Südosten

Christen und Muslime: spannungsreiches Miteinander

Baden-Württemberg / Lesedauer: 7 min

Christen fürchten in Flüchtlingsheimen Übergriffe von Muslimen – Über das Ausmaß der Konflikte wird kontrovers debattiert
Veröffentlicht:31.05.2016, 18:15
Aktualisiert:23.10.2019, 15:00

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Die frühere St.-Paulus-Kirche in Stuttgart-Rohracker im Südosten der Metropole ist von außen ein Gotteshaus, das schmuckloser kaum sein könnte. Der aus Beton gegossene, rechteckige Kirchturm ist erst auf den zweiten Blick als ein solcher zu erkennen, der Weg zum Eingang führt über einen geteerten Parkplatz, der von der Anmutung auch zu einem alten Industriebau gehören könnte. Das graue Haus stand zuletzt stellvertretend für die Krise der Kirche, vor vier Jahren wurde es wegen Mitgliederschwund stillgelegt. Heute allerdings, unter dem Namen St. Markus, steht es für einen Zuwachs der Kirche. Aber nach wie vor für eine Krise, wenn auch völlig anderer Natur.

Wer Teer und Beton hinter sich lässt, wird im Kirchenschiff von einer einladenden Atmosphäre mit warmem Licht und Blumensträußen überrascht. Hinter dem Altar hängt ein orientalisches Kreuz, das nicht den Leib Christi trägt, sondern vier rote Farbflächen zeigt, sie stehen für das Blut der Märtyrer. Die chaldäisch-christliche Gemeinde Stuttgart hat hier seit einigen Monaten eine neue Heimat gefunden – und mit ihr auch der 21-jährige Imad (Name auf Wunsch geändert). Seine dunkelbraunen Augen blicken den Besucher aufmerksam an, die weichen Gesichtszüge verhärten sich erst, wenn er über seine Lebenslage berichtet: „Die Situation ist sehr angespannt. Und das schon seit sechs Monaten.“

Zwei Christen auf 120 Muslime

Seit einem halben Jahr lebt er in einer Flüchtlingsunterkunft, außer ihm gebe es dort noch einen weiteren Christen – unter rund 120 Muslimen, zusammengesteckt in einer Turnhalle. „Immer wieder machen sie abfällige Sprüche über das Christentum und bedrängen uns, zum Islam zu konvertieren.“ Er habe Angst, beklaut und drangsaliert zu werden. „Besonders schlimm ist es, seit ein deutscher Betreuer zum Islam konvertiert ist. Seither sagen sie: ,Irgendwann bist auch du dran‘.“

Eine verschwindend geringe Minderheit an Christen, die Bett an Bett mit einer großen Mehrheit an Muslimen lebt; in vielen Flüchtlingsunterkünften findet sich diese Gemengelage. Was mancherorts verhältnismäßig reibungslos verlaufen mag, ruft in den vergangenen Monaten immer mehr Meldungen über Zwischenfälle hervor. Die Rede ist von Beschimpfungen der Christen als „Kuffar“ – „Ungläubiger“, von lautstarken Skandierungen wie „Allahu akbar“ – „Gott ist groß“, vom Ausschluss aus der Gemeinschaftsküche mit der Begründung, man sei als Christ „unrein“. Von täglichem Mobbing und von einer ständigen Drucksituation für die Betroffenen, die sich laut Berichten von Medien und Hilfsorganisationen schlimmstenfalls in Übergriffen entlädt.

Ein Extremfall wurde aus einem Flüchtlingsheim im Taunus bekannt, als ein 31-Jähriger zum Christentum konvertierter Südiraner attackiert wurde – von muslimischem Sicherheitspersonal: „Sie warfen mir vor, ich hätte den Islam beleidigt, prügelten mich nieder und traten mir ins Gesicht“, berichtete der Mann der Tageszeitung „Die Welt“. Eskaliert sei die Lage, als er einmal das Heim betrat und seine Flüchtlingskarte, auf der auch die Nationalität steht, vorzeigte, und der Wachmann bemerkt habe: „Aaaaah, ISLAMISCHE Republik Iran!“ Der Flüchtling habe daraufhin geantwortet: „Nein, nur Iran.“ In der Folge griffen ihn vier Wachleute an, „durch die Faustschläge ging ich zu Boden; dann traten sie mir ins Gesicht“, schwer verletzt kam er in ein Krankenhaus. Dieser Fall wurde inzwischen von verschiedenen Seiten geprüft, ist also relativ gut belegt. Andere hingegen nicht.

231 Vorfälle gelistet

Die Öffentlichkeit nahm das Thema verstärkt wahr, als die Hilfsorganisation Opendoors, die sich weltweit verfolgten Christen widmet, eine Erhebung aus Flüchtlingsunterkünften veröffentlichte, die 231Vorfälle auflistete – von Diskriminierungen, Todesdrohungen über Körperverletzungen bis hin zu sexuellen Übergriffen. Aufsehen erregte daraufhin ein Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, der Zweifel an der Studie aufwirft, die, anders als vorgegeben, nicht auf einer deutschlandweiten Erhebung beruhe. Auch einige Darstellungen mutmaßlicher Opfer seien nicht glaubhaft, vielmehr bestehe der Verdacht, es gebe Kreise, die versuchten, „mit Konvertiten oder angeblichen Konvertiten Politik zu machen“.

