Krisenherd

Am Krisenherd des Katholizismus: Wie ein Dekan aus Bad Wurzach in Davos die Kirchenbänke füllt

Bad Wurzach / Lesedauer: 10 min

Der Allgäuer Kurt Susak ist Dekan in Davos. Er wuchs in einem Dorf bei Bad Wurzach auf und spricht als katholischer Priester darüber, wovon viele Kollegen schweigen.
Veröffentlicht:26.08.2022, 05:00
Aktualisiert:18.09.2022, 17:34

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Auf dem Vorplatz der Marienkirche in Davos kann man lange suchen nach einem Menschen, der vielleicht auch mal etwas Kritisches über diesen Kurt Susak sagt, den Dekan und katholischen Pfarrer. Während drinnen die Gemeinde nach knapp 90 Minuten Gottesdienst zu Ehren der Himmelfahrt Mariens ohne sichtbare Erschöpfung zum Mittagessen aufbricht, spannt der Herrgott einen Alpen-Sommer-Himmel wie aus dem Bilderbuch über die kleine Stadt im Kanton Graubünden – mit strahlendem Blau am Firmament, mit gewaltigen Bergspitzen und einer angenehm alpinen Temperatur von 22 Grad.

Ist Susak also ein Pfarrer, den alle mögen – sogar Leute, die weniger an Gott als an ihn als Priester glauben? Noch dazu an einen, der sein Herz auf der Zunge trägt und nicht kneift, wenn er auf die Dauerbrenner am Krisenherd des Katholizismus angesprochen wird?

Beliebt in der Gemeinde

„Üser Pfarrer isch d’r Beschte“, schnarrt eine betagte Dame in breitem Bündner Dialekt auf Nachfrage. Später wird noch eine 93-Jährige strahlende Augen bekommen, weil der 44-Jährige Priester – gebürtig aus Leutkirch im Allgäu, später aufgewachsen in Unterschwarzach bei Bad Wurzach – sie mit einem schallenden „Grüß Gott!“ anspricht. Aber wen man auch fragt an diesem schönen Tag – alle sind des Lobes voll, wenn es um den Herrn Pfarrer geht.

Sogar dass er ein „Ditscher“ ist, also ein Deutscher, hat man ihm hier oben auf 1560 Metern über dem Meer inzwischen verziehen. Wahrscheinlich auch, weil er das nach 13 Jahren ganz gut hinbekommt mit dem Dialekt. Respektive mit der durchaus charmanten Mischung aus Allgäuer Sprachfärbung und den Schweizer Grundbegriffen der Alltagssprache.

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Zuvor, um Viertel nach zehn, als die Messe beginnt, haben sich mehr als 200 Menschen in der Kirche versammelt. Sie ist frisch renoviert, aus dem Buntglasfenster strahlt eine kräftige Sonne, die nicht durch alten Ruß getrübt wird. Als Sinnbild für die Krisen der katholischen Kirche taugt der blitzblanke Sakralbau also nicht. Auch nicht die aufrechte Haltung von Kurt Susak – mittelgroße, kernige Statur, gescheiteltes Haar – mit der er würdevoll um den Altar schreitet, immer ein frommes Lächeln um den Mund, das auch ein Spitzbübisches sein könnte. Und das zu sagen scheint: „Alles wird gut, wenn man nur glaubt.“

Die Wände leuchten weiß, alles wirkt wie frisch gestrichen, selbst die Mitglieder der Kirchengemeinde in ihrem ordentlichen Sonntagsgewand. Nur ein junger Kerl irgendwo im hinteren Drittel ist im Jogging-Anzug erschienen, in den Ohren kleine Stöpsel, aus denen kabellos die Fetzen Musik gedämpft wahrnehmbar sind. Kritisch beäugt von seiner Mutter, die das stumm missbilligt. Seine Aufmerksamkeit gilt der Haartolle, deren Sitz er fortwährend nachbessert.

Spaltung der Kirche allgegenwärtig

Was in der Kirche passiert, davon bekommt der junge Bursche ganz sicher nichts mit. Dabei könnte er, wenn er die Stöpsel aus den Ohren nehmen würde, gerade hören, wie Kurt Susak in seiner Predigt Jesus im Neuen Testament zitiert, der gesagt hat: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu bringen.“ Und weiter: „Nein, sage ich Euch, nicht den Frieden bringe ich Euch, sondern die Spaltung!“

Zufall oder Absicht – mit seiner Predigt beschwört Susak indirekt ein allgegenwärtiges Thema in der katholischen Kirche, die zwar offiziell die verschiedensten Lager und Strömungen unter einen vatikanischen Hut bringt. Grundsätzlich aber doch gespalten ist in diejenigen, die mit erzkonservativer Haltung alles mindestens so lassen wollen, wie es ist – oder das Rad der Zeit gerne noch ein Stückchen weiter zurückdrehen möchten. Und jenen, die eine Öffnung hin zur Weihe weiblicher Priesterinnen und der Abschaffung des Zölibat als unabdingbare Voraussetzung fürs Überleben der katholischen Kirche betrachten.

