Baustelle

Campus Galli: Betreten der Baustelle erwünscht

Meßkirch / Lesedauer: 6 min

In Meßkirch wird mit Muskelkraft ein mittelalterliches Kloster gebaut - Am Samstag öffnet Campus Galli seine Tore für Besucher
Veröffentlicht:20.06.2013, 06:30
Aktualisiert:24.10.2019, 23:00

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Mitten im Wald zimmern Männer und Frauen seltsame Hütten und Verschläge zusammen. Das Holz sammeln sie selbst, auf die Dächer kommen Moos oder Zweige. Manches Häuschen bewerfen sie von außen mit Lehm, um es vor Wind und Wetter zu schützen. An der nahe gelegenen Landstraße geht es moderner zu. Dort planieren Bauarbeiter die letzten Quadratmeter eines großen Parkplatzes. Eine Biologin pflanzt in der Nähe auf einem Acker mittelalterliche Feldpflanzen an und kann von dort aus demnächst zwei Ochsen beim Grasen zusehen.

Was viele noch vor ein paar Jahren für einen müden Aprilscherz gehalten haben, wird am Samstag Realität: Dann öffnet in Meßkirch (Kreis Sigmaringen) eine groß angelegte Dauerbaustelle für Besucher. In den nächsten 40 Jahren soll dort eine karolingische Klosterstadt entstehen. Ohne Maschinen und nur unter dem Einsatz mittelalterlicher Baumethoden und Materialien erschaffen rund 25 festangestellte und zahlreiche ehrenamtliche Mitarbeiter dort den sogenannten Campus Galli .

Er basiert auf dem Klosterplan von St. Gallen, der zwischen 819 und 826 auf der Insel Reichenau entstanden ist und nie verwirklicht wurde. Ein Modell des Klosters hat der Aachener Journalist Bert M. Geurten als junger Mann in einer Ausstellung gesehen – und so richtig losgelassen hat ihn der Gedanke, den 1200 Jahre alten Entwurf in die Tat umzusetzen, nie so richtig.

Der Weg ist das Ziel

Jetzt hat er es geschafft: Campus Galli wird gebaut. Dass er selbst als Initiator die Fertigstellung wohl nicht mehr erleben wird, stört ihn nicht: „Der Weg ist das Ziel“, sagt Geurten. So geht es denn auch bei der Klosterstadt weniger ums architektonische Gesamtergebnis als um die Baustelle, die sich Jahr für Jahr unter den Augen der Besucher verändern wird – betreten der Baustelle erwünscht.

Bis Geurten ein geeignetes Gelände gefunden hatte, musste er allerdings einen langen Marsch durch die Institutionen antreten. Zahlreiche Bürgermeister aus allen Ecken Deutschlands winkten ab, als er ihnen von seinem Vorhaben erzählte. Immer wieder und wieder wies man ihm freundlich, aber bestimmt den Weg zur Tür. „Himmelfahrtskommando“, „nicht finanzierbar“, „nicht vermittelbar“ – mit Abfuhren kennt Geurten sich aus. Doch einer winkte nicht ab: der Meßkircher Bürgermeister Arne Zwick. Auch er war zwar zunächst skeptisch. Doch dann sah er schnell eine Chance darin, eine mögliche Touristenattraktion in die Region zu holen. Das 8500-Einwohner-Städtchen Meßkirch liegt in einer touristisch eher strukturschwachen Gegend und profitiert kaum von den Menschenmassen, die an den rund 40 Kilometer entfernten Bodensee kommen. Zwar kann die Gemeinde mit dem einzigen Renaissance-Schloss nördlich der Alpen und ein paar Berühmtheiten aufwarten – doch mit seinem Martin-Heidegger-Museum lockt die Stadt nicht gerade Tausende an.

Das Potenzial, das die Klosterstadt für Hotel- und Gastronomiebetriebe, aber auch für Einzelhändler in der Region birgt, hat neben dem Bürgermeister letztlich auch den Meßkircher Gemeinderat überzeugt. Er gab im September 2011 grünes Licht für den Bau der Klosterstadt. Ausschlaggebend war damals wohl nicht zuletzt der Besuch eines Referenz-Projekts im französischen Guédelon: Dort wird seit 14 Jahren eine mittelalterliche Burg gebaut. „Die Leute lieben es, anderen bei der Arbeit über die Schulter zu schauen“, sagt Geurten. „Und wenn sie in einem oder zwei Jahren wiederkommen, hat sich alles total verändert – besser geht’s nicht.“ Der Plan Guédelon ist aufgegangen: Mehr als 300.000 Besucher strömen jährlich aufs Gelände, das in Frankreich mittlerweile Ziel Nummer eins für Schulausflüge ist. „Wenn wir täglich nur drei Reisebusse voller Menschen auf die Baustelle holen, rechnet es sich schon“, sagt Geurten.

