StartseiteRegionalBaden-WürttembergVon Menschen begleitet: Bodensee-Waldrappe erreichen Spanien

Galt einst als ausgestorben

Von Menschen begleitet: Bodensee-Waldrappe erreichen Spanien

Baden-Württemberg / Lesedauer: 3 min

Die seltenen Zugvögel vom Bodensee sind in einer aufsehenerregenden Aktion in ihrem Winterquartier angekommen. Doch von zwei Vögeln fehlt jede Spur. 
Veröffentlicht:20.09.2023, 16:00

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Die jungen Waldrappe, die in diesem Sommer am Bodensee aufgezogen wurden, sind großenteils gesund und munter in Spanien angekommen. Die Tiere und ihre menschlichen Begleiter seien gerade westlich von Valencia, teilten die Verantwortlichen des Artenschutzprojektes Waldrappteam am Mittwoch mit.

Bis zum Winterquartier in Andalusien seien es noch 600 Flugkilometer.

Wir hoffen, die verbleibende Strecke in den nächsten drei Wochen zu schaffen.

… so die Naturschützer.

Waldrappe sind extrem selten, in Europa galten sie in freier Wildbahn seit Jahrhunderten als ausgerottet. Das österreichische Waldrappteam um den Tiroler Biologen Johannes Fritz hat sich zum Ziel gesetzt, die Ibis-Art in Mitteleuropa wieder heimisch zu machen. Seit einigen Jahren werden am westlichen Bodensee im Sommer Jungvögel aufgezogen, in diesem Jahr am Flugplatz von Binningen, einem Teilort von Hilzingen im Landkreis Konstanz.

Waldrapp   Um den Waldrappen das Zugvogeldasein beizubringen, verbringen die Ziehmütter, hier Helena Wehner, viel Zeit mit ihnen.

Wie Menschen dem Waldrapp das Fliegen beibringen

Verstärkung für die Überlinger Waldrapp–Kolonie: In Hilzingen werden neue Jungtiere an das Leben als Zugvogel herangeführt. Der Mensch ist dabei Vorbild.

Ihre älteren Artgenossen verbringen die Sommermonate inzwischen an einer Felswand bei Überlingen. Weitere Kolonien gibt es im bayerischen Burghausen und in der Nähe von Salzburg.

Start war am 21. August

Weil die Zugvögel – anders als etwa Störche – den Weg in ihre Winterquartiere alleine nicht finden und ältere Wildtiere, von denen sie dies lernen können, noch nicht wieder in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen, werden die Waldrappe auf dem Weg in den Süden von Mitarbeiterinnen des Waldrappteams angeleitet. Diese begleiten die Vögel in einem Ultraleichtflieger und weisen ihnen so den Weg.

In diesem Sommer wurden 35 Jungvögel am Flugplatz von Binningen, einem Teilort von Hilzingen im Landkreis Konstanz, von zwei menschlichen Ziehmüttern groß gezogen. Seit dem Start in ihr winterliches Brutquartier am 21. August haben die Vögel inzwischen 1604 Flugkilometer in 14 Etappen zurückgelegt, heißt es vom Waldrappteam.

Geringere Höhe, größere Distanz

Dabei zeigt sich in diesem Jahr ein Problem: Die Tiere fliegen in geringerer Höhe und bleiben auf größerer Distanz zu ihren menschlichen Begleitern als üblich. Dadurch, so die Naturschützer, sei ihnen schon dreimal der Kontakt zu einem Teil der Vögel verloren gegangen ‐ im Rhônetal, bei Barcelona und zuletzt in der Nähe des Ebro-Deltas.

Die meisten Tiere wurden wiedergefunden, wie Waldrappteam-Chef Fritz erklärt. „Verlorene Vögel fliegen mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Ort zurück, von dem wir an diesem Tag gestartet sind. So war es auch in diesen Fällen.“ Lediglich zwei Tiere würden nach dem letzten Vorfall noch fehlen.

Das Ziel der Artenschützer ist, dass sich die Waldrappe auch ohne menschliches Zutun in Europa halten. Für eine selbstständige Population sind nach Fritz’ Einschätzung 340 Tiere nötig, die EU fördert das Projekt als Hauptgeldgeber bis 2028.

Klimawandel ändert das Verhalten

Eine Herausforderung stellt dabei laut Waldrappteam der Klimawandel dar. Wegen der warmen Herbsttage spüren die Zugvögel immer später den Trieb zum Aufbruch, doch später im Jahr sind die thermischen Bedingungen für die Waldrappe schlechter. Sie haben dann Probleme, die Alpen zu überwinden.

Video: Archiv 2019 / Gabriel Bock

Deswegen wurde nun Andalusien als zusätzliches Winterquartier ausgewählt. Dorthin gelangen die Waldrappe mit weniger Hindernissen, die Pyrenäen können sie an der Küste umfliegen. Außerdem wird in Andalusien, unabhängig von dem österreichisch-deutschen Projekt, gerade eine eigenständige sesshafte Waldrapp-Kolonie angesiedelt.

Die spanischen Waldrappe werden allerdings durch zunehmende Trockenheit geplagt ‐ und könnten sich laut Waldrappteam eines Tages dazu entschließen, ebenfalls die Sommer am Bodensee zu verbringen.