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„Da müssten Sie jetzt mal ein paar Leute Fragen, auch Junge – ich glaube, das interessiert die Meisten gar nicht so sehr, ob da oben am Altar eine Frau oder ein Mann steht und ob der verheiratet ist oder nicht.“ Der Satz, nach der Messe gesprochen in Susaks Küche im Pfarrhaus während einer kurzen Pause, bevor der Priester noch ein Kind in einer Almkapelle zu taufen hat, hängt einen Moment in der Luft. Weil er auf den ersten Blick so gar nicht zum Auftreten des Geistlichen passt, der in vielen Facetten modern ist, immer wieder auf sein Handy schaut – und auch gerne Bilder auf digitalem Weg mit seiner Gemeinde teilt. Auf der anderen Seite ist das erste, was der Pfarrer nach vollbrachter Messe tut, eine Prise vom Schnupftabak durch die hungrige Nase zu ziehen, was fast schon ein bisschen mehr als nur altmodisch wirkt.

Zwei Herzen in der Brust

So wohnen also offenbar zwei Herzen in der Brust des Allgäuers. Das eine, das Sätze hervorbringt wie diesen: „Die katholische Kirche vereinigt so viele Strömungen, da tritt die Bedeutung von Zölibat und Frauenpriestertum dahinter zurück.“ Denn Susak erkennt durchaus einen Ruck in der katholischen Kirche, gerade was die Position der Frau angeht. „Denken Sie nur an die Berufung von Frauen in wichtige Ämter im Vatikan!“ Tatsächlich hat Papst Franziskus unter anderem Raffaella Petrini zur Generalsekretärin ernannt und sie damit faktisch zur zweit-einflussreichsten Persönlichkeit in Vatikanstadt gemacht. Aber reicht das, um die Sehnsucht nach einer erneuerten, verjüngten katholischen Kirche zu stillen? Kurt Susak hat darauf eine interessante Antwort: „Wenn die Themen Frauen und Zölibat der Weisheit letzter Ratschluss wären – warum kämpft die evangelische Kirche dann mit genau den gleichen Problemen wie wir?“

Das andere Herz in Kurt Susaks Brust schlägt im Takt einer nahbareren Kirche, die der ewigen Debatten müde ist und sich aufs Tun konzentriert. Es schlägt im Takt freundschaftlicher Zugewandtheit. Weil Susak eben kein vergeistigter Geistlicher ist, der in frommer Stille durch den Ort schwebt. Nein, Susak ist niemand, der das Christentum leise vor sich hin knabbert, er beißt es vielmehr herzhaft in großen Stücken. Und erzeugt dabei einen gewissen Sog, den auch die kleine Tauf-Gemeinschaft zu spüren bekommt, die an diesem Tag nach der großen Messe in der Marienkirche zusammenkommt.

Bei der Zeremonie, die stets einen heiteren Charakter aufweist, weil Susak mit Scherzen nicht spart, rutscht ihm auch ein Satz heraus, der tief blicken lässt in die Seele verunsicherter katholischer Priester. Und die sich durch den Missbrauchs-Skandal unter Generalverdacht gestellt sehen.

Musikalische Sozialisation

Er sagt: „Ich leide unter jedem Missbrauchsvorwurf gegen die Kirche, bei jedem Austritt. Aber ich finde es anstrengend, als jemand, der damals vielleicht noch gar nicht geboren war, den Kopf hinhalten zu müssen für verbrecherische Dinge, die geschehen sind.“ Mitten in einer Tauffeier wirken diese Sätze wie ein kurzes Plädoyer für die Integrität von katholischen Priestern. Vielleicht sollen sie auch zeigen, dass ein Pfarrer als Mensch aus Fleisch und Blut auch eine Verletzlichkeit zeigt, statt alles Düstere, was mit der institutionellen Kirche verbunden ist, totschweigen zu wollen.

