Archäopark

Streit ums Geld: Der Archäopark steht kurz vor dem Aus

Niederstotzingen / Lesedauer: 9 min

Der Pflege eiszeitlicher Höhlen und Kunstwerke auf der Schwäbischen Alb droht ein schwerer Schlag. Aus Kostengründen steht der Archäopark bei Niederstotzingen vor dem Aus.
Veröffentlicht:03.11.2022, 18:00
Aktualisiert:04.11.2022, 10:47

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Lukas Morgenstern ist begeistert: „Dies ist eine Sehenswürdigkeit, die auf der gleichen Ebene wie das Kolosseum in Rom liegt.“ Fürs erste tut man sich mit den Worten des 15-jährigen Touristen schwer, sieht man doch kaum mehr als ein unscheinbares Höhlenloch im Kreidegestein der südöstlichen Schwäbischen Alb.

Und auch die Örtlichkeit hat nichts von der ewigen Stadt am Tiber. Sie befindet sich auf der Gemarkung des Niederstotzinger Teilorts Stetten, nennt sich recht banal Archäopark und ist eine urgeschichtliche Erlebnis-Welt für geneigte Besucher.

Trotzdem liegt Lukas Morgenstern richtig: Höhle wie Kolosseum sind Teil des Welterbes der Unesco . Wobei die als Vogelherd bezeichnete dunkle Felsenkammer für die menschliche Entwicklungsgeschichte sogar weitaus bedeutender ist.

Sie gehört zu den Orten, an denen die bisher ältesten Kunstwerke der Menschheit gefunden wurden: Hinterlassenschaften aus der Eiszeit, genauer aus der Kulturepoche des Aurignacien, 30 000 bis 40 000 Jahre alt.

Es geht ums Geld

Der drum herum eingerichtete Archäopark soll wiederum Gästen mehr Wissen über das ferne Zeitalter nahe bringen. Fast wie ein Treppenwitz wirkt es deshalb, dass seine Existenz auf der Kippe steht – samt der Möglichkeit, durch die Vogelherdhöhle zu streifen. Der Besuch ist vielleicht am 6. November das letzte Mal wie gewohnt möglich.

„Eine Schande, wenn es so eintrifft“, meinen Lukas Eltern, Corinna und Andreas Morgenstern. Die Familie kommt aus der Rheinpfalz und hat sich trotz eines grauen Herbsttages mit dem Archäopark angefreundet.

Eigentlich soll er laut hehrer Pläne ein Leuchturmprojekt zur Pflege des Eiszeit-Erbes sein. Vordergründig ein guter Gedanke – käme da nicht das schnöde Geld ins Spiel.

Weil die künftige Finanzierung des Archäoparks unklar ist, weiß niemand, was aus ihm wird – im Extremfall wieder Schafweide oder Acker, ätzen Pessimisten. Sie sehen den Titel Welterbe in Gefahr, von der Unesco entzogen wegen eines vermeintlich lieblosen Umgangs mit der Eiszeit.

Ein herber Rückschlag für die Welterbe-Konzeption

„Wenn es tatsächlich zur Schließung des Archäoparks kommen sollte, wäre dies unzweifelhaft ein herber Rückschlag für unsere Welterbe-Konzeption und die gesamte Region“, attestiert die Arbeitsgemeinschaft Weltkultursprung, ein Zusammenschluss des Alb-Donau-Kreises, des Landkreises Heidenheim und der Stadt Ulm .

Der Konflikt ist voll entbrannt. Auf der einen Seite steht das Land Baden-Württemberg. Es zeigt sich mit einem finanziellen Engagement zurückhaltend. „Knickerig“, schimpfen böse Zungen. Vorwürfe werden lauter, das Land würde sich gar nicht weiters fürs Welterbe interessieren.

Dessen direkter Kontrahent ist Niederstotzingen , eine Stadt mit knapp 5000 Einwohnern. Sie hat den 2013 eröffneten Park initiiert und betreibt ihn auch. Niederstotzingen ist finanziell nicht auf Rosen gebettet. Im Rathaus hätte man gerne tatkräftige Landeshilfe. Rückhalt bei dieser Forderung bietet eine zahlreiche Unterstützerschar von Eiszeit-Freunden.

