssen, weil sie laut Anklage einen gewalttätigen Umsturz geplant haben sollen. „Unter den Beschuldigten sind ein aktiver und mehrere ehemalige KSK-Soldaten“, betont die Abgeordnete.

Was passierte am 13. Mai 2020?

Renner kritisiert, dass nur in den seltensten Fällen Anzeige erstattet wird, wenn bei der Bundeswehr Munition fehlt. „Das System ist nicht auf Strafverfolgung ausgelegt, und das erklärt auch, was Kreitmayr gemacht hat. Es herrscht der Wille, solche Probleme innerhalb der Bundeswehr zu klären. So will man negative Schlagzeilen vermeiden, aber das macht das Problem am Ende noch größer.“ Renner fordert, dass bei fehlender Munition generell die Strafverfolgungsbehörden eingeschaltet werden müssen.

Kreitmayr sagt vor Gericht, das habe er nicht als nötig erachtet. Denn er sei ja nicht von gestohlener, sondern von verlegter Munition ausgegangen. Damit sei die Schwelle zur Strafbarkeit nicht überschritten, es gehe lediglich um disziplinarische Maßnahmen gegen Soldaten. Und hier habe er eine Abwägung treffen müssen. „Meine größte Sorge war, dass Einzelne auf dumme Gedanken kommen und zuvor fehlgelagerte Munition endgültig verschwinden lassen könnten“, sagt Kreitmayr. „Dann wäre von der Munition eine potenzielle Gefahr für Dritte ausgegangen, was es auf jeden Fall zu vermeiden galt.“

Nach eigener Aussage ein Schock für Kreitmayr war deswegen der 13. Mai 2020. An jenem Tag durchsuchten Polizisten das Grundstück damaligen KSK-Oberfeldwebels Philipp Schaaf in der Nähe von Leipzig. Die Beamten fanden 2800 Schuss Munition und größere Mengen Sprengstoff, die im Garten vergraben waren, außerdem ein Buch mit NS-Liedern, einschlägige Zeitschriften und Kleidung, die in der rechtsradikalen Szene beliebt ist.

Kreitmayr´s Verbindung zu Schaaf

Schaaf wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Er hat unter Verwendung seines vollen Namens über die Vorgänge ein Buch geschrieben („Inside KSK. Ein Ex-Kommandosoldat über das verborgene Innenleben der Eliteeinheit und ihre Skandale“). Darin weist er eine rechtsradikale Gesinnung von sich. Vielmehr habe er als Übungsleiter Munition und Sprengstoff für spätere Trainings beiseitegeschafft, weil es in der Bundeswehr immer wieder Materialengpässe gebe. Er schildert auch, warum er Munition und Sprengstoff im Garten vergrub, statt sie bei Kreitmayrs Einsammelaktion abzugeben: Er habe seinem Vorgesetzten die zugesagte Anonymität nicht abgenommen. „Mein Vertrauen in den Kommandeur hielt sich ohnehin in Grenzen, besser gesagt: Es war keins vorhanden“, schreibt Schaaf in seinem Buch. „Ich hatte erlebt, wie er Kameraden dazu aufrief, andere anzuschwärzen. So was ging gar nicht in meiner Wertewelt.“ Der Ex-KSKler arbeitet inzwischen in der privaten Sicherheitsbranche.

Auch Kreitmayr erwähnt vor Gericht Schaaf, den er „Oberstabsfeldwebel S.“ nennt, und die Durchsuchung in dessen Haus in Sachsen: „Ab diesem Tag gingen die Uhren im Verband anders.“ Beim KSK sei man zwar Krisen gewohnt, diese sei aber anders gewesen. „Der Druck von außen wurde von nicht wenigen im Verband als unmenschlich empfunden.“ Die Kritik am KSK wurde massiv, zwischenzeitlich stand die Auflösung der Spezialeinheit im Raum. Auch der Prozess gegen Kreitmayr wird von einer Demonstration begleitet. Draußen vor dem Landgericht fordern Aktivisten die Abschaffung des gesamten KSK. Tatsächlich aufgelöst wurde infolge des Skandals die 2.Kommandokompanie, der Schaaf angehört hatte. Das KSK leitete ein 60 Punkte umfassendes Reformprogramm ein.

Verfahren gegen Geldbetrag einstellen?

Was das anonyme Einsammeln der Waffen angeht, fühlt sich Kreitmayr aber bestätigt. Für die wieder abgegebenen Patronen habe er schließlich verhindert, „dass die fehlgelagerte Munition die Kaserne verlässt“, sagt er vor Gericht. Darüber hinaus betont er, dass es zum Zeitpunkt, als die Einsammelaktion befohlen wurde, anders als nach dem Fund im Garten von Philipp Schaaf, noch keine Hinweise auf Straftaten gegeben habe: „Ich bin immer davon ausgegangen, dass die mir unterstellten Männer und Frauen vertrauenswürdig sind. Nicht nur weil sie sicherheitsüberprüft sind, sondern weil sie einen Eid geschworen haben.“

Das KSK müht sich inzwischen um demonstrative Offenheit. Am Standort in Calw gibt es sogar ein Besucherzentrum. Von einer „Charmeoffensive“ spricht die Linken-Abgeordnete Renner. „Es wird mehr Wert gelegt auf Öffentlichkeitsarbeit, auf Transparenz.“ Die Frage sei, ob die neue Haltung bei allen in der Truppe ankomme.

Am Landgericht Tübingen hat der Vorsitzende Richter Verteidigung und Staatsanwaltschaft einen Vorschlag gemacht: Gegen die Zahlung eines Geldbetrages von 8000 Euro könne das Verfahren eingestellt werden. Die Kammer gehe nach aktuellem Stand von einem geringen Ausmaß von Schuld aus.

Kommt es so, gilt Kreitmayr, der im September 2021 das Kommando beim KSK abgab und inzwischen als Abteilungsleiter im Streitkräfteamt in Bonn arbeitet, als nicht vorbestraft. Anklage und Verteidigung haben bis zum nächsten Prozesstag am 19. Februar Zeit zu entscheiden, ob sie den Vorschlag annehmen.