StartseiteRegionalBaden-WürttembergIn acht oder neun Jahren zum Abitur?

Festhalten am G9 in Baden-Württemberg?

In acht oder neun Jahren zum Abitur?

Baden-Württemberg / Lesedauer: 5 min

Umbrüche in Baden–Württembergs Schullandschaft: Grün–Schwarz fördert erstmals eine Debatte über G9. Außerdem sollen Kommunen bald Ganztagsgrundschulen — auch gegen deren Willen.
Veröffentlicht:13.06.2023, 20:30

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Eigentlich hatte sich die Koalition in Baden–Württemberg verordnet, in dieser Legislaturperiode keine Debatten über Schulstrukturen zu führen. Nun deuten sich gleich zwei Umbrüche an. Ein Überblick:

Worum geht es?

Das Land will per Bürgerbeteiligung in den kommenden Monaten darüber beraten, wie lang der Weg zum Abitur sein soll. Nachdem das Saarland nun auch zum neunjährigen Gymnasium zurückkehrt, wird Baden–Württemberg das letzte westdeutsche Flächenland mit G8 sein. Zwar hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) am Dienstag in Stuttgart betont, G8 weiter zu befürworten.

Nach den Sommerferien soll aber ein Bürgerforum mit 40 bis 60 zufällig ausgewählten Bürgerinnen und Bürgern starten. Sie sollen die Breite der Gesellschaft abbilden, nicht nur Eltern und Lehrer von Gymnasiasten, sagte Kretschmann am Dienstag. „Wir werden nicht nur gefühlte Betroffenheiten einbringen, sondern auch Praktiker und Wissenschaftler befragen.“

Warum startet das Land gerade jetzt eine Debatte über G9?

Der Druck ist zuletzt deutlich gestiegen, so Kretschmann. „Wir nehmen seit einigen Jahren wahr, dass eine sehr, sehr deutliche Mehrheit im Land weg vom G8 möchte.“ Das belegen viele Studien. In einer Forsa–Umfrage vor gut einem Jahr hatten sich lediglich sechs Prozent aller befragten Eltern für G8 ausgesprochen, während 62 Prozent für G9 waren. 29 Prozent hatten sich die Wahl gewünscht.

Das Argument der Regierung, mit den 43 Modellgymnasien im Land, den Gemeinschaftsschulen mit Oberstufen und den beruflichen Gymnasien gebe es neunjährige Wege zum Abitur, lassen Verfechter des allgemeinbildenden Gymnasiums nicht gelten. „Wir sind auch dadurch gefordert, dass ein Volksantrag im Gang ist“, sagte Kretschmann. „In dieser Situation warten wir nicht ab, sondern leiten den Prozess einer fundierten Debatte selbst in die Wege.“

Wie weit ist der Volksantrag?

Die Initiatoren von „G9 Jetzt“ haben am Dienstag ein Etappenziel verkündet. Zur Halbzeit der einjährigen Sammlung von Unterschriften haben sie bereits mehr als 20.000 beisammen und damit mehr als die Hälfte der nötigen 39.000. Viele Hunderte weitere durchliefen den aufwendigen Beglaubigungsprozess, erklärte Initiatorin Anja Plesch–Krubner.

Welche Reaktionen gibt es auf das Vorgehen des Landes?

Der Jubel blieb aus. „Wir waren überrascht, aber auch stolz und verbuchen das als Erfolg“, sagte Plesch–Krubner. Die Unterschriftensammlung gehe aber weiter. „Hoffentlich wird das keinen einzigen davon abhalten, zu unterschreiben.“ Es ärgere sie, dass Kretschmann von einer Versachlichung durch das Bürgerforum spreche und die Köpfe der Regierungskoalition in einer Mitteilung hauptsächlich von einer Stärkung der frühkindlichen Bildung und der Grundschulen sprechen. „Da liest man keinen Schwung für G9 heraus.“

Cord Santelmann vom Philologenverband, der die Gymnasiallehrer vertritt, sprach von einer „Nebelkerze“, die dem G9–Volksantrag schade. „Es entsteht der Eindruck, die Landesregierung ist plötzlich offen für G9, was ja nicht stimmt.“ Ein Bürgerforum nennt er unnötig, der Wille der Bürger sei klar. Ähnlich äußerte sich Stefan Fulst–Blei von der SPD. Es sei nicht zielführend, Schularten gegeneinander auszuspielen, sagt er.

„Wir brauchen die Entscheidung für eine echte Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 jetzt!“ FDP–Fraktionschef Hans–Ulrich Rülke forderte: „Einfach machen!“ Kritisch zum Prozess äußert sich auch der Landeselternbeiratsvorsitzende Sebastian Kölsch. Im schulischen Bereich gebe es viel Sachverstand. „Die Frage ist zu komplex, um sie wahllos ausgewählten Bürgern zu überlassen.“

Matthias Wagner–Uhl, Vorsitzender des Vereins für Gemeinschaftsschulen, verwies darauf, dass Wissenschaftler bei Leistungen und Belastungen der Kinder kaum Unterschiede zwischen G8 und G9 feststellten. Zumal es in seiner Schulart und den beruflichen Schulen alternative Wege gebe. „Ich kann daher nicht nachvollziehen, dass die Landesregierung hier nun in Bewegung gerät“, sagt er. Thomas Speck, Vorsitzender des Berufschullehrerverbands, sehe im Bürgerforum sogar eine Chance, wie er sagte. „Damit sind auch diejenigen vertreten, die bis jetzt vielleicht sehr leise waren.“ Das Vorgehen sei demokratisch und passe zum Regierungstil von Grün–Schwarz.

Hier widerspricht Plesch–Krubner. „Die Grünen wollen Beteiligung und Anhörung vorgaukeln, aber man weiß, wie man das Volk beglücken muss.“ Das zeige sich aktuell auch am Beispiel der Ganztagsgrundschulen.

Was ändert sich bei den Ganztagsgrundschulen?

Um dem Ganztagsanspruch von Grundschulkindern ab 2026 gerecht zu werden, wollen Städte und Gemeinden mehr Ganztagsschulen einrichten. Einen Bericht der „Südwest Presse“ über solche Pläne des Kultusministeriums bestätigte Norbert Brugger, Bildungsdezernent des Städtetags. Zwischen der Einführung 2014 und heute sollten laut Plan 70 Prozent der rund 2500 Grundschulen im Land zu Ganztagsschulen werden — es sind aber 20 Prozent.

Darüber entscheiden bislang die Schulkonferenzen aus Lehrern, Schülern und Eltern. Künftig sollen diese nur noch angehört werden, entscheiden sollen die Kommunen. „Es ist noch nicht im Landtag beschlossen, aber alle Signale sind entsprechend“, so Brugger. Das sei auch nötig.

„Wenn das gegen den Willen eines Kollegiums passiert, kann da nur schwer was Gutes rauskommen“, betonte Edgar Bohn, Vorsitzender des Grundschulverbands. Sinnvoll sei dieser Weg hin zu mehr Ganztagsschulen dennoch, denn: „Wir haben ein massives Problem mit der Bildungsgerechtigkeit.“ Der oberste Elternvertreter Kölsch mahnte, die Mitwirkungsrechte der Eltern dürften nicht beschnitten werden.