StartseiteRegionalBaden-WürttembergArchitekt verteidigt Stuttgart 21

Bahnprojekt

Architekt verteidigt Stuttgart 21

Stuttgart / Lesedauer: 3 min

Architekt verteidigt Stuttgart 21
Veröffentlicht:23.08.2010, 21:50

Artikel teilen:

Der Architekt des Bahnprojekts Stuttgart 21, Christoph Ingenhoven , hat den Massenprotesten seine Vision eines modernen ökologischen Hauptbahnhofes entgegen gesetzt. Es gelte abzuwägen, den Bau von Paul Bonatz (1877-1956) in Gänze zu erhalten oder die Stadt an eine moderne Infrastruktur anzubinden und städtebauliche Entwicklungsmöglichkeiten zu eröffnen, sagte Ingenhoven am Montag in Stuttgart. Er unterstrich die Nachhaltigkeit des neuen Bauwerks, das keine Heizung, Kühlung oder mechanische Lüftung braucht. {element}

Dagegen sieht Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) als ein Hauptredner der Protestaktion am Montag noch Hoffnung, das Projekt zu stoppen und in einen Dialog mit den Projektträgern treten zu können. Am Morgen hatten Aktivisten der Umweltschutzorganisation Robin Wood das Rathaus der Landeshauptstadt erklommen und sich mit einem Transparent gegen Stuttgart 21 abgeseilt. Am Abend protestierten vor dem vom Abriss bedrohten Nordflügel des Hauptbahnhofes wieder tausende Menschen. Die Veranstalter sprachen von 10 300 Menschen, die Polizei zählte 6000 Teilnehmer.

Ein Dutzend junge Männer und Frauen demonstrierte bei einer Aktion mit Kunstblut gegen Stuttgart 21. Mit Ketchup verschmiert und halbnackt hatten sie sich unter dem Motto „Stuttgart 21 blutet unsere Zukunft aus“ auf den Boden geschmissen. Mit von der Partie waren drei als Politiker verkleidete Protestierer — Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU), Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) — , die ihre Füße symbolisch auf die jungen Leute stellten. Die „Jugendoffensive gegen S 21“ will nach eigenen Angaben zeigen, dass die Milliarden für das Bahnvorhaben den Jugendlichen bei der Bildung fehlten.

Ingenhoven betonte unterdessen, sein Entwurf sei ohne den Abriss der Seitenflügel des Hauptbahnhofes nicht zu realisieren. „Es geht nicht.“ Die Fundamente der Flügel kollidierten sonst mit den Zugängen zu den unterirdischen Bahngleisen. „Man hat sich das wirklich nicht leicht gemacht“, sagte er mit Blick auf den Architektenwettbewerb, bei dem nicht eine einzige der fast 200 eingereichten Arbeiten den vollständigen Erhalt der Flügel vorgesehen habe. „Es ist unredlich zu behaupten, die Seitenflügel hätten bestehen können.“ Dieser Meinung ist etwa der Enkel des Architekten Bonatz , Peter Dübbers, der seine ererbten Urheberrechte gerichtlich durchsetzen will. Ingenhoven versicherte, er wolle den verbleibenden Hauptbau von Bonatz in einen „würdevollen Zustand“ versetzen.

Bei dem 4,1 Milliarden Euro teuren Vorhaben wird der Kopfbahnhof in eine unterirdische Durchgangsstation umgewandelt, mit einem unterirdischen Ring an die Zulaufstrecken und mit einem neun Kilometer langen Tunnel an den Flughafen und die Schnellbahnstrecke nach Ulm angebunden. Nach Angaben der Bahn entfallen von den Baukosten nur 15 Prozent auf den Bau des neuen Hauptbahnhofs, einer neuen S-Bahn-Station und eines ICE-Bahnhofs am Stuttgarter Flughafen.

Ingenhoven kritisierte die Grünen, die sich an die Spitze des Widerstands gegen Stuttgart 21 gesetzt haben. „Die Grünen haben die parlamentarische Arbeit zugunsten der außerparlamentarischen Arbeit aufgegeben“, sagte er. Grünen-Fraktionschef Winfried Kretschmann wies den Vorwurf als abwegig zurück. Die Grünen hätten in allen Parlamenten ihre Kritik und Konzepte vorgetragen — „lange vor den massiven Protesten in der Bevölkerung gegen das Projekt“. Er fügte hinzu: „Was wir dabei im Parlament gegen Stuttgart 21 vorgebracht haben, taucht derzeit eben auch außerparlamentarisch auf.“

Palmer sieht die Projektträger angesichts der Massenproteste unter Zugzwang: „Wenn noch mehr Leute für eine moderne Eisenbahn- Infrastruktur demonstrieren, auch wenn die Bagger rollen, dann wird den Befürwortern nichts anderes übrig bleiben, als sich mit den Gegnern an einen Tisch zu setzen.“

Ingenhoven stellte einen neuen leicht veränderten Entwurf des unterirdischen Hauptbahnhofes vor, bei dem vor allem die Lichtaugen und die „Gitterschalen“, transparente gewölbte Vordächer an Ein- und Zugängen, kleiner dimensioniert sind. Die Kosten veränderten sich durch die Modifizierungen nicht, sagte der Architekt. {element}