Bereits Kündigungen fürs Personal

„Wir können jede Hilfe gut brauchen“, betont Anika Janas . Die Archäologin leitet den Park. „Er hat sich gut entwickelt“, sagt sie. Heuer würde man wohl wieder auf 26 000 Besucher kommen – so viele wie vor Corona. Rettung vor dem Aus verheißt dies nicht. „Wir haben beim Personal bereits Kündigungen ausgesprochen“ , berichtet Janas. „Es ist schon tragisch.“

Die letzten Tage vor dem Saisonende laufen aber wie gehabt ab. Wer eintritt, kann sich an Mitmach-Stationen in Alltagspraktiken unserer fernen Vorfahren üben. Er darf die lebensgroße Mammutfigur „Zottel“ bewundern.

Am Wochenende üben Mitarbeiter mit Besuchern eiszeitliches Speerwerfen oder Feuermachen. Jugendgruppen lernen archaisches Leben kennen. Eine kleine Schau neben dem Park-Café zeigt Eiszeitrelikte. „Nett gemacht“, lobt ein weiterer Besucher, Andreas Gippert aus der Düsseldorfer Gegend. Auch er flaniert mit der Familie übers Gelände.

Große wissenschaftliche Sensationen

Dies steigt weiter hinten zu einem Kalksteinbuckel an. Dort ist der tiefere Grund, weshalb der Park an diesem Ort gebaut wurde: die besagte Vogelherdhöhle, einst Domizil von Eiszeitmenschen. Archäologen holten in diesem Bereich diverse, vor allem aus Mammut-Elfenbein geschnitzte Figuren aus der Erde: etwa einen Hengst, ein Mammut und einen Höhlenlöwen. Kleine Plastiken, aber große wissenschaftliche Sensationen.

Sie ergänzen Funde aus anderen Höhlen, die sich vom Archäopark aus im waldreichen Lonetal finden lassen. Dazu kommen Relikte aus dem Achtal zwischen Blaubeuren und Schelklingen westlich von Ulm – darunter die berühmte dickliche „Venus vom Hohle Fels“, eventuell eine Fruchtbarkeitsfigur, nur wenige Zentimeter groß. Oder auch die Flöten aus Vogelknochen, dem Untergrund der Felsennische Geißenklösterle entrissen.

Strenge Regeln von der Unesco

Neben den erstaunlichen Hinterlassenschaften sind es Fundhöhlen, die 2017 zum Welterbe kamen. Sechs wurden dafür ausgewählt. Vielleicht vom Hohle Fels abgesehen, sind sie meist recht unspektakulär. Tropfstein-Wunder gibt es hier nicht.

Ihre Lage bringt aber laut Unesco-Regeln eine einschneidende Folge mit sich: Ausgegrabenes und dazu gehörende Hintergründe sollten ortsnah präsentiert werden, um sich des Titels Welterbe würdig zu erweisen.

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Generell bedeutet dies nach den Worten von Peter Martin, dem stellvertretenden Sprecher der deutschen Unesco-Kommission: „Gemäß Artikel 4 und Artikel 27 der Welterbekonvention schreibt die Unesco der Vermittlung des Welterbes eine ebenso große Bedeutung zu, wie dem Schutz und Erhalt der Stätten.“

Folgerichtig gehören zur eiszeitlichen Welterbe-Struktur das Urgeschichtliche Museum in Blaubeuren, das Museum Ulm und eben der Archäopark. So weit, so schön. Doch die jeweilige finanzielle Grundlage des Trios ist unterschiedlich. Das Blaubeurer Museum lebt in erster Linie vom Geld einer Stiftung, der Stadt und des Alb-Donau-Kreises.

Das große Ulm hat wiederum ausreichend gefüllte Kassen für kulturelles Engagement – das kleine Niederstotzingen eben nicht. Selbst mehrere Landeszuschüsse in sechsstelliger Euro-Höhe und Projekthilfen haben offenbar nur wie ein Trostpflaster gewirkt.

Personal- und Unterhaltskosten drücken

Was die Stadt drückt, sind laufende Personal- und Unterhaltskosten. Um sie nur annähernd zu finanzieren, müsste sich die jährliche Besucherzahl laut Schätzungen wohl mehr als verdoppeln. Gegenwärtig nicht vorstellbar. So deckt Niederstotzingen das Defizit. Nach vorliegenden Informationen sind es pro Jahr über 300.000 Euro.

