Abschuss

„Ich hab schon Angst vor dem Wolf"

Baden-Württemberg / Lesedauer: 7 min

„Ich hab schon Angst vor dem Wolf." Chatrina Cajacob. arbeitet im hinteren Tamina-Tal werkelt. Hier ist Wolfsland.
Veröffentlicht:01.01.2016, 16:51
Aktualisiert:23.10.2019, 20:00

Von:
Artikel teilen:

„Ich hab schon Angst vor dem Wolf. Wenn ich in der Dämmerung rausgehe, nehme ich eine große Taschenlampe mit“, berichtet Chatrina Cajacob. Es ist Zufall, dass die junge Schweizerin um diese Jahreszeit noch in einer Alpwirtschaft im hinteren Tamina-Tal werkelt. Sie hilft ihren Eltern, die wettergegerbte Hütte und den windschiefen Stall winterfest zu machen, bevor der große Schnee kommt. Es ist einsam um die Gebäude herum. Hinter ihnen beginnt der Bergwald. Er zieht sich zur 3247 Meter hohen Ringelspitz empor. Auf der anderen Talseite verstellen Felswände des Calanda-Massivs den Blick. Hier ist Wolfsland. Das einzige Rudel der Schweiz hat in dieser abgelegenen Gegend seit 2012 seine Jagdgründe. Sie beginnen gerade mal 60 Kilometer südlich des Bodensees.

Zwölf Wölfe sollen es gegenwärtig sein. „Nachts hört man ihr Heulen. Schaurig“, sagt Cajacob. Wenn es nur dies wäre. Aber offenbar wagen sich die Tiere zunehmend in die Nähe von Menschen. Dies soll nun zwei Wölfen das Leben kosten. Kurz vor Weihnachten hat das zuständige eidgenössische Bundesamt für Umwelt eine Abschussbewilligung erteilt. „Gut so“, findet Cajacob. „Für so viele Wölfe ist hier einfach kein Platz.“

Um mangelnden Raum für diese Tiere geht es aber nicht – zumindest nicht aus offizieller Sicht. „Das Problem besteht darin, dass die Wölfe des Calanda zunehmend die Scheu verlieren. Weil ihnen niemand nachstellt, haben sie gelernt, dass der Mensch keine Gefahr bedeutet. Das ganze Rudel kommt inzwischen bis in die Dörfer hinein. Immer wieder hat es sich nicht vertreiben lassen“, beschreibt Dominik Thiel die Situation. Er ist Leiter des Amtes für Natur, Jagd und Fischerei im Kanton St.Gallen, dessen Gebiet sich bis ins Tamina-Tal erstreckt. Sein Amtskollege Georg Brosi vom benachbarten Kanton Graubünden hat dazu in der Öffentlichkeit erklärt: Nur der Abschuss zweier Wölfe mache das Rudel wieder scheu und halte es von Siedlungen fern.

Fürs Erste ist dies ein Problem der Kantone Graubünden und St. Gallen, in deren Grenzbereich das Rudel herumzieht. Es hat aber jährlich bis zu fünf Junge. Und Nachwuchs-Rüden neigen dazu, auf der Suche nach einem eigenen Revier vom Calanda bis nach Süddeutschland vorzudringen. Die beiden 2015 in Baden-Württemberg überfahrenen Wölfe stammen aus dem Gebirgsstock. Wenn aber dem Rudel die Scheu vor dem Menschen verlustig gegangen ist, dürfte dies ebenso für die Streuner gelten. Womit Wolfsbegegnungen auch nördlich des Bodensees heikel werden könnten.

Für dortige Ämter scheint diese Sichtweise eher neu zu sein. So verkündet etwa in Stuttgart das Ministerium für Ländlichen Raum traditionell, man sei auf den Wolf gut vorbereitet. Die Lage werde beobachtet. Als Zentrum des Geschehens haben hingegen St. Gallen wie Graubünden dringenden Handlungsbedarf gesehen. Zuvor waren zig Wolfssichtungen analysiert worden. Darunter befanden sich solche, bei denen die Tiere nach Ansicht kantonaler Behörden Kinder beobachtet haben. Wölfe sind aber auch in der Schweiz streng geschützt. Zudem gilt der Eingriff in ein Rudel als sensibel. Deshalb mussten beide Kantone in der Hauptstadt Bern um Abschusserlaubnis nachfragen.

Wobei es im hinteren Tamina-Tal genug Einheimische geben dürfte, die am liebsten sofort zur Büchse griffen. „Ich würde gleich schießen, wenn ich ein Gewehr hätte“, sagt eine Frau in mittlerem Alter, die in Vättis mit einem kleinen Hund spazieren geht. Das beschauliche Dorf ist das Zentrum des hinteren Tamina-Tals. Sauber renovierte alte Häuser drängen sich um die Kirche. Am Ortsrand sind Neubauten entstanden. Dort wohnt die Frau. Sie erzählt, dass sie sich mit ihrem kleinen Liebling nicht mehr in den Wald traue. Dort sei ihr schon ein Wolf begegnet. „Das nächste Mal greift er vielleicht an“, fürchtet sie. Im ganzen Calanda-Bereich ist so etwas zwar noch nie geschehen. „Aber einmal ist immer das erste Mal“, meint Eduard Rohrer, ein pensionierter Ausflügler, der sich in Vättis die Füße vertritt – mit einem „mulmigen Gefühl“, wie er es beschreibt.

