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Streit über große Verbreitung

Kormoran am Bodensee: Keine neuen Regeln in Sicht

Baden-Württemberg / Lesedauer: 4 min

Wie weiter mit dem Kormoran? Dazu soll ein Plan der Landesregierung entstehen. Doch den Fischern, der FDP und sogar Teile der Grünen im Südwesten geht das zu langsam.
Veröffentlicht:31.01.2024, 05:00

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Naturschützer sprechen von einer „Hetzjagd“, Berufsfischer fürchten um ihre Existenz: Seit Jahrzehnten streiten Bodensee-Anrainer über den Kormoran. Einigkeit herrscht mittlerweile darin, dass der Bestand rund um den See regulieren werden muss. Wie genau, sollte ein Plan festlegen, den die Landesregierung auch mit Bayern, Österreich und der Schweiz erarbeiten wollte. Doch der lässt weiter auf sich warten - weshalb sich am Mittwoch erneut der Landtag mit dem Kormoran beschäftigt.

Wie viele Kormorane gibt es am See?

Laut Landeanstalt für Umwelt brüteten 2022 am Bodensee auf baden-württembergischen Gebiet knapp 1780 Kormoran-Paare - 500 mehr als noch 2020. Fast 80 Prozent der Kormorane im Land leben am Bodensee. Bayern zählt etwa 600 Brutpaare Insgesamt wird der Bestand auf rund 6000 Tiere allein am baden-württembergischen Ufer des Sees geschätzt. Deutschlandweit machen die Kolonie im Südwesten etwa ein Zehntel des gesamten Bestandes aus. Die Vögel sind EU-weit geschützt.

Welche Probleme gibt es?

Eine Untersuchung im Auftrag der Landesregierung stellte 2022 fest: Kormorane erbeuten pro Jahr bis bis zu 308 Tonnen Fische aus dem See. Allerdings beeinflussen weitere Faktoren den Fischbestand, das halten zahlreiche weitere Studien ebenfalls fest. Der Nährstoffanteil sinkt durch die immer besseren Kläranlagen und der Klimawandel verändert das Ökosystem. Dennoch kamen die Autoren der Studie von 2022 zu dem Schluss: Der Kormoran schadet den Fischern. „Erhebliche“ Probleme mache der Kormoran bei gefährdeten Fischarten wie der Äsche, dem Aal und der Nase. Sowohl Naturschützer als auch Fischer kritisierten die Studie. Erstere monieren, man habe den Einfluss des Kormorans überbewertet, letztere sehen anders als die Studienautoren im Kormoran einen Hauptschuldigen für das Felchen-Sterben. Ein weiteres Problem: Kormorane brüten in Bäumen, ihr Kot zerstört diese und den darunter liegenden Boden.

Wie kann man diesen Problemen begegnen?

Seit 2010 erlaubt Baden-Württemberg den Abschuss außerhalb einer Schonzeit. Pro Jahr werden seither rund 2000 Vögel erlegt. Allerdings ist der Abschuss in Schutzgebieten verboten - besonders direkt am See sind aber davon sehr viele ausgewiesen. Auf Antrag genehmigten die Behörden daher seit 2018 in in 18 Fällen die Jagd auch in Naturschutzgebieten. Es gibt auch andere Versuche, die Vögel zu vertreiben. Keine Maßnahme hat bislang allerdings bislang den starken Anstieg der Population gebremst. Zudem macht aus Sicht aller Beteiligten jede Maßnahme nur Sinn, wenn Baden-Württemberg, Bayern, Österreich und Schweiz gemeinsam aktiv werden.

Warum ist passiert nicht mehr?

Genau das will nun die FDP im Stuttgarter Landtag wissen und hat den Kormoran erneut auf die Tagesordnung im Landtag gesetzt. Im Herbst hatte das Land das Ergebnis eines 1,5 Jahre lang dauernden Dialogs mit Fischern, Naturschützern, Experten und anderen vorgestellt. Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) und Agrarminister Peter Hauk (CDU) kündigten an, nun international abgestimmte Maßnahmen zu erarbeiten.

Doch Naturschutzverbände wie Nabu und BUND lehnten das Papier am Ende doch noch ab. Eine „Hetzjagd auf den Kormoran“ würde nur dazu dienen, die Fischerei zu beruhigen, so ein Nabu-Sprecher. Für punktuelle Kormoran-Abschüsse sei man offen, wenn es dem Schutz gefährdeter Fischarten diene, aber keiner massiven Reduktion der Bestände. „Es muss sich endlich etwas tun, es ist eine Katastrophe“, beklagt dagegen der Salemer FDP-Politiker Klaus Hoher. „Man hat einen langen Dialog geführt, wollte alle mitnehmen - und jetzt passiert wieder nichts, weil der Nabu sich querstellt“.

Wie geht es weiter?

Die Landesregierung will EU-Fördergeld beantragen. Laut Umweltministerium soll damit unter anderem eine weitere Studie finanziert werden. Diese soll erforschen, welche Eingriffe zum Beispiel in die Gelege der Kormorane erfolgsversprechend und naturschutzrechtlich möglich sind. „Das Projekt soll Startschuss sein für die Institutionalisierung einer mehrjährigen länderübergreifenden Zusammenarbeit zum Thema Fischereischutz insgesamt, nicht nur zum Kormoran. In diesem Rahmen kann ein gemeinsamer Managementplan erarbeitet werden“, so ein Sprecher von Walker.

Die drastische Vermehrung der Kormoranbestände nimmt unzumutbare Ausmaße an.

Sarah Schweizer

Allerdings steigt der Druck aus den eigenen Reihen, diesen Prozess zu beschleunigen. „Die drastische Vermehrung der Kormoranbestände nimmt unzumutbare Ausmaße an: Für unsere heimische Fischwelt, für die Fischerei, für das gesamte Ökosystem unter Wasser“, sagt die CDU-Politikerin Sarah Schweizer. Die Landesregierung müsse einen Zeitplan vorlegen. Das wollen auch die Grünen. Deren Naturschutz-Experte Markus Rössler sagt: „Die Landesregierung soll ihren Zeitplan für die Erstellung des Managementplans darlegen.“ Es gebe am Bodensee eine Kormoran-Problemlage. Es spreche nichts dagegen, weiterhin in die Kormoranbestände einzugreifen, solange die Artenschutzziele in Schutzgebieten berücksichtigt würden. Der Nabu weise zwar zurecht auf diese Schutzbelange hin - Worte wie „Hetzjagd“ seien aber in der Debatte nicht hilfreich.

Reicht das?

Die Fischer am See beklagen, es sei eigentlich bereits zu spät, viele ihrer Kollegen hätten wegen der massiven Probleme bereits ihren Job aufgegeben. FDP-Mann Hoher fordert: Das Land müsse stärkere Eingriffe, etwa in die Kormoran-Gelege ermöglichen.

In anderen Ländern werden Eier zum Beispiel eingeölt, daraus schlüpfen keine Küken. Eine massenhafte Jagd hält Hoher für schwierig, viele Jäger scheuten den Aufwand auch für die Entsorgung der Kadaver. Hinter den Kulissen drängen Agrarminsterium, CDU und Teile der Grünen auf mehr Tempo. So sagt etwa der Grünen-Abgeordnete Reinhold Pix: „Wir dürfen nicht wieder zwei Jahre brauchen.“ Es sei zwar richtig, rechtssichere Lösungen zu finden. Dennoch müsse möglichst rasch etwas passieren, am besten bis zur Sommerpause.