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Erdaushub von Stuttgart 21: "So ein Dreck"

Baden-Württemberg / Lesedauer: 6 min

Erdaushub von Stuttgart 21: "So ein Dreck"
Veröffentlicht:16.11.2014, 16:07

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Gepflegte Einfamilienhäuser, große Gärten und Kinder, die mit Kreide auf der Straße malen – das ist Talheim bei Horb am Neckar. Beziehungsweise: Das war Talheim. Denn wenn erst die Lastwagen anrollen, dann gibt es hier nur noch Lärm, Dreck und Verwüstung. So die Befürchtungen. Um diesem Schreckensszenario zuvorzukommen, hat sich ein Teil der Dorfbewohner zusammengetan und eine Bürgerinitiative gegründet.

Die Geschichte beginnt schon im Juli dieses Jahres. Damals wurde bekannt, dass der alte Steinbruch der 2600-Seelen-Gemeinde quasi wieder zum Leben erweckt werden soll – nämlich als Ablagerungsort für die Erde von Stuttgart 21 . Die einen waren entzückt, die anderen entsetzt. Die einen wurden zu Befürwortern, die anderen zu Wutbürgern.

„Ein nagender Wurm“

„Wir wollen keine Erddeponie im Dorf“ sagt Dietmar Meintel , der Sprecher der Bürgerinitiative (BI) „Talheim 21“. Meintel ist ein gemütlicher Typ, 60 Jahre alt, mit Bauchansatz und graumeliertem Kinn- und Oberlippenbart. Er leitet die wöchentliche Sitzung der BI. Immer montags findet sie statt, immer im Sportheim. Jedes Mal kommen zwischen 30 und 40 Leute. Die meisten von ihnen erinnern sich nur zu gut an die Arbeiten im Steinbruch. Erst 2003 wurde er stillgelegt. „Es wurde vertraglich vereinbart, dass nichts mehr rein- und nichts mehr rausgeht“, ärgert sich der 30-jährige Martin Meintel, Sohn von Dietmar Meintel und ebenfalls Mitglied der Bürgerinitiative. Nun quält die Bürger die Angst, dass es zu einer Neuauflage kommt.

„50 Jahre lang habe ich das ertragen, ich will nicht mehr“, sagt die 61-jährige Lilly Müller. Sie wohnt unterhalb des Steinbruchs in ihrem Elternhaus. Denkt sie zurück, dann denkt sie an Ruß auf der Terrasse und an Risse im Haus. „Der Steinbruch ist ein nagender Wurm“, klagt sie. Zweimal hätten sie das Haus voll sanieren müssen. „Und jetzt geht es wieder los.“

Aufwühlend ist die Sache auch, weil das Dorf Talheim erst vor zehn Jahren zusammengewachsen ist. Damals wurden Obertalheim und Untertalheim zu einem Ort vereinigt. Zwei, die sich eigentlich nicht leiden konnten. Zwei, die sich früher bis aufs Blut bekriegt haben. Doch die Zusammenlegung verlangte, dass man sich zusammenraufte. Jetzt reißt die Diskussion um den S21-Dreck alte Wunden wieder auf.

Der Grund: Der Steinbruch liegt inmitten von Untertalheim. Dort gehen die Bürger entsprechend auf die Barrikaden. Anders die Obertalheimer: Sie stehen dem Ganzen weniger skeptisch gegenüber. Zwar haben sie Bedenken, dass der übrige Verkehr sich dann einen Weg durchs Obertalheimer Wohngebiet suchen wird. Aber in ihren Augen blitzt auch das Eurozeichen. Die Auffüllung würde der Gemeinde nämlich eine knappe Million Euro in die klamme Kasse spülen.

Ganz so weit ist es allerdings noch nicht. Noch fahren keine Lastwagen durchs Dorf, noch ist kein Gramm Erde im Steinbruch abgeladen worden. Bislang gibt es lediglich eine Anfrage. Die stammt von der Firma Kaltenbach aus Dornstetten bei Freudenstadt. Ihr gehört das umstrittene Gelände. Das Konzept sieht vor, den Steinbruch während eines Zeitraums von fünf Jahren mit rund 1,8 Millionen Tonnen Erde aufzufüllen. Theoretisch würde also alle zehn Minuten ein LKW an Lilly Müllers Haus vorbeikommen. Praktisch könnten es auch mehr werden.

