Stipendienprogramm

Die künftige Elite Syriens

Baden-Württemberg / Lesedauer: 4 min

220 Studenten lernen in Konstanz, wie sie ihr Land später wieder aufbauen können
Veröffentlicht:13.11.2016, 17:52
Aktualisiert:23.10.2019, 10:00

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Mit dem Stipendienprogramm „Leadership for Syria“ werden in den nächsten zwei Semestern Studenten an der Uni Konstanz ausgebildet, die nach einem Kriegsende in Syrien beim Wiederaufbau helfen sollen. Gefördert wird das Stipendium unter anderem von der Bundesregierung. Die erwarte für die Förderung auch eine Gegenleistung von den Studierenden, wie der akademische Leiter des Programms, Wolfgang Seibel , Professor an der Uni Konstanz, bei der Eröffnungsveranstaltung betonte

„Rania heißt: Die, die nach vorne sieht. Das passt ja gerade ganz gut“, sagt Rania Attar und lacht. Die Wirtschaftsstudentin kommt aus Aleppo und ist eine der 220 Studenten und Doktoranten die im Rahmen eines Stipendiums nicht nur in Deutschland studieren dürfen, sondern hier auch zur künftigen Elite des Landes aufgebaut werden sollen. Sie unterhält sich in der Aula der Universität Konstanz angeregt mit Marwan Sheiko und Mohamad Denno . Die drei syrischen Masterstudenten treffen sich heute zum ersten Mal. Alle drei eint die feste Überzeugung: Irgendwann, nach dem Krieg, wird der Tag der Rückkehr nach Syrien kommen. „Im Moment können wir in Syrien aber nicht helfen. Das Beste, was ich für mein Land tun kann, ist, mich bestmöglich weiterzubilden, um dieses Wissen dann für den Wiederaufbau in Syrien nutzen zu können“, sagt Marwan Sheiko.

Und genau das ist es, was auch die Bundesregierung von den syrischen Stipendiaten will. Dafür hat sie zusammen mit dem Deutschen Akademischen Auslandsdienst (DAAD) das Stipendienprogramm „Leadership for Syria“ (Führungskräfte für Syrien) entwickelt. Für den akademischen Teil des Programms hat der DAAD die Universität Konstanz ausgesucht. Eigentlich studieren die 220 Studenten, die sich jetzt im Hörsaal der Uni zum ersten Mal treffen, ganz unterschiedliche Fächer an Universitäten überall in Deutschland. Hier an der Uni und in Internet-Seminaren, die ebenfalls von Dozenten aus Konstanz geleitet werden, sollen sie eine sozialwissenschaftliche Zusatzausbildung und vor allem Werte wie Demokratie und Nachhaltigkeit vermittelt bekommen.

Wie das geht, erklärt der wissenschaftliche Leiter des Stipendiums, Wolfgang Seibel, Professor für Politik und Verwaltungswissenschaften an der Uni Konstanz . Er unterrichtet das Seminar „Ethics in public administration“ (Ethik in der öffentlichen Verwaltung). „Es geht darum aufzuzeigen, dass es in jedem Beruf bestimmte, unausgesprochene Regeln gibt“, sagt Seibel. „Zum Beispiel, dass man als Ingenieur, der gerade eine Brücke gebaut hat, nicht einfach einen fehlerhaften Bau freigibt zur Benutzung.“ Seibel will in seinem Seminar auch aufzeigen, wie sich durch Korruption, aber auch durch andere Einflüsse wie öffentlichen Druck Handlungen beeinflussen lassen und was man dagegen tun kann. „Am besten lässt man so etwas natürlich Praktiker vermitteln“, sagt Seibel. So werde zum Beispiel auch der ehemalige deutsche Botschafter in der Schweiz, Peter Gottwald, in einem Seminar dabei sein.

Studium unter Gefahren

Die Seminare müssen Rania, Mohamad, Marwan und die anderen Stipendiaten neben ihrem normalen Studienalltag meistern. Das heißt vier Stunden pro Woche mehr Arbeit. Zusätzlich lernen die Studierenden auch die deutsche Sprache. Viel Arbeit für die neue Elite Syriens, aber das sei es wert, finden Rania, Mohamad und Marwan. Hier in Deutschland könnten sie nicht nur in Frieden leben, sondern endlich wieder ungestört lernen: „In Damaskus läuft zwar noch der Studienbetrieb, aber viele gehen nicht mehr zur Uni. Es ist einfach zu gefährlich. Ich habe zum Beispiel schon erlebt, wie eine Straße weiter Bomben eingeschlagen sind, als ich auf dem Weg zur Uni war“, erzählt Informatikstudent Mohamad. „Das schlimme ist aber, dass ich noch meine Familie in Aleppo habe“, sagt Mohamad. „Ich habe hier ein ganz normales Leben und dort unten schlagen die Bomben ein. Das ist nur schwer auszuhalten.“ Doch die Geschichte ihres Gastlandes gebe ihnen Mut. Eines Tages werde auch Syrien wie Deutschland wieder aufgebaut, sagen Rania, Mohamad, Marwan. Und sie werden dabei helfen.