Dies ginge nun nicht mehr, sagt Bürgermeister Marcus Bremer. „Die Grenzen der finanziellen Leistungsfähigkeit sind erschöpft, beziehungsweise kann der städtische Haushalt nicht auf Dauer den Abmangel beim Betrieb des Archäopark Vogelherd decken“, betont er. „Die Mittel müssen für andere Aufgabenbereiche zur Verfügung stehen.“

Wobei zur Gründungsidee durchaus der Gedanke gehörte, einen Mehrwert für die Gegend zu schaffen. Der Archäopark sollte Gäste in den ansonsten eher übersehenen Landstrich zwischen Lone- und Donautal locken. Vom Prinzip her hat dies sogar funktioniert.

Nur dass Niederstotzingen kaum etwas davon hat. Gäste kommen nämlich überwiegend von der Bundesautobahn 7, besuchen den nahen Archäopark und fahren wieder heim – ohne die etwas entfernter liegende Stadt oder ihre Dörfer groß zu berühren.

Das Land zeigt die kalte Schulter

Schon vor zwei Jahren hat sich die Stadt wegen der Malaise ans Land gewandt. Ansprechpartner ist das inzwischen von der CDU-Politikerin Nicole Razavi geführte Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen, nebenbei für die sieben baden-württembergischen Welterbestätten zuständig. Der Wunsch von Niederstotzingen: Das Land soll den Park doch bitte komplett übernehmen. Die kühle Antwort aus Stuttgart: Nein!

Diesen Herbst hat das besagte Ministerium der Stadt schließlich ein Angebot gemacht. Demnach könnte es auf dem Gelände einen Dienstsitz des Landesamtes für Denkmalpflege inklusive einen Höhleninformationszentrums geben. Die Geld dafür würde das Land zahlen, ebenso eine Jahresmiete in Höhe von 35 000 Euro. Alle weiteren Kosten hätte Niederstotzingen zu tragen.

Enttäuschung in Niederstotzingen

Im Rathaus der Stadt zeigte man sich enttäuscht. Gleichzeitig machten Eiszeitfreunde mobil. In einer Petition an den baden-württembergischen Landtag steht, das Angebot sei „völlig unzureichend und keine tragfähige Lösung“.

Ein internationaler Kreis von 40 Archäologen hatte vor dem neuen Angebot des Landes die Forderung formuliert, das Eiszeit-Erbe finanziell besser zu unterstützen. Initiator war die Tübinger Forschungsgröße Nicholas Conard, erfolgreicher Ausgräber in den Höhlen und treibende Kraft beim Erwerb des Welterbe-Titels.

Der Professor meint: Die monetäre Zurückhaltung des Landes solle „sofort korrigiert werden“ und könne auch „leicht korrigiert werden“.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Gegenwärtig sieht es jedoch nicht danach aus. Die Reaktionen aus Stuttgart wirken eher genervt. Rainer Wehaus, Pressesprecher des Ministeriums für Landesentwicklung, verweist darauf, dass der Archäopark eine kommunale Einrichtung sei.

Seine Behörde dürfe deshalb das Niederstotzinger Manko gar nicht ausgleichen. „Und für das Defizit an sich sind wir nicht verantwortlich“, fährt er fort. Es folgt dazu seine Verwunderung darüber, wenn man „unser rein freiwilliges Rettungsangebot überhaupt nicht zu schätzen“ wisse.

Theoretisch könnte noch das Finanzministerium mit dem grünen Politiker Danyal Bayaz an der Spitze mit ins Spiel kommen. Zu seinem Haus gehört die Organisation Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg. Gegenwärtig kann sie Millionen von Euros in die 2019 vom Land beschlossene Konzeption zur Präsentation keltischer Überreste wie etwa der Heuneburg am Oberlauf der Donau stecken.

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Für manchen Eiszeitfreund stellt sich deshalb die Frage, ob nicht noch ein Sümmchen für den Archäopark übrig sein könnte. Dazu lautet die kurzangebundene Antwort aus dem Ministerium: „Eine Überführung des Projekts Archäopark in die Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg ist derzeit wegen der dortigen hohen Auslastung nicht möglich.“

Niederstotzingens Gemeinderat plant nun, am 30. November in öffentlicher Sitzung über den Fortgang der Dinge zu beraten. Indes tut sich im Archäopark tatsächlich noch Erstaunliches. Praktisch auf den letzten Metern vor dem möglichen Aus wird im Ausstellungsbereich eine neue Figur präpariert: eine eiszeitliche Fischerei.

Sie trägt Hirschleder. Durchaus elegant. Für den heutigen Geschmack etwas gewöhnungsbedürftig sind die behaarten Beine. „Aber es soll ja echt aussehen“, heißt es vor Ort. Offenbar stirbt die Hoffnung zuletzt.