StartseiteRegionalBaden-WürttembergKretschmann sieht keine Schuld an Pisa-Debakel: Eltern in der Pflicht

Bildungschock für Deutschland

Kretschmann sieht keine Schuld an Pisa-Debakel: Eltern in der Pflicht

Baden-Württemberg / Lesedauer: 3 min

Noch nie haben deutsche Schüler so schlecht abgeschnitten wie in der jüngsten Pisa-Studie. Baden-Württembergs Ministerpräsident nimmt hier auch die Eltern in die Pflicht.
Veröffentlicht:05.12.2023, 13:32

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Im Vergleich zu 2018 haben die 15-Jährigen, die 2022 in Mathematik, Naturwissenschaft und Lesekompetenz getestet wurden, ein Schuljahr an Lernfortschritt verloren.

Sie haben in allen drei Bereichen noch schlechter abgeschnitten als im Jahr 2000, als der erste Pisa-Schock die deutsche Bildungslandschaft aufgerüttelt hatte.

Als einen Grund nennen die Studienmacher die Coronapandemie, in der in Deutschland viel weniger digitaler Unterricht stattgefunden habe als in anderen Ländern.

Wenn das jetzt nur in Baden-Württemberg wäre, könnte man das mit mir in direkten Zusammenhang bringen, das ist aber nicht der Fall. Die Gründe müssen tiefer liegen und allgemeinerer Natur sein.

Winfried Kretschmann

Er könne nun natürlich herumspekulieren, wie es zu dem Leistungsabfall gekommen sei, so Kretschmann. „Das hat wahrscheinlich Ursachen in der Tiefengrammatik einer Bevölkerung, es hat was mit Migration zu tun und vielem mehr“, so der Regierungschef. „Wenn das jetzt nur in Baden-Württemberg wäre, könnte man das mit mir in direkten Zusammenhang bringen, das ist aber nicht der Fall. Die Gründe müssen tiefer liegen und allgemeinerer Natur sein.“

Kretschmann: Politik kann nicht in Elternhäuser reinregieren

Die Welt habe sich in den vergangenen Jahren dramatisch verändert, das könne er mit seinen 75 Jahren gut überblicken, so Kretschmann. Zudem könne die Politik auch nicht in die Elternhäuser reinregieren.

„Ob Eltern ihren Kindern vorlesen oder nicht, steht nicht in unserer Macht“, obwohl sich dies wissenschaftlich bewiesen sehr positiv auf den späteren Lernerfolg auswirke. „Das muss man einfach sehen, das kann man nicht alles auf die Politik abladen. Es sind so vielschichtige Gründe, die dazu führen.“ Hätten er, die Kultusministerin und die Lehrkräfte alle Antworten, würde es andere Ergebnisse geben.

Ich bin der Meinung, dass unsere Programme und Schwerpunktsetzungen in die richtige Richtung zeigen.

Winfried Kretschmann

Kretschmann bezeichnete Schule als immerwährendes Reformprojekt. „Man ist da halt nie fertig, es ist immer eine Baustelle. Man sieht es schon daran, dass es wirklich beliebte Kultusminister einfach nicht gibt, das sagt doch schon viel.“

Klar sei, dass Baden-Württemberg seinen Fokus auf die frühkindliche Bildung lege. Das sei in der grün-schwarzen Regierungskoalition Konsens. „Ich bin der Meinung, dass unsere Programme und Schwerpunktsetzungen in die richtige Richtung zeigen“, sagte er.

Neun Prozent der Kinder besuchen nicht das letzte Kindergartenjahr, das macht uns Sorgen.

Sandra Boser

So liefen aktuell Vorbereitung für eine weitere Stärkung der Grundschulen, erklärte Kultusstaatssekretärin Sandra Boser (Grüne). Dafür werde gerade nach Geld im Doppelhaushalt gesucht, der noch bis Ende 2024 läuft. Zudem gebe es organisatorische Fragen. „Neun Prozent der Kinder besuchen nicht das letzte Kindergartenjahr, das macht uns Sorgen“, so Boser.

Die Frage sei also, wie man diese Kinder erreiche, um sie auf die Schulzeit vorzubereiten. Und wie man Kinder, die in der Eingangsuntersuchung ein Sprachdefizit bescheinigt bekommen, in eine verbindliche Förderung noch vor der Schulzeit bekomme.

Leseförderung an Grundschulen in Baden-Württemberg

„Wir kennen unsere Hausaufgaben in diesem Bereich“, so Boser. Das Land habe bereits eine verbindliche Leseförderung an Grundschulen eingeführt. Um soziale Unterschiede in der Schülerschaft stärker auszugleichen, seien Modelle für multiprofessionelle Teams aus Lehrkräften und weiteren Experten in Grundschulen gestartet.

Zudem verwies sie auf zusätzliches Geld auf Basis eines Sozialindexes, durch das Schulen mit besonderen Herausforderungen besser ausgestattet werden sollen. Den starken Zusammenhang zwischen sozialer Stellung und Bildungserfolg in Deutschland kritisieren Bildungsforscher seit Langem.