StartseiteRegionalBaden-WürttembergAlte Ängste keimen auf: Juden in Oberschwaben fühlen sich nicht sicher

85 Jahre Reichspogromnacht

Alte Ängste keimen auf: Juden in Oberschwaben fühlen sich nicht sicher

Region / Lesedauer: 8 min

Im Bewusstsein des Holocausts, der heute vor 85 Jahren mit der Pogromnacht seinen Anfang nahm, lebten Juden auch in Oberschwaben selten völlig unbeschwert. Und heute?
Veröffentlicht:09.11.2023, 04:58

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Heute vor 85 Jahren schlugen die Feindseligkeit, die Ausgrenzung und der Hass auf Jüdinnen und Juden in Deutschland endgültig in Barbarei um: Der sogenannte Volkszorn wütete in jener Nacht des 9. November 1938 ‐ angestachelt von der Propaganda der Nationalsozialisten und angeführt von SS und SA ‐ auch in den Zentren jüdischen Lebens in unserer Region: In Bad Buchau steckten Nazis die Synagoge in Brand, die Flammen konnten durch die Feuerwehr aber schnell gelöscht werden.

Erst am Tag darauf, als das Gotteshaus noch einmal angezündet worden war, brannte es vollständig ab. Das Kommando der NSDAP Ochsenhausen sorgte diesmal dafür, dass die Feuerwehr lediglich die umliegenden nichtjüdischen Gebäude vor den Flammen schützte.

In Laupheim notierte der nazitreue Bürgermeister in triumphalen Worten über das dortige Brandschatzen: „Es loderten wie ein leuchtendes Fanal die Flammen aus der Synagoge gegen den nächtlichen Himmel…“ Zuvor hatte eine SA-Einheit aus Ulm jüdische Mitbürger gewaltsam durch Laupheims Straßen getrieben und sie unter dem Zwang der Schlägertrupps bei der Zerstörung ihres eigenen Gotteshauses zuschauen lassen.

Hatten bis zu dieser Nacht noch viele Laupheimer Juden die Hoffnung, dass sich das Blatt noch einmal zum Positiven wenden könnte, so lag diese spätestens am 10. November wie die Synagoge in Schutt und Asche. Immerhin konnten sich 126 Juden durch Auswanderung dem Naziterror, der mit der Pogromnacht so richtig Fahrt aufnahm, entziehen.

Das Erbe des Nationalsozialismus

Eine Gesellschaft hat weder einen Pulsschlag noch einen Blutdruck, den man mit einem Messgerät verlässlich erfassen könnte. Was zur Diagnose übrig bleibt, sind Studien und Umfragen, die eine Ahnung vermitteln können, in welchem Zustand sich der zwischenmenschliche Kreislauf gerade befindet. Und ob und wie der Dialog unter Nationen, politischen Lagern und Religionen in den Arterien unseres Zusammenlebens fließt. Und ob vielleicht bald ein Infarkt droht, weil sich der Kalk eingeschlichen hat und Ablagerungen sie zusetzen und die Erinnerungen blockieren.

Damals 1938 gab es solche Erhebungen nicht, heute schon: Im Jahr 2022 hat das Rheingold Institut gemeinsam mit den Arolsen Archives untersucht, welchen Blick die sogenannte Generation Z, also junge Menschen bis 25, auf das schwere Erbe der deutschen Geschichte im Nationalsozialismus werfen. In der repräsentativen Befragung geben 78 Prozent der jungen Leute an, dass das Thema für ihre Gegenwart und Zukunft eine große Bedeutung hat.

Beim Blick in die aktuellen Nachrichten, mit Kriegsberichten zwischen Israel und der Hamas ‐ den zivilen Opfern auf beiden Seiten, den teils gewaltsamen pro-palästinensischen Ausschreitungen in deutschen Städten, den Übergriffen auf Juden und jüdische Gemeinden, aber auch den Solidaritätskundgebungen ‐ erscheint das Jahr der Erhebung, 2022, sehr weit weg.

