Ökologisches Gleichgewicht

FDP schlägt Alarm: Kormorane und Biber gefährden Fischarten

Stuttgart / Lesedauer: 5 min

Kormorane vertilgen viel Fisch. Biber machen ihnen den Lebensraum streitig. Sind dadurch die heimischen Arten gefährdet?  Naturschützer sehen das anders.
Veröffentlicht:25.01.2023, 18:00
Aktualisiert:25.01.2023, 01:00

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Gefährden Kormorane und Biber heimische Fischarten? Das befürchtet die FDP und beruft sich auf aktuelle Studien. Die Liberalen fordern deshalb mehr Geld für den Schutz von Fischen – und wollen den Biber jagen. Doch Naturschützer sind nicht begeistert.

Wie ist es um die Fischbestände bestellt?

Nicht gut. Die Fischereiforschungsstelle in Langenargen überwacht die Bestände in den Gewässern des Landes. Die letzte Auswertung stammt von 2021. Fazit: „Bei den fischereilich bedeutsamen Arten ist ein gleichbleibender oder abnehmender Trend zu verzeichnen, bei einigen Arten sind auch großflächig negative Trends zu erkennen.

Positive Entwicklungen können nur bei einigen wenigen Arten festgestellt werden.“ In dem Bericht sind außerdem die Auswirkungen der sehr heißen und trockenen Jahre 2018, 2019 und 2022 noch nicht vollständig eingeflossen.

Temperatursensible Arten könnten davon beeinträchtigt werden, so die Fischforscher. Zunehmend machen aber auch bislang nicht heimische Arten wie Schwarzmundgrundel anderen Fischen Konkurrenz. Diese stammt ursprünglich aus dem Schwarzen Meer.

Wie viele Kormorane leben im Südwesten?

Immer mehr. Die Kormorane brüten laut der Landesanstalt für Umwelt im Südwesten vor allem am Ober- und Hochrhein, der Donau und dem Neckar sowie am Bodensee. Derzeit liegen die Ergebnisse der Zählung aus dem Jahr 2022 noch nicht vor. 2018 brütete in Baden-Württemberg 1243 Brutpaaren, 2020 waren es bereits 1292.

Je nach Region veränderten sich die Bestände unterschiedlich. So siedelten am Bodensee 2018 noch rund 500 Kormoran-Paare, 2020 über 670. Andernorts, etwa am Oberrhein oder am Neckar, sank ihre Zahl dagegen. In einer Auswertung des Agrarministerium von Peter Hauk (CDU), die der „Schwäbischen Zeitung“ vorliegt, heißt es: „Alle belastbaren Datenquellen zeigen eine Zunahme der Kormoranaktivität an Fließgewässern.“

Auch hier ist das Ministerium sich sicher: „Die Biberpopulation ist in den baden-württembergischen Fließgewässern in den vergangenen fünf Jahren stetig angestiegen.“ Allerdings liegen keine zuverlässigen Zahlen dazu vor, der Arbeitsaufwand dafür sei zu groß. Schätzungen gehen von rund 7500 Bibern im Land aus.

Laut Ministerium leben etwa 1150 Biber im Landkreis Biberach, so viele wie in keinem anderen Kreis. Schätzungsweise 1050 Biber werden im Kreis Ravensburg gezählt, es folgt auf Platz drei der Kreis Sigmaringen mit rund 800 Tieren.

Sind Kormorane und Biber Schuld am Rückgang der Fischbestände?

„Bisher existieren zudem nur sehr wenige Daten zu möglichen Interaktionen von Bibern und Fischen in baden-württembergischen Gewässern“, konstatierte das Agrarministerium. Deswegen sei ein Zusammenhang nicht belegbar.

Biberbauten könnten Gewässersystem zum Vorteil wie zum Nachteil von Fischen verändern. Beim Kormoran ist die Datenlage etwas besser. Eine erste Vorstudie komme zu dem Schluss, dass die Vögel den Bestand einzelner geschützter und seltener Fischarten stark beeinträchtigten.

