StartseiteRegionalBaden-WürttembergAlte Almen in Gefahr: Wertvolle Alpen-Romantik gleich mehrfach bedroht

Sorge um Kulturgut

Alte Almen in Gefahr: Wertvolle Alpen-Romantik gleich mehrfach bedroht

Schröcken / Lesedauer: 8 min

Unser Besuch auf einer Alpe zeigt den hohen Wert dieser Sehnsuchtsorte. Doch gleich aus mehreren Richtungen droht Gefahr - eine davon schleicht auf vier Beinen heran.
Veröffentlicht:24.09.2023, 15:00

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Alpines Leben mögen manche noch immer mit Heidi, dem Ziegenpeter oder Heimatfilmen in Technicolor verbinden. Oder sie träumen bei ihren Ausflügen in die Bergwelt von einem Leben in Natur, frischer Luft und Postkartenkulisse.

Romantik und Realität lassen sich jedoch in Abgleich bringen auf der alten Sennalpe Batzen oberhalb der Vorarlberger Gemeinde Schröcken.

Hinter der Eingangstür tritt der Besucher unvermittelt in das Herzstück der Alpe, einen großen Raum mit pechschwarzen Wänden, ein dunkles Loch, dem allein ein Kupferkessel etwas Glanz verleiht. „Das Schwarze und Rauchige kommt daher, weil die Milch zum Käsemachen erhitzt werden musste“, erklärt Erwin Schwarzmann vom „Kulturverein uf m Tannberg“ und schiebt den Kessel mit dem Schwenkarm zur Seite, um den Blick auf die Feuerstelle freizugeben.

Mit dem Vieh unter einem Dach

An die Sennküche schließt zur einen Seite übergangslos ein Stall für 40 Kühe an. Und zur anderen Seite die Stube mit Kochstelle und Kachelofen, für die Versorgung von zehn Personen: Oma, Opa, Vater, Mutter, vier Kinder und zwei Buben zum Helfen. „Die haben hier jeden Sommer gelebt“, sagt der 85-Jährige, der einst selbst auf einer ganz ähnlichen Alm, in Vorarlberg regional Alpe genannt, aufwuchs.

Die Alm- und Alpwirtschaft ist aktuell einer Zerreißprobe ausgesetzt.

Verband

Beengt und unter niedrigen Decken, in Rauch, Feuchtigkeit und Wärme, auf Tuchfühlung mit dem Vieh, am Abend erschöpft genug, um in den Kammern oder auf Stroh in den Schlaf zu finden. Anblick und Anmutung wirken wie eine Reise in frühere Jahrhunderte. Doch weit gefehlt, die Sennalpe Batzen, nur eine kurze Bergwanderung vom Skiort Lech entfernt, wurde noch bis 1998 bewirtschaftet ‐ also erst vor 25 Jahren wegen strengerer Auflagen aufgegeben und etwas oberhalb neu errichtet.

Dem Kulturverein ist es zu verdanken, dass dieser urige Ort erhalten blieb und heute als Museum dient, mit gutem Grund, wie Initiator Erich Gnaiger es beschreibt. „Das beschleunigte Aussterben alter Alphütten wird kaum registriert“, bemängelt Gnaiger. „Es gilt, die wenigen ursprünglichen Alpsennereien und Walserhöfe in der Tannbergregion wie eine bedrohte Art zu schützen, bevor wir erst rückblickend deren Verlust beklagen müssen.“

Und nicht nur das, denn längst sind auch die Nachfolgealpen, die die Tradition ihrer Vorfahren weiterführen, bedroht. Erst vergangenen Monat warnten Verbände aus Deutschland, Österreich und der Schweiz bei einem Spitzentreffen auf der Rodenecker-Lüsner Alm in Südtirol: „Die Alm- und Alpwirtschaft ist aktuell einer Zerreißprobe ausgesetzt.“

Manche Regionen trotzen zwar den vielfältigen Problemen, etwa im Allgäu, wo es noch eine vitale Alpwirtschaft gibt, in Österreich verschwanden dagegen innerhalb von zehn Jahren mehr als 1000 Almen. Damit droht der Verlust eines Naturraums, der seit Jahrhunderten die kulturelle Identität in den Bergregionen prägt, so wie die Batzenalpe auf dem Tannberg.