Judenhass im Netz

Im Gegensatz dazu erscheint der unheilvolle 9. November 1938 wegen der aktuellen Geschehnisse ‐ auch bei uns ‐ verstörend nah und aktuell: Am Weingartener Rathaus reißen Unbekannte die israelische Flagge vom Masten. In anderen Rathäusern oder auf öffentlichen Plätzen der Region haben Verwaltungen entschieden ‐ so berichten es ein Amtsleiter der „Schwäbischen Zeitung“ unter der Bedingung, weder Ort noch Namen zu nennen ‐, die Fahne gar nicht erst aufzuhängen.

Das frisst sich durch die Generationen und hört irgendwie nie auf.

Eine junge Jüdin

Aus Angst, irgendwelche Antisemiten könnten sie wieder gewaltsam entfernen. In Senden bei Ulm werfen Unbekannte Steine ins Schaufenster eines Feinkostladens, der Spezialitäten aus Israel verkauft. Das sind nur zwei der öffentlich sichtbaren antisemitischen Zeichen dieser Tage, von den Schmierereien und Hakenkreuz-Kritzeleien gar nicht zu reden.

Wenn man im Internet in die Untiefen menschlicher Hassphantasien hinabsteigt, erscheinen die Vorfälle von Senden und Weingarten als beinah harmlose Spitzen eines Eisbergs. Dort wird nicht nur der Angriff der Hammas auf Israel am 7. Oktober mit Schaum vor dem Mund gefeiert ‐ selbst die Ermordung der 22-jährigen Shani Louk, deren Mutter in Ravensburg lebt, ist im Netz Anlass zu Jubel. Digitale Pogromstimmung, die die Entmenschlichung von Juden als begrüßenswerte Konsequenz aus dem zugespitzten Nahostkonflikt rechtfertigt.

Friedliche Demonstrationen gegen Antisemitismus

Die Entwicklung der Gegenwart mit ihren beängstigenden Rückschritten beschäftigt auch das Ehepaar Ursula und Werner Wolf. Sie engagieren sich in der Gesellschaft für christlich-jüdische Begegnung in Oberschwaben. Wer bei einem Anruf bei den Wolfs aber am Ende der Telefonleitung resignierte Stimmen erwartet, sieht sich getäuscht.

„Davon kann nicht die Rede sein. Die Stimmung geht eher in Richtung ,Jetzt erst recht!‘“, betont Ursula Wolf, die in den vergangenen Tagen und Wochen gemeinsam mit ihrem Mann viel mit Freunden in Israel telefoniert hat. „Sie signalisieren uns, dass es ihnen enorm wichtig ist, dass die Welt Solidarität zeigt.“ Entsprechend sei es Balsam auf die Seelen der Freunde in Israel, wenn sie von Kundgebungen hörten, die ein Zeichen gegen Hass und Antisemitismus setzten.

Werner Wolf sagt: „Vor ein paar Jahren haben wir noch gedacht: So viele Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ist unsere Arbeit jetzt getan.“ Er und seine Frau hätten schmerzlich erfahren, dass das Gegenteil der Fall sei. „Ein Grund, jetzt noch mehr zu tun ‐ und nicht weniger.“ Am heutigen Abend wird man das Ehepaar Wolf und ihre Unterstützer auf dem Löwenplatz in Weingarten finden, um für den Frieden zu beten und Kerzen anzuzünden.

„Keine politische Veranstaltung, sondern ein Friedensgebet. Nicht nur für die getöteten und verschleppten Juden ‐ auch für die palästinensische Zivilbevölkerung, die jetzt extreme Not leidet“, sagt Ursula Wolf, während ihre Stimme selbst dann noch einen hoffnungsfrohen Klang behält, wenn sie davon berichtet, dass sich Jüdinnen und Juden in Oberschwaben jetzt noch stärker zurückziehen. Der Rückzug, das In-Deckung-Gehen ‐ auch das eine Parallele zu den Zeiten vor 85 Jahren.