Da sei etwa bei der Äsche der Fall. Laut der von einem Expertengremium geführte „Roten Liste gefährdeter Arten“ ist der Kormoran einer von mehreren Gründen, warum Aal, Äsche, Bachforelle, Barbe, Nase und Strömer auf dieser Liste gelandet sind. Der Naturschutzbund Nabu sieht in dem Vogel ebenfalls einen Risikofaktoren für den Fischbestand – aber nur einen von vielen. Es gebe viele weitere.

Welche Risikofaktoren gibt es für Fische noch?

Zum einen warnt das Ministerium von Auswirkungen eine möglichen weiteren Klimaerwärmung: „Fischsterben im Sommer, wie zum Beispiel beim Aal im Rheinsystem, werden höchstwahrscheinlich zunehmen“.

Je nach Verlauf könnten bis 2050 zwei Drittel weniger Äschen in den Flüssen leben, der Bestand der Bachforelle könnte sogar um 80 Prozent sinken. Gegenmaßnahmen könnten etwa die Bepflanzung möglichst vieler Flussufer sein, um den Tieren Schatten zu spenden.

Zum anderen bieten vor allem natürlich fließende Gewässer Fischen besonders gute Lebensräume. Begradigungen und andere Anpassungen dagegen führen zu weniger geeigneten Lebensräumen. Lokal gibt es laut Ministerium immer wieder Probleme mit giftigen Stoffen, die in Flüsse und Bäche gelangen. Der Nabu nennt als Beispiel Insektizide aus der Landwirtschaft.

Welche Schritte fordert die FDP?

„Die Landesregierung opfert die Fischerei in Baden-Württemberg dem Biber und dem Kormoran“, konstatiert Klaus Hoher, naturschutzpolitischer Sprecher der Landtags-FDP. Es brauche mehr Anstrengungen, um die Bestände von Kormoran und Biber zu begrenzen.

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Die bisher ergriffenen Maßnahmen – etwa das Einsetzen von Biberberatern in den Landkreisen – seien nicht wirksam genug. „Letztlich müssen wir über eine Aufnahme des Bibers ins Jagdrecht reden. Die Fischer in Baden-Württemberg leisten einen unentbehrlichen Teil des gelebten Natur- und Artenschutzes.

Dieses wertvolle Gut und die Existenz der Berufsfischerei im Land darf nicht länger wegen eines romantisierten Natur- und Artenschutzes der grün-geführten Landesregierung aufs Spiel gesetzt werden“, so Hoher. Bislang dürfen Biber im Südwesten nur mit Genehmigung erlegt werden. Das kam laut Landesregierung bislang noch nicht vor.

Was sagen Naturschützer dazu?

Der Naturschutzbund hält die Argumente der Liberalen für falsch. „Das Problem ist nicht ein romantisiertes Verständnis von Natur- und Artenschutz, sondern ganz im Gegenteil ein grundsätzliches Missverhältnis zwischen der Übernutzung und dem Schutz der Natur“, sagt eine Sprecherin.

„Wir Menschen müssen offenbar erst wieder lernen, der Natur mehr Entwicklungsräume zuzugestehen. Das gilt für den Biber, aber auch für andere Arten. Die Fische gehören uns nicht alleine, sondern sind auch Nahrungsgrundlage für Tiere“.

Es sei nicht sinnvoll, einzelne Arten – in diesem Fall Kormoran und Biber – gegen andere wie Fische auszuspielen. Es gelte vielmehr, ein möglichst naturnahes ökologisches System herzustellen, in dem jede Art ihren Platz habe. Wo etwa Biber massive Schäden anrichteten, müssten sie vertrieben werden – grundsätzlich aber hält der Nabu es für einen Erfolg, dass die Tiere wieder im Südwesten heimisch seien.