Sommerferien

Das ganze Jahr Lehrer, im Sommer arbeitslos - so geht es befristet angestellten Lehrern

Ulm / Lesedauer: 7 min

Wie drei Lehrerinnen aus Tuttlingen, Ravensburg und Ulm über den Sommer kommen
Veröffentlicht:28.07.2022, 17:24
Aktualisiert:28.07.2022, 17:47

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Marie Reck fasst ihren Schwebezustand seit Beginn der Sommerferien so zusammen: „Ich behalte meine Schlüssel für die Schule und werde sicher auch dort arbeiten in den Ferien, aber ich werde nicht dafür bezahlt.“ Als Lehrer angestellt, in den Sommerferien aber arbeitslos: So geht es rund 4000 Junglehrern, die gerade ihre Ausbildung abgeschlossen haben. Und ungefähr genau so vielen weiteren, die sich von einem befristeten Vertrag zum nächsten hangeln, kritisiert Monika Stein, Landeschefin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), am Donnerstag in Stuttgart. Der Südwesten ist bei dieser Praxis Spitzenreiter.

Im Vergleich zu vielen anderen bezeichnet sich Reck noch als privilegiert. „Ich wohne gerade bei meinen Eltern und muss keine Miete zahlen.“ Die 26-Jährige hat Grundschullehramt studiert und in Tuttlingen , ihrer Heimat, das Referendariat an der Grundschule am Holderstöckle absolviert. Dort wartet nach den Ferien eine feste Stelle auf sie. Zunächst ist sie aber sechs Wochen arbeitslos. Ihren Unterricht werde sie dennoch vorbereiten. Am 9. September damit beginnen, wenn sie wieder im Landesdienst ist, und am 12. September eine Klasse leiten, das gehe nicht. Ein unbekümmerter Sommer werde das aber nicht. „Man ist ganz am Anfang des Berufslebens, hat keine Rücklagen, hat kein Geld“ – und das in Zeiten massiv steigender Energiepreise und hoher Inflation. „Man fühlt sich ein bisschen allein gelassen“, sagt sie.

Viele gehen in die Schweiz oder ins Rheinland

Kurz habe sie damit geliebäugelt, in die nahe Schweiz zu wechseln, erzählt Reck. „Ich kann jeden verstehen, der sich das überlegt.“ Schließlich zahlten die Eidgenossen besser und durchgängig. Laut GEW tun das viele oder wechselten in andere Bundesländer wie Rheinland-Pfalz. Dort bekommen die „Saisonlehrkräfte“ seit 2019 auch im Sommer ihren Lohn, ebenso in Nordrhein-Westfalen oder Berlin. In anderen Ländern wie Hessen sind deutlich weniger Pädagogen von der Sommerarbeitslosigkeit betroffen, so die GEW. Sie wünscht sich Zahlen dazu, wie viele Lehrkräfte aus dem Land abwandern. Die gebe es aber nicht.

Der Staatsdienst sei dann doch reizvoller gewesen als die Schweiz, sagt Reck. „Ohne den Beamtenstatus hätte ich mir einen anderen Job gesucht.“ Für befristet angestellte Lehrer ohne Aussicht auf Verbeamtung sei das viel problematischer. Das sieht die Landesregierung ähnlich. Referendare müssten ja nur einen Sommer überbrücken, sagte jüngst Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). An der Praxis, sie nach der Ausbildung zunächst in die Arbeitslosigkeit zu schicken und im Herbst einzustellen, will auch seine Parteifreundin Theresa Schopper nichts ändern, wie die Kultusministerin kurz nach ihrem Amtsantritt im Sommer 2021 erklärte. Doch sie wolle die Situation für befristet beschäftigte Lehrkräfte verbessern. So steht es auch im Koalitionsvertrag.

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Abzüglich der abgesicherten Pensionäre, die wegen des Lehrermangels aushelfen, spricht die GEW von 3895 befristet Beschäftigten – fast eine Verdoppelung seit Beginn grüner Regierungszeiten 2011. Ein Sprecher Schoppers rechnet weitere Gruppen heraus, die etwa einen befristeten Vertrag haben, aber im Sommer bezahlt werden. Rund 1550 seien zudem ausgebildete Lehrer, die sich auf keine freie Stelle beworben hätten, weil sie lieber befristet am Wunschort arbeiteten. Wer etwa eine feste Stelle in Tuttlingen annimmt, wo der Mangel massiv ist, hat kaum Chancen, dort wieder wegzukommen. Das betont auch Stein und fordert vom Land mehr Flexibilität und Anreize wie eine Zulage für Mangelregionen.