Käsemachen auf traditionelle Weise

Das Holz für die Alpe wurde, wie an Jahresringen abzulesen, 1602 geschlagen, ab 1610 war sie bis vor 200 Jahren noch ganzjährig bewohnt. Während man im Tal Ackerbau betrieb, lebten dort oben in einer Kleinsiedlung sommers wie winters sieben Familien, um Milch, Butter und Käse nach althergebrachten Verfahren herzustellen. Dazu wird die frische Abendmilch der Kühe in die sogenannte Käse-Gebse, runde Holzbehälter, geschüttet und ans offene Fenster gestellt.

Dadurch bildet sich über Nacht eine Rahmschicht, die der Bauer am nächsten Morgen abschöpft, um daraus Butter zu gewinnen. Die kalte Morgenmilch indes kommt in den Sennkessel und wird auf 30 Grad erhitzt, bevor die warme Morgenmilch der Kühe dazukommt. „Andernfalls bekäme die frisch gemolkene Milch einen Schock, das wäre schlecht für die Käsequalität“, erklärt Schwarzmann.

Nun auf 36 Grad erhitzt, kommt der Lab, die Säure, dazu, damit die Milch gerinnt und mit der Käseharfa in Würfel zerschnitten werden kann. Den Bruchkäse rührt der Senn mit Kellen auf und nimmt den Wobl, einen Riesenschneebesen, zur Hand. Danach zieht er mit einem Tuch aus der nun heißen Molke die Käskörner, die schließlich bis zum nächsten Morgen in die Käsepresse kommen.

50 Kilo wog früher ein Laib, der im kühlen Keller der Alpe alle 14 Tage gedreht, gebürstet, gewaschen und mit Salz und Wasser eingerieben wurde. Sechs Monate lang für einen jungen Käse, bis zu zwei Jahre für einen gut gereiften. „Aber er muss immer betreut werden“, betont Schwarzmann.

Der Wolf ist ein großes Problem.

Werner Bätzing

In modernen Talkäsereien übernehmen das Roboter, auf der neuen Batzenalpe macht das dagegen noch immer der Mensch. Die erneuerte Sennküche mag zwar gekachelt sein und heutigen hygienischen Standards entsprechen, „der Käse aber wird noch immer nach altem Muster und Rezept hergestellt“. In Zeiten von Billiglebensmitteln nur schwer vorstellbar und eigentlich auch kaum zu finanzieren.

Politik müsste Almen mehr fördern

Der ökonomische Druck auf die Almwirtschaften ist daher gewaltig, wie Werner Bätzing, emeritierter Professor für Kulturgeographie an der Universität Erlangen-Nürnberg, bestätigt. „Die Almwirtschaft produziert relativ naturnah, relativ extensiv, sie produziert also nachhaltig.“

Und agrarpolitisch gesehen damit viel zu teuer, weil sich Fleisch und Käse in Flachland und Massentierhaltung für einen Bruchteil herstellen lassen. „Rein ökonomisch gedacht, hätte man die Almwirtschaft schon vor 50 Jahren einstellen müssen“, sagt Bätzing.

Um solche Einbrüche und Probleme zu bewältigen, bräuchte es Impulse und Förderung durch Verbände und Politik. Damit die Almbauern nicht einem schleichenden Strukturwandel folgen, sie der Versuchung erliegen, Kunstdünger auszubringen, damit das Gras schneller wächst. Oder in die Hochlagen Hochleistungskühe stellen, die auf steilen Flächen gar nicht grasen können.

Bätzing zählt zu den führenden Forschern des Alpenraums und hat unter anderem die Bibliographie „Alm- und Alpwirtschaft im Alpenraum“ veröffentlicht, um das Bewusstsein für die Bedeutung und die Schwierigkeiten dieser Kultur zu schärfen. Zu denen er auch die Ausbreitung der Raubtiere zählt.