Opendoors konterte die Kritik. Nie sei von „flächendeckenden Fällen von Gewalt und Drangsalierung gegenüber Christen“ die Rede gewesen, sondern von „gehäuftem Auftreten“. Ein Opendoors-Sprecher ergänzt auf Anfrage: „Die Studie zeigt aber, dass es sich hier nicht um Einzelfälle handelt. Und das ist schlimm genug.“

Aus einer zumindest teilweise belegten Konfliktlage ist somit ein Streit der Worte geworden, ein Ringen um Meinungs- und Deutungshoheit, bei dem es keine belastbaren Zahlen gibt – und nach Meinung von Martin Lessenthin , Vorstandssprecher der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, so schnell auch nicht geben wird: „Grundsätzlich gilt in solchen Fällen, dass Beteiligte oft aus Angst nicht sprechen wollen. Besonders das Opfer steht unter Druck und fühlt sich weiterhin in Gefahr.“ Eine Anzeige, so Lessenthin zur „Schwäbischen Zeitung“, sei erst sinnvoll, wenn das Opfer in sicherer Entfernung sei.

Keine getrennte Unterbringung

Eine getrennte Unterbringung der Flüchtlinge nach Religionen lehnen aber sowohl der Staat wie auch die Kirchen ab. Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, sagte: Man müsse sich „davor hüten, es als typisch islamisch darzustellen, wenn Christen in mehrheitlich von Muslimen bewohnten Flüchtlingsheimen bedrängt“ würden. Immerhin hätten Christen „rund 1350 Jahre in Ländern des Nahen Ostens überwiegend friedlich wenngleich nicht gleichberechtigt mit einer muslimischen Bevölkerungsmehrheit gelebt“.

Das stimmt wohl, ist aber eine verkürzte Wahrheit. Der Nahe Osten ist die Wiege des Christentums, allein die chaldäisch-katholische Kirche hat ihre Ursprünge um 50 nach Christus. „Wir waren vor den Muslimen da. Und als sie kamen, haben wir sie gemäß unserem Glauben offen empfangen“, sagt ein Pastoralreferent in St. Markus. Schnell in der Mehrheit haben die Muslime die Christen lange geduldet, wenn auch als Bürger zweiter Klasse. Heute werden sie verjagt.

War zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch jeder Vierte im Nahen und Mittleren Osten christlichen Glaubens, kommen heute auf 320Millionen Muslime gerade noch elf Millionen Christen, Tendenz stark abnehmend. Im Irak erreichte der Exodus Mitte 2014 seinen Höhepunkt, als der sogenannte Islamische Staat (IS) die Stadt Mossul eroberte, die Menschen zwang, ihrem Glauben abzuschwören, sie folterte, ermordete oder vertrieb.

Der 21-jährige Imad, der in einem Dorf vor Mossul wohnte, später über die Türkei und Griechenland floh, erfuhr, wie traumatisch es ist, wenn man „Zukunft und Hoffnung verliert“, wie er sagt. Wie es sich anfühlt, wenn IS-Schergen die Lebensgrundlage entziehen und die Haustür mit einem stigmatisierenden „N“ beschmieren, das für Nazarener steht, wie die arabischen Muslime Christen bezeichnen.

Todesstrafe bei Übertritt

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland bekennt sich zwar ausdrücklich zur Religionsfreiheit und damit auch zum Recht, seine Religion zu wechseln. In vielen Ländern des Nahen Ostens stand aber schon vor dem IS auf den Glaubensabfall vom Islam die Todesstrafe. Daher verwundert es nicht, dass der Zentralrat Orientalischer Christen in Deutschland (ZOCD) den Ursprung hiesiger Konflikte in den Ursprungsländern sieht. „Natürlich leben wir in Deutschland in einem säkularen Staat“, sagt ZOCD-Vorstandsmitglied Paulus Kurt zur „ Schwäbischen Zeitung “. „In einem Flüchtlingsheim kommen aber plötzlich Volks- und Glaubensgruppen zusammen, die sich seit 1000 Jahren bekämpfen – und sollen sich nun in nur fünf Monaten verstehen? Das kann nicht funktionieren.“

Kurt fordert daher: „Christen und Muslime sollten in den Unterkünften, temporär, getrennt werden.“ Und: „Security und Dolmetscher müssen vom Glauben her gemischt sein.“

Alles Maßnahmen, um Spannungen zu entschärfen. Wie sieht aber die langfristige Zukunft aus? In der eine hohe Anzahl an Menschen mit gänzlich anderen Glaubens- und Kulturerfahrungen in Deutschland integriert werden muss? In der andernfalls Konfliktlinien, die sich jetzt in Turnhallen abspielen, in der Gesellschaft offen zutage treten? Der 21-jährige Imad senkt den Blick und lässt letztlich die Antwort offen, wenn er sagt: „Unter den Muslimen, die hierhergekommen sind, gibt es viele extrem Gläubige…“.

Paulus Kurt äußert sich zu derselben Frage ebenfalls vage, aber diplomatisch: „Christen waren immer Brückenbauer.“ Das werden sie mehr denn je sein müssen, in einer wiederbelebten Betonkirche in Stuttgart-Rohracker, wie im ganzen Land.