„Wie man sich dabei fühlt, kann man nicht so einfach beschreiben.“

Shneur Trebnik

Dazu passt auch, dass eine Reihe Menschen mit jüdischen Wurzeln abwinken, wenn man sie im Moment um ein kurzes Interview oder Statement bittet. Eine junge Frau, die zwar einen jüdischen Großvater hatte, selbst aber nicht religiös ist und auch die jüdischen Feiertage nicht festlich begeht, spricht von einem Trauma. „Das frisst sich durch die Generationen und hört irgendwie nie auf.“

Das mulmige Gefühl habe auch damit zu tun, dass die Intoleranz, die hinter dem Antisemitismus stecke, ja nicht bei Juden aufhöre. Es gehe um Freiheit insgesamt. Und nicht nur um die Freiheit der Mehrheitsgesellschaft. „Es muss für jeden Menschen ein beklemmendes Gefühl sein, dass es wieder losgeht.“

Ulmer Rabbiner über aktuelle Gefühlslage

Das Telefonat mit dem Ulmer Rabbiner Shneur Trebnik beginnt mit einem langen Seufzer. Daraus spricht nicht nur die Atemlosigkeit aufgrund vieler Termine und Sorgen, sondern auch ein wenig Ratlosigkeit auf die Frage nach der Gefühlslage von ihm selbst und den Mitgliedern seiner Gemeinde: „Das ist wirklich eine sehr schwierige Frage im Moment. Denn es kann sich von Minute zu Minute ändern“, seufzt der Rabbi.

Der Schockzustand, den der 7. Oktober ausgelöst hat, sei noch nicht überwunden. Israel befände sich in einem Existenz bedrohenden Zustand. „Wie man sich dabei fühlt, kann man nicht so einfach beschreiben.“

Jeder Mensch ist gefragt

Und wie tröstet Shneur Trebnik die Mitglieder seiner Gemeinde? „Bei all den Dingen, wofür ich zuständig bin, und das ist fast alles ‐ aber da endet meine Stellenbeschreibung im Augenblick“, sagt er mit entwaffnender Ehrlichkeit. Allerdings beeilt sich der Rabbiner zu betonen, dass nun nicht alle Hoffnung aus den jüdischen Menschen gewichen sei: „Wir sind alle zuversichtlich, dass es mit Gottes Hilfe wieder ein besseres Morgen gibt.“

Wobei nicht nur Gott, sondern die Menschen es in der Hand hätten ‐ und bei weiten nicht nur die Juden. „Jeder sollte jetzt bei sich selber anfangen und sich fragen, was kann ich ganz konkret und nicht nur im religiösen Sinn tun, um die Situation wieder zu verbessern?“ Jeder kleine Schritt bringe ein bisschen Licht in diese düstere Zeit. Nicht nur von Juden ‐, sondern von allen Menschen, denn ‐ davon ist Shneur Trebnik fest überzeugt: „Wer denkt, das alles betrifft nur jüdische Menschen, der ist schon ein bisschen naiv.“

Jeder sollte jetzt bei sich selber anfangen und sich fragen, ,was kann ich ganz konkret und nicht nur im religiösen Sinn tun, um die Situation wieder zu verbessern?‘

Shneur Trebnik

Rabbiner Shneur Trebnik glaubt im Moment nicht, dass die Juden in Deutschland vor einer Auswanderungswelle stehen. „Obwohl manche sagen, dass es am Ende in Israel für Juden am sichersten ist.“ Dagegen sprechen allerdings die 1400 Todesopfer auf jüdischer Seite, die beim Überfall durch die Hamas umgekommen sind.

Wie viele Tote es auf palästinensischer Seite bis jetzt gegeben hat, weiß niemand genau. Unabhängig nachprüfbare Zahlen gibt es nicht. Der Tod lässt sich nicht mathematisch aufrechnen. Eines gilt aber heute wie vor 85 Jahren und der Ulmer Rabbi drückt es so aus: „Alle Opfer sind 100-prozentig Mensch.“