Bildungspolitik

Freiwillige sollen in Baden-Württembergs Schulen helfen

Stuttgart / Lesedauer: 4 min

Junge Freiwillige sollen in Baden-Württemberg in Schulen aushelfen. Was sie dort leisten sollen und warum die Schulen sich mehr Unterstützung wünschen.
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Lehrkräfte sind rar. Damit diese sich auf den Unterricht konzentrieren können, setzt Baden-Württemberg auf mehr Pädagogische Assistenten – und will nach den Sommerferien erstmals junge Menschen über ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in Schulen einsetzen.

„Keine einzelne Maßnahme ist die, bei der wir sagen, jetzt haben wir die Welt gerettet“, sagt Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) am Dienstag in Stuttgart zwar.

Dass ein pädagogisches FSJ gleich mehrere positive Effekte für den Bildungsstandort haben kann, beweist ein anderes Bundesland schon lange. Ein Überblick:

Worum geht es?

Seit Jahren sackt die Leistung von Südwest-Schülern in Bildungsstudien ab. Jeder fünfte Viertklässler kann nicht richtig lesen, schreiben und rechnen. Das hat das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen dem Land jüngst bescheinigt. Und: „Der Bildungserfolg in Baden-Württemberg hängt noch zu stark von der sozialen Herkunft ab“, erklärt Schopper. Das müsse sich ändern. Zugleich herrscht seit Jahren Lehrkräftemangel, vor allem an Grund- und an Förderschulen, gerade auf dem Land.

Was plant die Landesregierung?

Ministerin Schopper spricht von einem Mosaik aus Maßnahmen. Einer der Steine: Bislang gibt es 267 Stellen für Pädagogische Assistenten, die laut Ministerium von etwa 550 Personen besetzt werden. Die Stellenzahl soll verdoppelt werden. Das koste in diesem Jahr 14,9 und im kommenden 16,2 Millionen Euro.

Das Geld fließt über das Programm „Lernen mit Rückenwind“ vom Bund. Für einen weiteren Mosaikstein zahlt das Land selbst: Zum neuen Schuljahr soll es erstmals im Land ein FSJ mit dem Fokus Pädagogik geben.

Zwar seien auch bislang FSJler an Schulen tätig, allerdings etwa im Sportbereich, so Schopper. 250 Plätze schafft das Land zum September für Menschen zwischen 18 und 16 Jahren, ab dem Schuljahr 2024/2025 soll es 315 geben. Dafür plant Schoppers Haus mit 950.000 Euro in diesem und mit 3,6 Millionen Euro ab dem nächsten Jahr.

Was tun Pädagogische Assistenten?

Sie unterstützen die Lehrkräfte etwa bei der Förderung einzelner Schüler, erklärt Schopper. Zum Einsatz kommen sie vor allem an Grund-, Haupt-, Werkrealschulen, Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren sowie an Inklusionsschulen.

Laut Schoppers Sprecher müssen Interessierte ihre pädagogische Kompetenz nachweisen. Typischerweise seien dies Lehramtsstudierende, Lehrkräfte ohne Vertrag, Pensionäre, Sozialpädagogen oder Erzieher. Je nach Vorbildung gebe es auch Qualifizierungsmaßnahmen, so Schopper.

Was können FSJler leisten?

Wie die Pädagogischen Assistenten sollen auch die FSJler Schüler individuell fördern, oder auch AGs anbieten und Pausen gestalten, erklärt Schoppers Sprecher. Was genau sie tun sollen, werde vor Ort in der Schule abgestimmt.

Welche Reaktionen gibt es?

Die Lehrerverbände im Land begrüßen die Unterstützung ihrer Mitglieder. „Wir brauchen in den Schulen jede helfende Hand“, erklärt etwa Gerhard Brand, Landeschef des Verbands Bildung und Erziehung.

Das FSJ bringe junge Menschen in Berührung mit dem Lehrerberuf. Sie dürften aber nicht „zum Stopfen von Personallücken“ dienen. Auch Pädagogische Assistenten seien hochwillkommen und an allen Schularten dringend benötigt, erklärt Brand.

Deshalb sollten sie auch mit frischem Geld im Landeshaushalt bezahlt werden, „und nicht wie früher mit Stellen für Lehrkräfte gegengerechnet werden“.

Darauf pocht auch Monika Stein, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. „Für den Lehrkräftemangel ist die Landesregierung verantwortlich, die nicht rechtzeitig die Studienplätze ausgebaut hat“, betont sie. „Jetzt ist jede zusätzliche Person, die im Klassenzimmer die Lehrkräfte unterstützen kann, wertvoll.“

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) begründet den Einsatz der Helfer an Schulen indes damit, dass die Schülerschaft heute herausfordernder sei als früher.

„Es geht darum, dass die Profis ihre Arbeit wirklich auch erfolgreich machen können und nicht viele Dinge, die nicht ihre Aufgabe ist, sondern die des Elternhauses“, so der Regierungschef. „Es genügt nicht allein, gute Lehrer zu haben. Man braucht auch zusätzliches Personal.“

Gar nicht. In Sachsen gibt es dieses Angebot seit zehn Jahren. „In der Tat hatten wir uns in der Vergangenheit immer wieder gefragt, warum andere Bundesländer das Instrument ,FSJ Pädagogik’ nicht nutzen“, sagt ein Sprecher von Kultusminister Christian Piwarz (CDU) auf Anfrage.

Wie neu ist ein pädagogisches FSJ?

Er spricht von positiven Effekten. „Schulen freuen sich über die zusätzliche personelle Unterstützung und die Jugendlichen über diese Möglichkeit der Berufsorientierung.“

Das Angebot sei stetig gewachsen, sagt Claudia Schiebel von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung Sachsen, die das Programm leitet. „Wir sind mit 40 Plätzen gestartet“, sagt sie – inzwischen gibt es 225. „Die Nachfrage war von beiden Seiten von Anfang an groß.“

Schulen erhielten Unterstützung, stets gebe es deutlich mehr Bewerber als Plätze. Die jungen Menschen zwischen 16 und 26 Jahren seien keine Ersatzlehrer, sie dürfen keinen Unterricht halten.

Die FSJler begleiteten und förderten einzelne Schüler mit Bedarf, sind im Ganztagsangebot oder an Grundschulen auch im Hort aktiv, übernehmen Pausenaufsichten und begleiteten Klassenfahrten und Exkursionen. „Wir wünschen uns, dass das Tätigkeitsfeld sich am Bedürfnis der Schule und am Interesse der jungen Menschen orientiert.“

Vier Millionen Euro gibt der Freistaat jährlich für FSJler an Schulen aus – für pädagogische und sonstige Stellen, sagt Schiebel. Ein Erfolg laut Ministeriumssprecher: 80 Prozent der Programmteilnehmer entscheiden sich anschließend für ein Lehramtsstudium.

Das FSJ kommt ihnen dabei zugute, wie Schiebel sagt. Denn die praktische Erfahrung wird ihnen bei der Vergabe der begehrten Lehramtsstudienplätze angerechnet.