Spenden und Zuschüsse sind nötig

Auf eigenen Füßen steht die Klosterstadt am Anfang aber ganz und gar nicht. Das Projekt finanziert sich zu einem großen Teil aus Spenden, Zuschüsse kommen von Stadt, Land, Bund und EU – sie sollen dem Projekt in den ersten Jahren seinen Bestand sichern und wurden vor allem für die Schaffung der Infrastruktur genutzt. „Ich kalkuliere für die erste Saison mit 250 Besuchern täglich“, sagt Geurten. Würde das gelingen, könne die Klosterstadt bereits Ende dieses Jahres „eine schwarze Null schreiben“. Die Ausgaben will er im Rahmen halten – so verdienen etwa seine Mitarbeiter in der Anfangsphase nicht mehr als 1200 Euro netto.

„Wir müssen das Geld eben erst mal verdienen, bevor wir es ausgeben können“, sagt Geurten. Doch obwohl es quasi keinen finanziellen Anreiz gibt, für das Großprojekt zu arbeiten, rennen ihm die Bewerber die Türen ein. „Offensichtlich sind viele Handwerker froh, auch mal ganz ursprünglich arbeiten zu können“, sagt Geurten.

Einen Vorgeschmack bieten schon jetzt die Hütten und Unterstände. Auf der Baustelle ist in den vergangenen Wochen ein Rundweg für die Besucher entstanden, der sie an 20 Stationen vorbeiführt. Dort können sie Schreinern, Steinmetzen, Seilern oder Töpfern bei der Arbeit zusehen. Was sie herstellen, wird meist für die Baustelle benötigt: So muss der Schindelmacher Zehntausende Schindeln anfertigen, die später für die Dächer der verschiedenen Gebäude gebraucht werden. Höhe- und Mittelpunkt der Klosterstadt wird irgendwann eine riesige Kirche mit Platz für 2000 Menschen sein.

Ein Wirtschaftsbeirat aus Bankern, Unternehmern und Vertretern der Stadt wacht darüber, dass der gemeinnützige Verein Karolingische Klosterstadt, dessen Vorsitzender Geurten ist, das Geld sinnvoll und zweckgebunden ausgibt. Zugleich achtet ein wissenschaftlicher Beirat darauf, dass es auf der Baustelle mittelalterlich zugeht. Ein paar Mitgliedern wurde der selbst auferlegte Mittelalter-Anspruch indes zu häufig übergangen. Andreas Sturm, langjähriger Mitarbeiter von Bert M. Geurten, ist Experte für Living History, also das Nachstellen historischer Lebenswelten mithilfe von handelnden Personen, originalgetreuer Kleidung und Ausrüstung. Sturm – aufgrund seiner Kenntnisse der genannte Mittelalter-Tüv der Klosterstadt – ist vor Kurzem aus dem wissenschaftlichen Beirat ausgestiegen.

So viel Mittelalter wie möglich

In entsprechenden Foren im Internet wird schon länger heftig diskutiert – darüber, dass der Parkplatz mit Baggern geschaffen wird, die Achse des Ochsenkarrens aus Eisen statt aus Holz gefertigt wurde und dass die tönernen Trinkbecher für Besucher einen Eichstrich haben. Sogar die Tatsache, dass die Handwerker unter ihren mittelalterlichen Gewändern Schutzkleidung tragen, geht manchen zu weit.

Bert M. Geurten vertritt diesbezüglich eine klare Linie, über die er nicht mehr diskutiert: „Wir machen hier so viel Mittelalter wie möglich, aber eben auch so viel 21. Jahrhundert wie nötig“, sagt er. Er werde kein einziges Gesetz des Jahres 2013 brechen, „denn am Ende muss ich meinen Kopf dafür hinhalten, wenn was passiert“. Vertretern der Living-History-Szene hat er den Rücken gekehrt und blickt stattdessen nach vorne – schließlich geht am Samstag für ihn ein jahrzehntelanger Traum in Erfüllung.

Mehr Informationen zur Klosterstadt gibt es unter: schwäbische.de/klosterstadt-messkirch.