Getroffen hat Rohrer einen Wolf noch nie. Das braucht es auch nicht. Im Dorf gibt es genug Erzählungen über Wolfssichtungen: „Bei der Bushaltestelle“, „vor einem Stall am Ortseingang“, „abends auf dem Heimweg“. Die Aufzählung läßt sich leicht verlängern. Dazu trägt auch Micha Fischer bei, Wirt des Berggasthofes Eggwald. In seinem Fall tut er dies aber als einer der wenigen vor Ort, die den Wolf entspannt betrachten. Von verlassenen Alphütten umgeben, liegt Fischers kleines Anwesen weitab von Vättis Richtung Kunkelpass. Nur ein vereister Weg führt hinauf. Er hält Ziegen, Hühner und zwei Hunde. Sein Standpunkt: „Wir sollten endlich lernen, mit Wölfen zu leben. Dreimal bin ich die vergangenen Jahre auf welche gestoßen. Sie haben sich nie für mich interessiert.“

Dies mag sein. In der Bevölkerung hat es jedoch von Anfang an wegen der Wölfe gegrummelt. Zuerst murrten Bauern, die im Sommer Schafe, Ziegen oder Rinder auf Hochweiden geben. Sie befürchteten hohe Verluste unter ihrem Vieh. Mehr als vereinzelte Risse gab es aber bisher im Calanda-Bereich nicht. Etwas anderes rückte dafür in den Vordergrund. Es war letztlich der Anfang der Abschussbewilligung. So klagten Dorfbewohner in den Gebirgstälern schon vor zwei Jahren, dass winters Wölfe um die Ansiedlungen schlichen. Wobei dies prinzipiell ein natürlicher Vorgang ist. Bei Kälte und Schnee wandert die Wolfsmeute auf Nahrungssuche in tiefere Lagen. Vor allem Rotwild gilt als Leckerbissen. Die Wölfe ziehen mit – und stoßen zwangsweise auf Menschen.

Fleisch für Füchse

Eventuell gibt es aber noch andere Gründe. Darüber wird in der Gegend wild spekuliert. „Menschliches Handeln könnte die Wölfe zusätzlich anlocken“, meint David Gerke, Präsident der Gruppe Wolf Schweiz, einer Organisation zum Schutz der Tiere. Konkret geht es um zweierlei Vorwürfe: Offenbar wirft nach wie vor mancher Bauer die Nachgeburt beim Kalben auf seinen Misthaufen. Des Weiteren sind Luderplätze ins Gerede gekommen. Sie werden von Jägern mit Fleisch bestückt, um Füchse anzulocken. In Vättis ist Pro-Wolf-Aktivisten ein solcher Platz aufgefallen, der nur 200 Meter vom Dorf entfernt liegt. Zwei Schweinsköpfe wurden ihren Angaben zufolge dort entdeckt – potenzielles Wolfsfutter.

Nun steht der Vorwurf im Raum, Gegner der Tiere würden dies absichtlich machen. So könnten Zwischenfälle inszeniert werden, lautet die Spekulation. „Das ist Unsinn“, sagt Oswald Sprecher, Hotelier, Bauer und Jagdpächter in Vättis. Mit drei anderen Waidmännern sitzt er beim Kaffeetrinken in seinem Hotel Tamina. Füchse, heißt es von der Gruppe, würden wie immer bejagt. Sie hätten sogar Luderplätze aufgegeben. „Aber es ist eben grundsätzlich so, dass ein Wolf nicht in Wohngebiete gehört. Sein Schutz ist bisher übertrieben worden.“ Die vier Waidmänner aus dem Hotel Tamina werden übrigens nicht zum Schuss kommen. Die Wolfsjagd ist Spezialisten vorbehalten. Dies war bereits in anderen Kantonen der Fall, in denen Wölfe wegen überhandnehmender Schafrisse abgeschossen werden sollten, etwa im Wallis. Im aktuellen Fall ziehen Graubündner und St. Galler Wildhüter los. Ihre Aufgabe ist schwer. Ziel sind Jungwölfe. Sie sollen im Verband des Rudels geschossen werden, wenn dieses gerade in Dorfnähe ist. Davon versprechen sich die Behörden eine optimal abschreckende Lehre für das Rudel.

Doch die Zeit drängt. Nach drei Monaten läuft die Abschussbewilligung aus. Es wäre in der Schweiz nicht das erste Mal, sollte es bei einer solchen Jagd keine Schussgelegenheit geben.

„Wenn wir aber nichts für die Vergrämung der Wölfe tun, wird ihre sowieso angeschlagene Akzeptanz in der Bevölkerung abnehmen“, warnt Ferdinand Riederer. Als Gemeindepräsident von Pfäfers ist er auch für Vättis zuständig. Seiner Amtskraft sind aber im Zusammenhang mit den Wölfen Grenzen gesetzt. Immerhin reicht sie für Aushänge in Gemeinde-Info-Kästen. Dort heißt es auf einem kantonalen Plakat unter anderem: „Wölfe im Siedlungsgebiet: Falls der Wolf Ihnen wider Erwarten folgt, bleiben Sie stehen und schreien Sie.“