StartseiteRegionalBaden-WürttembergUngeliebter Job: Darum will niemand mehr Lehrer werden

Bildungskrise

Ungeliebter Job: Darum will niemand mehr Lehrer werden

Ravensburg / Lesedauer: 5 min

Es fehlt an Lehrkräften, auch Studienplätze bleiben vakant. Das hat Gründe, sagen Lehramtsstudenten - und machen Verbesserungsvorschläge.
Veröffentlicht:15.08.2023, 05:00

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An den Schulen in Baden–Württemberg fehlen seit Jahren Lehrkräfte. Laut Kultusministerium sind dies aktuell über alle Schularten hinweg 3000.

Längst nicht alle Studienplätze konnten zuletzt besetzt werden, hatte Wissenschaftsministerin Petra Olschowski jüngst erklärt. Warum ist das so? Wegen der Rahmenbedingungen, erklären Lehramtsstudenten.

Was das baden–württembergische Kultusministerium gegen den Lehrermangel tue, erhöhe nicht gerade die Attraktivität des Jobs, sagt etwas Thorsten Fahrbach: Nach seinem Lehramtsbachelor an der Universität Konstanz widmet er sich in seinem Masterstudium nun der Schulforschung. Er ist auch im Vorstand des Vereins Kreidestaub am Bodensee — der Verein setzt sich bundesweit für eine bessere Lehrerausbildung aus der Sicht des Nachwuchses ein.

Fahrbach verweist etwa auf den 18–Punkte–Plan von Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne). Dieser sieht unter anderem vor, die Teilzeitarbeit von Lehrkräften und Sabbatjahre zu beschränken. Schopper verspricht sich durch diese und weitere Maßnahmen etwa 500 Stellen zu besetzen.

„Man müsste Nachwuchskräften moderne Arbeitsverhältnisse anbieten“, sagt Fahrbach. Flexible Arbeitszeitmodelle, wie sie Unternehmen bieten, sind für Lehrer nicht möglich. Ohne eine Aussicht auf Teilzeit aber sinke die Attraktivität des Lehrberufs zusätzlich.

Nachwuchskräfte wollen abwandern

Nicola Rommert, Referendarin an einer Grundschule, bezeichnet dies als „super frustrierend“. „Wir haben eigentlich große Freude an unserem Job, aber es wird uns erschwert“, sagt sie. Als Vorsitzende der Fachschaft Deutsch an der Pädagogischen Hochschule Weingarten war sie in der Vergangenheit Ansprechpartnerin für andere Studenten. Einige von ihnen würden aufgrund der Neuregelungen nach ihrer Ausbildung Stellen in anderen Bundesländern oder sogar im Ausland suchen wollen, sagt sie.

Auch Rommert plant nach ihrem Referendariat in die Schweiz zu gehen. Für sie spielen vor allem die Regelungen zur Versetzung eine Rolle, wie sie sagt. Lehrkräfte können in der Regel frühestens nach drei Jahren eine Versetzung an eine andere Schule beantragen.

Gleichzeitig müssen die Berufseinsteiger aufgrund von regionalen Unterschieden beim Lehrkräftebedarf teilweise Stellen in für sie weniger attraktiven Regionen annehmen. Viele entscheiden sich daher, lieber keine als eine ungewollte Stelle anzunehmen, klagt das Kultusministerium regelmäßig.

Oft kein Nebenjob möglich

Diese geforderte räumliche Flexibilität sei schon während des Studiums schwierig, sagt Kreidestaub–Vorstandsmitglied Katrin Reutter. Die 26–Jährige hat gerade ihr Lehramtsstudium in Konstanz abgeschlossen und beginnt im Januar ihr Referendariat. Hierfür, wie auch für das verpflichtende Praxissemester während des Studiums, können angehende Lehrer zwar Wünsche anmelden.

Dennoch kann es vorkommen, dass sie lange Fahrtwege oder Umzüge in Kauf nehmen müssen. Noch dazu bleibe für viele während des unbezahlten Praktikums keine Zeit für einen Nebenjob. „Das ist besonders für Studierende ohne finanzielle Unterstützung schwierig und erschwert den Zugang“, sagt Reutter.

Nach einer Umfrage der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) empfinden auch Studenten der Lehrämter Grundschule, Sonderpädagogik und Sekundarstufe I die finanzielle Situation während ihres Praxissemesters als besonders belastend. Deshalb fordert die GEW von der Landesregierung Hilfe — etwa eine Fahrtkostenerstattung, wie ein Sprecher bestätigt.

Angesichts des Lehrkräftemangels müsse das Studium attraktiver werden, um mehr junge Menschen für den Beruf zu gewinnen. „Sorgen und Belastungen im Studium zu reduzieren, wäre hier ein wichtiger Baustein“, sagt der Sprecher.

Praxis ist wichtig

Grundsätzlich legen die Studenten jedoch großen Wert auf die Praxisanteile im Studium, bestätigen sie alle. Manche wünschten sich noch mehr davon, so Fahrbach, um ein umfassenderes Verständnis vom Arbeitsort Schule zu bekommen.

Der Einführung dualer Studienplätze zum Wintersemester 2024/25 sehe er daher positiv, sofern die Studenten während der Praxisphasen nicht nur dazu dienen, unbesetzte Stellen zu füllen. Außerdem müsste es solche Angebote für alle Lehramtsstudiengänge geben. „Durch die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen kann man den Studenten mehr Freude am Studium verschaffen“, sagt er.

„Mich reizt es, junge Menschen in einer prägenden Phase zu begleiten“, sagt auch Katrin Reutter. Allerdings sehe sie Nachholbedarf bei den pädagogischen Inhalten im Studium — besonders in dem auf das gymnasiale Lehramt. Dieses sei nach wie vor sehr stark auf fachliche Inhalte fokussiert.

„Ein ganz großer Anteil der Arbeit wird Beziehungsarbeit sein“, sagt sie. Lehrkräfte seien häufig auch Ansprechpartner für die Sorgen und Belange der Kinder und Jugendlichen, allerdings könne man sich um entsprechende Kurse im Studium gut „herum manövrieren“, sofern sie angeboten werden.

Lehrer wünschen sich Entlastung

Was es zudem verstärkt brauche, seien andere Experten an Schulen neben Lehrern: etwa Sozialarbeiter, Experten für die Integration fremdsprachiger Kinder oder den bedarfsgerechten Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern. Hierfür brauche es mehr Unterstützung, sagt Rommert.

Der Verein Kreidestaub fordert deshalb, dass sich die politischen Bemühungen um Personal nicht einzig auf Lehrkräfte fokussieren, sondern auch weitere Fachkräfte in den Blick nehmen. Zumindest hier finden sich Ansätze. Im 18–Punkte–Plan ist eine Verdopplung der Stellen für pädagogische Assistenten vorgesehen.

Außerdem sollen ab dem kommenden Schuljahr sogenannte multiprofessionelle Teams an Schulen erprobt werden, die neben Lehrkräften beispielsweise auch aus Sozialarbeitern oder Lerntherapeuten bestehen.