Vielheit

Menschen in ihrer „Vielheit betrachten“

Donaueschingen / Lesedauer: 3 min

Hannes Seidl erzählt über ein Radioprojekt für Flüchtlinge in Donaueschingen
Veröffentlicht:29.06.2016, 16:33
Aktualisiert:23.10.2019, 14:00

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Seit Anfang Mai machen Flüchtlinge in Donaueschingen, Stuttgart und Frankfurt ihre eigene Radiosendung. Unter dem Namen „Good Morning Deutschland“ wird Musik aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen gesendet. Redakteurin Cordula Sailer hat mit dem Initiator Hannes Seidl über das Projekt gesprochen.

Herr Seidl , wie entstand die Idee zu „Good Morning Deutschland“?

Der Leiter der Musiktage Donaueschingen hat mich gefragt, ob ich nicht etwas mit den Flüchtlingen auf die Beine stellen will. Im Oktober waren in der Unterkunft in Donaueschingen mehr als 2000 Geflüchtete untergebracht. Ich bin Komponist, aber ich wollte den Menschen nicht meine Musik aufzwingen. Vielmehr wollte ich eine Plattform herstellen, über die sich die Flüchtlinge selbst ausdrücken können.

Wie sieht das Programm aus?

Jedes Studio sendet einmal die Woche von 17 bis 20 Uhr. In Frankfurt ist es der Dienstag, in Donaueschingen der Mittwoch, in Stuttgart gehen wir am Freitag auf Sendung. Es ist eine Mischung aus Musik, Gesprächen und auch immer wieder Live-Musik. Die Menschen erzählen von ihrer Flucht oder ihren Zukunftswünschen und suchen ihre Songs selbst aus. Moderiert wird auf Deutsch, Englisch, Arabisch, Farsi und manchmal auch auf Tigrinya – eine Sprache, die vor allem von den Eritreern gesprochen wird. Die Gespräche werden dann ständig gegenübersetzt.

Können Sie zurückverfolgen, wie viele Zuhörer die Sendungen haben?

Wir sind ein Webradio. Theoretisch kann man die Zuhörerzahlen über unser Computerprogramm einsehen. Das funktioniert aber nicht immer. Im Durchschnitt sind es wohl 30 bis 40 Hörstationen, die sich zuschalten. Viele Zuhörer kommen aus Flüchtlingsunterkünften. Dort wird das Radioprogramm auch in Gemeinschaftsräumen gehört, da es oft kein freies W-LAN in den Einrichtungen gibt. Manche grüßen ihre Familie über unser Radio. Daher haben wir auch Hörer in Syrien oder Afghanistan. Dazu kommen noch rund 20 Zuhörer, die die Sendung live vor den jeweiligen Studios verfolgen.

Wo sind die Radio-Studios untergebracht?

In Donaueschingen und Stuttgart in einer Flüchtlingsunterkunft, in Frankfurt gleich gegenüber einer Unterkunft im Studierendenhaus. Die Studios sind ebenerdig und haben eine große Fensterfront, damit die Geflüchteten sie vor Ort auch gleich sehen. Außerdem haben wir außen Lautsprecher angebracht, damit man die Sendung im Vorbeilaufen hören kann.

Wie finanziert sich das Projekt?

Für die zwei Standorte in Baden-Württemberg stellt der Südwestrundfunk die Studio-Ausstattung zur Verfügung. Außerdem hat der SWR den Redaktionsteams einen Crash-Kurs für die Technik gegeben. In Frankfurt haben wir das Studio aus Spenden finanziert. Wir haben zwar Kooperationspartner, die Geld dazugeben, aber wir sind ein eigenständiges Projekt, das bei der Gema als Webradio gemeldet ist.

Sollen noch mehr solcher Radio-Studios entstehen?

Es gibt Überlegungen, das Projekt auf Berlin und Bremen auszuweiten. Aber wir wollen das langsam erweitern. Es ist nicht nur ein soziales Projekt, sondern auch ein Kunstprojekt. Auch die Qualität soll stimmen. Daher haben wir zwei Produktionsassistentinnen und mit mir und Dunja Funke jemanden, der sich um die künstlerische Umsetzung kümmert. Wir geben Feedback und bemühen uns, das Radio auf ein Niveau zu bringen, bei dem man auch Lust hat, zuzuhören. Niemand von den Leuten hat vorher Radio gemacht.

Glauben Sie, dass ein solches Projekt zur Integration der Menschen beiträgt?

Mit dem Begriff „Integration“ habe ich meine Probleme. Wir müssen uns permanent in der Vielheit betrachten. Auch die Mitarbeiter der Unterkünfte kommen im Studio vorbei, um über ihre Arbeit zu berichten. Dann wird zuerst Helene Fischer gespielt und danach tritt ein Äthiopier auf, der über den Alltag in der Unterkunft rappt. Es geht um das Mischen, nicht um das Aufgehen in einer homogenen Masse, die es meiner Meinung nach auch gar nicht gibt.