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Schweigen, das ist sowieso nicht die Stärke des gebürtigen Allgäuers. Dass die Art, wie er mit Menschen auf der Straße redet, auch immer etwas Predigendes, etwas von Verkündigung hat, mag auch ein bisschen an seiner musikalischen Sozialisation liegen. Immerhin hat Susak mit 16 bereits einen Chor geleitet. „Meine Kindheit war geprägt von dörflichem Zusammenhalt“, erinnert sich der Priester bei einem Glas Multivitamin-Saft in seiner Wohnküche im Pfarrhaus.

Die modernen Räume vermischen Sakrales mit Profanem. Zum Beispiel steht unweit der Küchentheke in modernem Steingrau eine hölzerne Orgel. Daneben eine alte Standuhr, die alle Stunde den unvorbereiteten Besucher mit dröhnendem Schlag an die Vergänglichkeit erinnert, während der Herr Pfarrer auf seinem hell-beigen Design-Sofa sitzt. Ganz in Schwarz gekleidet, wie der menschgewordene Kontrast zur allgemeinen Flucht aus den Kirchen.

Verteidiger des Berufsstands

Von den Abgesängen auf den Katholizismus will Kurt Susak jedenfalls nichts wissen. „Ich habe doch Kontakt zu jüngeren Kollegen. Ich sehe doch jeden Tag, was da noch alles geht“, spricht der Pfarrer, als stehe er am Mikrofon in der Kirche. Gefragt nach seiner persönlichen Haltung zur Ehelosigkeit, erwähnt er Mentoren im Priesterseminar, die ihn auf diese Art zu Leben, vorbereitet hätten. „Aber mal ganz ehrlich: Ich wusste doch, worauf ich mich da einlasse!“

Und Tausende Mitbrüder auch, die sich in ihrem aufopferungsvollen Dienst an Gott und den Menschen nie etwas Missbräuchliches zuschulden hätten kommen lassen. Aus Susaks Stimme weicht die Sanftmut, wenn ihn die Leidenschaft für die Verteidigung seines Berufsstandes packt.

Kurt Susak gehört auch sonst nicht zu jenen Kirchenvertretern, die außer Demut und Bescheidenheit nichts kennen. „Sie müssen Gott schon auch ein bisschen offensiv verkünden“, sagt er beim Gang durch das vor nicht langer Zeit sanierte Pfarrhaus. Selbst wenn Susak sich und seiner Kirche das Dranbleiben und Durchhalten und Festhalten predigt, ist es nicht so, dass in der Schweiz die Katholiken nicht auch scharenweise austräten. „Ich glaube aber, dass wir uns in einer Phase befinden, die auch wieder vorübergeht.“ Trotzdem traut die Ortskirche in Davos mit ihm an der Spitze seinen Schäfchen in Bezug auf die Kirchensteuer als Quell stabiler Einnahmen nicht so ganz über den Weg. Für Einnahmen sorgen unter anderem das betreute Wohnen für Ältere unmittelbar am Pfarrhaus.

Kein Katholizismus light

„Heute, das waren ja noch wenig Leute in der Kirche“, antwortet der Geistliche auf die Frage, ob in Davos immer so viel los sei in der Messe. Seelsorge in einem Ort, in der auch viele Menschen unterschiedlicher Herkunft lebten – etwa die Angestellten in den vielen Luxushotels – sei aber schon eine Herausforderung. Stichwort Weltwirtschaftsforum. Bei der Gelegenheit hat schon so mancher Kardinal sein Haupt im Gästezimmer von Kurt Susak auf Kissen gebettet. Bei soviel Kontakt mit hoher Geistlichkeit – winkt da nicht eine höhere vatikanische Laufbahn? Susak schüttelt sanft den Kopf und versucht, bescheiden zu tun. Er sei hier gut aufgehoben, was die Zukunft bringe, wisse der Herrgott allein am besten.

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Wieder dröhnt es aus der Standuhr – und der Pfarrer springt auf. In der Tiefgarage wird er schon erwartet zur Abfahrt zur nächsten Taufe. Er setzt sich selbst ans Steuer seines weißen Audi mit Sportausrüstung. „Ich kann Ihnen versichern, ich bin glücklich“, ist einer der Sätze die hängen bleiben. Und irgendwie schließt sich der Kreis in Bezug auf die Predigt am Morgen, als er einen kämpferischen Christus zitierte. Einen Jesus, der spaltet. Und den Susak so interpretiert, dass man sich im Leben entscheiden müsse, für eine Seite und zu wem man gehören wolle. Kein Wischiwaschi. Kein Larifari. Kein Katholizismus light.

Wie das all jene Menschen sehen, die an diesem und allen anderen Sonntagen nicht in Susaks Gottesdienst gekommen sind, weiß Kurt Susak natürlich nicht. Und vielleicht will er es auch gar nicht so genau wissen.

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