Lehrermangel

Lehrer fühlen sich massiv belastet, sind aber mit ihrem Job zufrieden

Stuttgart / Lesedauer: 4 min

Lehrkräfte sehen sich unter großem Druck - Ein Drittel der Schüler mit Lernrückständen
Veröffentlicht:09.06.2022, 18:13
Aktualisiert:09.06.2022, 20:01

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Pandemie, Lehrermangel, Aufnahme ukrainischer Kinder an den Schulen: Fast alle Lehrkräfte in Deutschland stehen laut einer Umfrage am Rand der Erschöpfung – und stellen bei ihren Schülern seit Pandemiebeginn zunehmend Verhaltensauffälligkeiten fest.

Für das Schulbarometer hat das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag der Robert Bosch Stiftung bundesweit mehr als 1000 Lehrkräfte befragt. Die Umfrage, die am Donnerstag veröffentlicht wurde, liefert auch Erkenntnisse für Baden-Württemberg und Bayern – hier wurden 135, respektive 165 Lehrkräfte befragt. Das Wichtigste im Überblick.

Wie geht es den Lehrkräften?

Eine überwältigende Mehrheit der Lehrkräfte bezeichnet das eigene Kollegium (92 Prozent) und sich selbst (84 Prozent) derzeit als stark oder sehr stark belastet. Die Werte für Bayern liegen im Bundesdurchschnitt, im Südwesten sind sie etwas niedriger. Für vier von fünf Lehrkräften in Deutschland ist Wochenendarbeit die Regel, für 60 Prozent eine Erholung in der Freizeit kaum noch möglich.

Viele leiden unter körperlicher (62 Prozent) oder mentaler Erschöpfung (46 Prozent). Knapp jede zweite Lehrkraft berichtet von innerer Unruhe und Nackenschmerzen, ein Drittel leidet unter Schlafstörungen. Für 44 Prozent der bundesweit Befragten besteht ein Großteil des Unterrichts derzeit aus Krisenmanagement – vor allem für Haupt-, Real-, Gesamt- und Grundschulen.

Der baden-württembergische AfD-Bildungspolitiker Rainer Balzer führt die Belastung auch auf Schutzmaßnahmen gegen die Pandemie wie Tests und Masken zurück. Hier widersprechen die Lehrer. Bundesweit 67 Prozent der Befragten wünschten sich, dass die Maskenpflicht im Unterricht beibehalten würde. In Bayern sind es fast Zweidrittel, in Baden-Württemberg sogar mehr als Dreiviertel der befragten Lehrer.

Sind die Pädagogen entsprechend unzufrieden mit ihrem Job?

Im Gegenteil: Dreiviertel der Befragten äußerten sich sehr (19 Prozent) oder eher zufrieden (55 Prozent). Während Bayern hier genau im Trend liegt, ist die Zufriedenheit unter Südwest-Lehrkräften mit 78 Prozent sogar etwas höher. Nirgends sonst haben sich so viele Befragte als sehr zufrieden bezeichnet wie hier (26 Prozent).

Wie passt das zusammen?

„Lehrerin oder Lehrer wird man aus Überzeugung“, erklärte Dagmar Wolf von der Robert Bosch Stiftung. „Aber chronische Überlastung macht auf Dauer krank und unzufrieden. Schulen benötigen deshalb dringend zusätzliches Personal.“

Bundesweit gaben nämlich auch 13 Prozent der Lehrkräfte an, dass sie im kommenden Schuljahr ihre Unterrichtsstunden verringern wollen. In der Tendenz sagten das die eher unzufriedenen und diejenigen, bereits in Teilzeit unterrichten.

Südwest-Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) zeigte sich durch das Schulbarometer wenig überrascht. Mit der Umsetzung der Corona-Maßnahmen und den Folgen des Ukraine-Kriegs seien die Schulen massiv belastet. Erschwerend hinzu komme der Lehrkräftemangel.

Alarmsignal

Gewerkschaft: Lehrer-Umfrage muss „Alarmsignal“ sein

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Deshalb seien die Kapazitäten bei den Studienplätzen in den Lehrämtern Grundschule und Sonderpädagogik im Land erhöht und mit Freiburg ein weiterer Standort für das Lehramtsstudium Sonderpädagogik geschaffen worden. Schopper kritisierte zudem, dass die Leistung der Lehrkräfte in der Gesellschaft nicht ausreichend gewürdigt werde. „Lehrkräfte haben nicht nachmittags frei und viele Ferien.“

Um die Unterrichtsversorgung zu steigern, erwägt das Südwest-Ministerium, die Mindestarbeitszeit für Beamte von aktuell 25 Prozent zu erhöhen und Lehrer in Ausbildung, also Referendare, eine Stunde mehr unterrichten zu lassen. Laut einem Sprecher von Ministerin Schopper laufe die Prüfung noch.

Tut die Politik genug?

Aus Sicht der Lehrervertretungen sicher nicht. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und der Verband Bildung und Erziehung (VBE) sehen einen sich selbst verstärkenden Teufelskreis. „Personalmangel und immer neue Aufgaben führen zu zusätzlichen Belastungen bei den Lehrkräften, die im System sind.

Höhere Krankenstände sind zwangsläufig die Folge“, sagte der VBE-Bundesvorsitzende Udo Beckmann. Das erhöhe wiederum die Arbeitsbelastung der verbleibenden Fachkräfte und gefährde deren Gesundheit zusätzlich.

Die GEW-Landesvorsitzende Monika Stein sieht in den Umfrageergebnissen ein „Alarmzeiche“, und einen Auftrag, deutlich mehr im Land in die Bildung und vor allem noch mehr in zusätzliche Studienplätze zu investieren.

„Ich hoffe, dass Ministerpräsident Winfried Kretschmann und seine Regierung die Ergebnisse sehr ernst nehmen.“ Die Lehrkräfte seien „am Anschlag“. „Die Regierung unterschätzt den Lehrermangel und seine Tragweite“, so Stein.

Wie geht es den Schülern?

Laut den befragten Lehrkräften zunehmend schlechter. Fast alle Lehrkräfte gaben an, seit Beginn der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 einen deutlichen Anstieg von Verhaltensauffälligkeiten bei ihren Schülern zu beobachten. Im Vergleich zu September 2021 ist dieser Anteil in fast allen Bereichen noch einmal gestiegen.

So berichten jetzt 80 Prozent von einer starken Zunahme von Konzentrations- und Motivationsproblemen (2021: 67 Prozent). Fast doppelt so viele Lehrkräfte (42 Prozent) wie vor einem halben Jahr (23 Prozent) beobachten aggressives Verhalten.

Trotz aller Bemühungen verzeichnen die Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen bei 41 Prozent ihrer Schüler deutliche Lernrückstände – im September waren es noch 33 Prozent. In Bayern ist der Wert noch etwas höher, im Südwesten mit 37 Prozent geringer.