Seit 2015 von Vertrag zu Vertrag

Im Kern gehe es laut Schoppers Sprecher um 2650 sogenannte Nicht-Erfüller, die keine fertige Lehramtsausbildung haben. Wegen des Lehrermangels ist das Land aber seit vielen Jahren auf sie angewiesen. Eine von ihnen ist nicht so mutig wie Marie Reck. Die Ulmerin will ihren Namen nicht veröffentlicht sehen. Kein Einzelfall, sagt Stein, viele wollten ihren Arbeitgeber, das Land, nicht verärgern und hofften auf eine erneute Anstellung im nächsten Schuljahr. Oder wie die Lehrkraft aus Ulm sogar auf eine feste Stelle, die ihr endlich versprochen ist.

Noch hat sie aber keinen Vertrag. „Mir wurde immer wieder Hoffnung gemacht und letztlich wurde ich doch enttäuscht.“ Seit 2015 hat die 48-Jährige „Kettenverträge“, wie sie sagt. Sie arbeitet zudem in der Kinderbetreuung, weil sie keine volle Stelle hat und die Sommerferien überbrücken muss. „Ich weiß heute gar nicht, wie ich das über Jahre hinbekommen habe. Aber ich musste mehrgleisig fahren, weil ich immer die Sorge hatte, dass ich keinen weiteren Vertrag bekomme.“

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An einer Ulmer Schule unterrichtet sie eine Vorbereitungsklasse, in der sie Kindern unterschiedlichsten Alters aus aller Welt Deutsch beibringt. Wegen ihrer Liebe zum Job hat sie dies jahrelang mitgemacht – bis ihr Körper streikte und sie 2020 im Krankenhaus landete. „Das hat mir gezeigt, ich muss besser auf mich aufpassen“, sagt sie. Und so hat sie in Berlin in einer Schule hospitiert, hatte dort sieben Angebote für Festanstellungen und Aussicht auf besseres Gehalt.

Nun bleibt sie doch – wegen des netten Kollegiums und weil es sie glücklich macht, wenn sie über den Schulhof läuft und „ihre“ Kinder sie anstrahlen. „Letztlich war es aber die Entfristung, sonst wäre ich weg gewesen“, sagt sie und warnt. „Wenn wir auch in Zukunft eine Bildungsnation bleiben wollen, dann müssen wir hier einen fairen und würdigen Rahmen schaffen.“

Lehrermangel wächst

Darauf pocht auch die GEW und mit ihr die anderen Lehrerverbände sowie die Parteien, die gerade nicht das Land regieren. Derweil wächst der Lehrermangel stetig. In einem Brief haben jüngst Kretschmann und Schopper Teilzeitkräfte darum gebeten, ihre Stundenzahl aufzustocken. Stein nennt es absurd, dass zugleich befristet Beschäftigte vergrault würden– zum Teil mit dem Argument, sie könnten mit einer Festanstellung ausgebildeten Lehrkräften in einigen Jahren den Platz wegnehmen.

„Alle sprechen vom Lehrermangel, aber dann kriegt man keine Stelle“, sagt eine, die ebenfalls unerkannt bleiben möchte. Die 27-Jährige hat gerade an einer Grundschule im Raum Ravensburg ihr Referendariat abgeschlossen. Das Problem: Der Schulamtsbezirk Markdorf sei noch vergleichsweise gut mit Lehrkräften bestückt. Länger als 30 bis 40 Minuten kann sie aber nicht zur Schule pendeln, wegen ihres eineinhalbjährigen Kinds ist sie nicht völlig flexibel.

„Das hat mich schon traurig gemacht“, sagt sie. Dank ihres studierten Fachs Religion hat sie bei der Kirche einen befristeten Vertrag bekommen. Würde sie einen weiteren unterzeichnen, bekäme sie sogar durchgängig Gehalt. Das will die junge Mutter aber eigentlich nicht. „Ich möchte schon gerne vom Land eine Beamtenstelle“, auch wenn sie dann kommenden Sommer wieder keinen Verdienst hat. So wie diesen Sommer. Den überbrückt sie mit dem wenigen Ersparten, das sie hat, und dem Einkommen ihres Mannes. „Die Krankenversicherung konnte ich zum Glück ein bisschen verringern.“ Und Urlaub? „Vielleicht gehen wir ein bisschen zelten“, sagt sie.

Alle Lehrkräfte zu entfristen würde rund 15 Millionen Euro kosten, so Schoppers Sprecher. „Ein Tausendstel des Kultushaushalts“, kontert Stein. Zumindest hat das Land vor zwei Jahren unter Schoppers Vorgängerin Susanne Eisenmann (CDU) ein Entfristungsprogramm aufgelegt. Wenn der Bedarf belegt ist, die Lehrkraft mindestens mit gut bewertet ist und sie mindestens 30 Monate im Schuldienst war, kann sie sich bewerben. Im ersten Jahr bekamen so 81 Lehrkräfte einen unbefristeten Vertrag, im zweiten 116 und zuletzt 173 – Zweidrittel derer, die sich beworben hatten, erklärt Schoppers Sprecher. Warum das so wenige sind, erklärt GEW-Geschäftsführer Matthias Schneider mit verpassten Fristen, Stellen am falschen Ort, aber auch so: „Viele haben einfach resigniert.“