Geschäftsführer beschwichtigt

„Sprengungen und Erschütterungen wie früher gibt es aber nicht“, versucht Geschäftsführer Armin Kaltenbach zu beruhigen. Mit seinen braunen Augen und dem gewinnenden Lachen wirkt er nicht unbedingt wie einer, der den Dorffrieden stört. Gelassen sitzt er in seinem Bürostuhl. Und was ist mit Krach, Staub und Umweltverschmutzung? Kaltenbach springt auf, holt einen ganzen Stapel Ordner aus dem Regal und schlägt einen nach dem anderen auf. „Sie glauben ja gar nicht, wie viele Gutachten man einholen muss, um eine solche Auffüllung genehmigt zu bekommen“, sagt er.

Was die verkehrsbaulichen Maßnahmen betreffe, sei die Firma Kaltenbach bereit, sich finanziell an einem Ausbau der Straßen zu beteiligen. Auch eine Sanierung der Altstadt ist im Gespräch. Außerdem könne die Gemeinde das Werksgelände des ehemaligen Steinbruchs nach der Auffüllung nutzen. „Alles in allem ist das eine Win-win-Situation für den Ort und die Firma Kaltenbach“, meint der Steinbruch-Besitzer. Und nicht zu vergessen: die Million.

Die Meinung geändert

„Wir lassen uns doch nicht kaufen“, empört sich BI-Sprecher Dietmar Meintel. „Das Geld würde Talheim guttun“, gibt Ortsvorsteher Thomas Staubitzer zu. Staubitzer war anfangs für die Auffüllung. Mittlerweile hat er seine Meinung geändert. „Ich hätte nie gedacht, dass das ein so hoch emotionales Thema ist“, sagt er. Die Gemüter seien nur schwer zu beruhigen. Und das Schlimmste: Das Thema spalte das Dorf. Deshalb würde Ortsvorsteher Staubitzer heute auf das Geld verzichten: „Der Ort muss sich entwickeln, ja. Aber dann doch lieber langsam und dafür ohne schlechte Stimmung.“

Für Ortschaftsrat Egon Klink überwiegen hingegen die Vorteile. Klar sei die Auffüllung eine große Belastung für die direkten Anwohner, meint er, aber das Geld würde Talheim schon guttun. „Dadurch könnten wir in den nächsten Jahren Verbesserungen für den Ort schaffen, die sonst nicht möglich wären.“ Angst, seinen Standpunkt öffentlich zu äußern, hat er nicht. „Die Demokratie muss das aushalten, dass es verschiedene Meinungen gibt“, sagt Klink.

Die Steinbruchauffüllung liegt wie ein dunkler Schatten über dem Dorf. Auch im Talheimer Ortschaftsrat ist die Spaltung angekommen. Dort sprachen sich die Räte mit sechs Ja-Stimmen, sechs Nein-Stimmen und einer ungültigen Stimme gegen die Auffüllung des Steinbruchs aus. Die Abstimmung war nichtöffentlich. Eine ungewöhnliche Ausnahme. Sie greift, wenn Räte befürchten müssen, dass ihr Abstimmungsverhalten negative Auswirkungen auf ihr Berufs- und Privatleben haben könnte. Und auch wenn niemand weiß, wie letztlich gewählt wurde, so ist doch pikant, dass Obertalheim sechs und Untertalheim sieben Ortschaftsräte stellt.

Drohungen und Mobbing

„Alle standen unter einem enormen Druck“, sagt Ortsvorsteher Thomas Staubitzer. Gerüchten zufolge erhielten Ortschaftsräte Drohbriefe und einschüchternde SMS. Kinder von Befürwortern seien gemobbt worden. Autoreifen habe man zerstochen. Die Bürgerinitiative bestreitet vehement, mit diesen Aktionen irgendetwas zu tun zu haben. „Wir waren das nicht“, sagt Martin Meintel energisch. „Wir sind ja nicht im Wilden Westen.“

Nun liegt es an der Stadt Horb, den Sheriff zu spielen. Der Gemeinderat wird am 25. November eine Entscheidung in Sachen Talheim 21 fällen. Davor wird die Bürgerinitiative nochmals aktiv: Die Mitglieder wollen in der ganzen Stadt samt aller Teilorte Flugblätter verteilen. 20000 an der Zahl. Angedacht ist auch die Gründung eines Vereins, wie ihn Dietmar Meintel gerne hätte: „Man kann nie wissen, wie es ausgeht und deshalb müssen wir auf alles vorbereitet sein.“