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Kleine Krankenhäuser sollen abgeben

Frühchen–Versorgung in Oberschwaben in Gefahr?

Baden-Württemberg / Lesedauer: 5 min

Ist die Frühchen–Versorgung in Oberschwaben in Gefahr? Neue Vorgaben für Säuglings–Zentren bedrohen jede dritte Einrichtung. Ein Überblick.
Veröffentlicht:01.09.2023, 18:19

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Sie sind winzig, passen in die Hand ihrer Eltern — und wenn sie gesund überleben, scheint es oft wie ein Wunder: sehr kleine Frühchen, die bis zu zwölf Wochen vor dem Geburtstermin zur Welt kommen. Sie könnten ab 2024 schlechter versorgt werden als bisher. Davor warnen jedenfalls Ärzte und Kliniken.

Wo werden Frühchen bislang versorgt?

Derzeit gibt es in Baden–Württemberg 21 Zentren für sehr früh geborene Säuglinge, unter anderem in Ravensburg, Ulm, Tübingen und Reutlingen. Diese Perinatalzentren der Stufe 1 dürfen Kinder behandeln, die bei der Geburt weniger als 1250 Gramm wiegen. Hinzu kommen fünf Zentren der Stufe 2, die sich um etwas ältere Frühchen kümmern. Eines davon betreibt das Klinikum Friedrichshafen.

Was soll sich ändern?

Es geht um die Frage, wie viele besonders kleine Frühchen eine Klinik pro Jahr behandeln muss, um die bestmögliche Versorgung zu bieten. Lange lag diese Mindestmenge bei 14 Fällen, seit diesem Jahr bei 20. Die Mindestmenge legt der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) fest.

In diesem sitzen unter anderem Vertreter von Krankenkassen, Krankenhäuser und niedergelassener Ärzte. Sie haben entschieden: Ab Januar 2024 dürfen nur noch Zentren ganz kleine Frühchen behandeln, die mehr als 25 Fälle im Jahr behandeln.

Und warum?

Aus Sicht des GBA liegen ausreichend Daten dazu vor, dass Kliniken mit weniger als 25 kleinen Frühchen pro Jahr schlechtere Ergebnisse bei deren Behandlung erzielen. Professor Josef Hecken, Vorsitzender des GBA, erklärte: „Bei einer Erhöhung der jährlichen Fallzahl in einer Spezialklinik um nur zehn Neugeborene unter 1250 Gramm Geburtsgewicht sinkt die Wahrscheinlichkeit, im Krankenhaus zu versterben, bereits um etwa fünf Prozent.

Für mich ist klar: Mindestmengen retten damit Menschenleben.“ Deshalb pocht der GBA bereits seit 2020 auf neue Mindestmengen. Seither haben Länder und Kliniken aus seiner Sicht Zeit gehabt, sich auf neue Mindestmengen einzustellen. Die Wegezeiten erhöhen sich nach einer Prognose des Gremiums „im Durchschnitt je nach Berechnungsmodell moderat auf 24/25 Minuten bei einer durchschnittlichen Wegstrecke von 24 Kilometern“. Das sei zumutbar.

Was bedeutet das für die Region?

Jedes dritte Perinatalzentrum in Baden–Württemberg würde seinen Status als Stufe–1-Versorger verlieren, darunter möglicherweise jene in Reutlingen und Ravensburg . „Es könnte durchaus passieren, dass wir hier keine ganz kleinen Frühgeborenen mehr behandeln dürfen“, sagt Dr. Andreas Artlich, Chefarzt Kinder– und Jugendmedizin an der Oberschwabenklinik Ravensburg und Vizepräsident des Verbands Leitender Kinder– und Jugendärzte und Kinderchirurgen Deutschlands (VLKKD). Allerdings: „An unserer Praxis in Ravensburg würde das wenig ändern. Bei sehr kleinen Frühgeborenen sind die Ergebnisse der Kollegen am Uniklinikum Ulm besser. Wir überweisen solche Fälle heute schon dorthin, obwohl wir sie selbst versorgen dürften“.

Jede Reduzierung des Angebots wird direkte Folgen für die Versorgung haben.

Matthias Einwag

Die Schließungen gefährdeten jedoch landesweit die Versorgungsqualität. Die verbleibenden zehn Perinatalzentren der höchsten Stufe müssen dann jährlich etwa 220 kleine Frühchen mehr versorgen. In einer Befragung des VLKKD gaben alle großen Zentren im Südwesten an, das sei nicht leistbar. Es fehlt an Personal. Damit müssten werdende Mütter wohl oft auch in sehr weit enfernte Zentren verlegt werden, auch in Notfällen.

Baden–Württembergs Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) füchtet, dass dann mobile Intensiveinheiten für solche Transporte fehlen werden — weil die kleineren Zentren sie nicht mehr ausreichend vergütet bekämen. Matthias Einwag, Geschäftsführer der baden–württembergischen Krankenhausgesellschaft BWKG, ist sich sicher: „Jede Reduzierung des Angebots wird direkte Folgen für die Versorgung haben.“

Was sagen Fachärzte?

Artlich und seine Kollegen vom Verband leitender Pädiater laufen Sturm. „Das ist eine Katastrophe“, sagt Chefarzt Artlich. „Aus meiner Sicht wird das zu einer verschlechterte Versorgungsqualität für Mutter und Kind führen. Bei Frühgeborenen ist ja nicht nur die Frage relevant, ob sie überleben — sondern auch wie. Es ist ein signifikanter Unterschied, ob ein Frühgeborenes mit einer Hirnblutung überlebt oder ohne.“ Deutschland sei bei der Versorgung solcher Kinder im internationalen Vergleich führend. „Warum man daran also nun etwas ändert auf die Gefahr hin, dass sich die Versorgungsqualität verschlechtert, ist mir schleierhaft“, so Artlich.

Die existierenden Strukturen können künftig keine flächendeckende Versorgung mehr sichern und gefährden gleichzeitig das Leben extrem unreifer Kinder.

Mario Rüdiger

Grundsätzlich sei es richtig, Mindestmengen festlegen. Aber mit der Zahl 25 pro Jahr liege der GBA falsch. Artlich hält wie andere Kritiker die Daten, die das Gremium heranzieht, für zu wenig aussagekräftig. So stammten die Studien aus Ländern, in denen die Rahmenbedingungen völlig andere seien als in Deutschland — etwa aus Schweden, das dünn besiedelt ist und über eine sehr gute Luftrettung verfügt.

Doch es gibt auch andere Stimmen. Professor Mario Rüdiger, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin und Vorsitzender der Deutschen Stiftung Kranke Neugeborene, schätzt die Lage so ein: „Die existierenden Strukturen können künftig keine flächendeckende Versorgung mehr sichern und gefährden gleichzeitig das Leben extrem unreifer Kinder.“

Was unternimmt die Landesregierung?

Baden–Württembergs Ressortchef Lucha (Grüne) hat mit anderen Landesministern beim GBA protestiert, bislang ohne Erfolg. Komme alles so wie geplant, fürchtet man auch in Stuttgart wenig Gutes. „Das führt unweigerlich zu einer Qualitätseinbuße in der Versorgung der Neugeborenen insgesamt“, so die Sprecherin von Lucha. Das Ministerium prüfe alle rechtlichen Mittel, um die Umsetzung der GBA–Pläne zu verhindern. Laut GBA können die Länder Ausnahmegenehmigungen für wichtige Perinatalzentren erteilen. Die Lucha–Sprecherin hält diese Aussage für „verwunderlich“. Denn die Länder haben Bedenken, ob solche Ausnahmen rechtlich überhaupt möglich sind.