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Giftfahne

Die Giftfahne in der Jagst schrumpft

Baden-Württemberg / Lesedauer: 3 min

Sauerstoffzufuhr scheint zu wirken – Ammoniumnitrat erreicht Unterlauf
Veröffentlicht:31.08.2015, 19:54

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Am Unterlauf der Jagst wächst die Hoffnung, ein massives Fischsterben wie im Landkreis Schwäbisch Hall abwenden zu können. „Ich bin guter Dinge“, sagte der örtliche Feuerwehrkommandant Uwe Thoma gestern im Lagezentrum in Möckmühl ( Landkreis Heilbronn ).

Gegen 10 Uhr am Montagmorgen hatte die Ammoniumfahne von Hohenlohe aus kommend bei Schöntal die Kreisgrenze erreicht. Damit fließt die Giftbrühe nicht nur langsamer als geplant flussabwärts, sie ist auch längst nicht mehr so gefährlich.

Zwar wurden für Fische tödliche Höchstwerte von 9,33 Milligramm Ammonium pro Liter Wasser bei Ankunft im Landkreis Heilbronn gemessen – beim Eintreffen der Schadstoffe einige Tage zuvor im Nachbarkreis Hohenlohe lag die Konzentration jedoch noch fünfmal höher. Zudem wurde die Fahne damals auf zwölf Kilometer Länge geschätzt, nun auf zehn. „Es ist für uns der größte Erfolg, dass es durch die eingeleiteten Schritte gelang, die Schadstoffwerte zu minimieren. Nur so konnten wir erreichen, dass ein großes Fischsterben im Hohenlohekreis bislang ausblieb“, sagte Hohenlohes Landrat Matthias Neth (CDU).

150 000 Liter Wasser pro Minute

Als wirksam hat sich offenbar das Beregnen der Jagst mit Wasserkanonen erwiesen: Auf diese Weise soll Sauerstoff in den Fluss gebracht werden, um die Fische vor dem Ersticken zu bewahren und das Wachstum von Kleinorganismen zu fördern, die das Ammonium binden. Überall am Unterlauf haben Mannschaften von THW und Feuerwehren ihre Gerätschaften für den Löschangriff aufgebaut. „Wir verfügen aktuell über 171Kräfte und können bis zu 150000Liter Wasser pro Minute bewegen“, erklärte Uwe Thoma. Das Wasser wird mit dicken Schläuchen aus dem Fluss gepumpt und direkt wieder hineingespritzt.

So wie in Jagsthausen: Unterhalb der Götzenburg haben Feuerwehrmannschaften aus Mannheim, Heilbronn und Leingarten an einem lauschigen Flussarm Stellung bezogen. Etwas weiter flussaufwärts haben sich THW-Teams postiert. Seit 5Uhr warten die Männer auf ihren Einsatz, dösen am letzten heißen Sommertag auf Feldbetten, blättern in Zeitungen, trinken Kaffee.

Bei Jagsthausen leben die Fische

Um 12 Uhr kommt der Befehl: Die Fahne kommt. Philip Eiermann von der Freiwilligen Feuerwehr Leingarten richtet die Wasserkanonen auf die Jagst aus, die Hochwasserpumpen aus Leingarten saugen 5000 Liter aus dem Fluss, die Eiermann direkt wieder darüber verspritzt. Von der nahen Brücke aus kann man Fische im Fluss sehen. Quicklebendig. Tote Tiere sind an diesem Morgen nicht auszumachen. Die Helfer hören ermutigende Berichte aus Hohenlohe von Fischen, die erfolgreich vor der Giftbrühe in sauerstoffreichere Bereiche der Jagst flüchten konnten. Zudem stehen die am Wochenende aufgebauten Barrieren, die Biotope in Nebenarmen abschotten sollen.

Etwas mehr als eine Woche nach dem verheerenden Feuer bei Kirchberg, bei dem das mit Ammoniumnitrat kontaminierte Löschwasser in den Fluss geriet, ist es für eine Bestandsaufnahme nach Meinung der Behörden aber noch zu früh: Weder ist die Brandursache abschließend geklärt noch hat das Jagstgift inzwischen den Neckar erreicht, wo es nach Hoffnung der Experten auf eine unbedenkliche Dosierung verdünnt werden könnte. Erst Ende der Woche werden die Schadstoffe an der Jagstmündung nördlich von Heilbronn erwartet. Und vor allem ist noch nicht klar, wie groß der Schaden für die Natur ist: Es gibt erste Befürchtungen, der Verwesungsprozess der vielen toten Tiere flussaufwärts im Kreis Schwäbisch Hall könnte den Fluss erneut belasten. Dabei geht es nicht nur um Fische, sondern vor allem um Muscheln und Kleinkrebse, die als Nahrungsgrundlage für neue Fische nötig wären. Wie schwer das Ökosystem tatsächlich geschädigt ist, werden wohl erst die nächsten Wochen zeigen.

Am Dienstag will sich Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) in Möckmühl ein Bild von der Lage machen.