„Der Wolf ist ein großes Problem“, sagt er. Die Almwirtschaft bräuchte daher mehr Personal und mehr Maßnahmen, um ihre Tiere zu schützen. „Die Leute stehen aber ohnehin ökonomisch mit dem Rücken zur Wand. Kommt dann noch der Wolf dazu, ist das oftmals der letzte Punkt, um ganz aufzugeben.“

Probleme mit E-Bikern

Verdrängungseffekte sieht er auch durch den ausufernden Tourismus. Vor allem mit ihren E-Bikes dringen die Leute in Gebiete vor, in die sie früher allenfalls sporadisch kamen. „Das ist eine extreme Belastung, weil es oft am Verständnis für die Almwirtschaft mangelt.“

Tiere werden aufgescheucht, Gatter aufgelassen und Müll bleibt liegen. Dabei wären die Besucher eine Bereicherung, wenn sie die Produkte der Almwirtschaft zu guten Preisen und ohne Zwischenhändler abnehmen würden. „Leider fehlt es jedoch oftmals an einem umwelt- und almgerechten Verhalten.“ Und auch an Hintergrundwissen über die sensible Fauna.

Die Alpen sind ein Sehnsuchtsziel der Menschen.

Werner Bätzing

So wächst aufgrund von Klimawandel und immer wärmeren Temperaturen das Gras zwar besser und in höheren Regionen. Gleichzeitig breiten sich aber auch Zwergsträucher, Büsche und Bäume aus, die regelmäßig entfernt werden müssten. „Die traditionelle Almpflegearbeit ist heute jedoch nicht mehr bezahlbar, das waren früher Vollzeittätigkeiten“, sagt Bätzing.

So aber zieht die Verbuschung dramatische Folgen für das Ökosystem nach sich, weil das Strauchwerk im Vergleich zu einer bewirtschafteten Bergwiese nur einen Bruchteil an Arten hervorbringt. „Die Artenvielfalt bleibt nur erhalten, wenn die Wiesen von den Tieren der Almwirtschaften auf pflegliche Weise genutzt werden, wie das seit Jahrhunderten und Jahrtausenden geschieht“, erklärt der Kulturgeograph.

Sehnsuchtsziel Alpen

Über diese Zusammenhänge weiß der Laie, der Tourist, der nach Erholung sucht, oft wenig bis gar nichts. Die Natur sieht er nur im Einklang, wenn sie ungehindert sprießt und gedeiht. Nicht das einzige Missverständnis. „Die Alpen sind ein Sehnsuchtsziel der Menschen“, sagt Bätzing. Dieser Sehnsuchtsort besteht zum größten Teil allerdings aus Kulturlandschaft.

„Die Städter empfinden die Almwirtschaft hingegen als Naturlandschaft und sie empfinden die Arbeit des Almpersonals nicht als Arbeit, sondern quasi als Freizeitvergnügen.“ Wie der im Gras liegende Hirte, der in seine Flöte bläst, während nebenan das genügsame Vieh grast. Die Kulturlandschaft wird so zur Natur verklärt und der Älpler als Naturwesen romantisiert. Heidi und der Ziegenpeter lassen grüßen.

Diese Kluft zwischen Illusion und Realität zu schließen, hat sich der Kulturverein auf dem Tannberg zur Aufgabe gemacht, wie Erwin Gnaiger erklärt: „Das Alpmuseum sorgt für die Wissensvermittlung an die heutige Gesellschaft, damit wichtige Abläufe und Erlebnisse der Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten.“ Auch Werner Bätzing hält es für enorm wichtig, das Bewusstsein über den Alpenraum zu stärken.

Damit die Menschen, die Almen als wertvolle Tradition begreifen. Eine Tradition, bei der Natur bewirtschaftet wird, ohne Natur zu zerstören. Und die dabei auch noch gesunde Lebensmittel hervorbringt. Auf diese Weise wird auf den Almen tatsächlich eine Sehnsucht der Menschen erfüllt, die aktueller und dringlicher kaum sein könnte.