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Azubis erzählen

Was vier junge Menschen am Pflegeberuf reizt

Wangen / Lesedauer: 6 min

Ein Quartett wird in Wangen ausgebildet und erzählt über Motivation und Erfahrung. Stress und Vorurteilen zum Trotz sagen die Azubis: „Es ist eine Ehre“. Aber sie warnen auch.
Veröffentlicht:13.09.2023, 19:00

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Schlechte Bezahlung, Schichtdienst und Stress: Pflegeberufe haben vielfach einen schlechten Ruf. Für junge Menschen stellen sie deshalb oft alles andere als einen Traumjob dar. Dennoch beginnen Jahr für Jahr viele von ihnen die Ausbildung. Doch weshalb? Was ist ihre Motivation? Wie stellen sie sich die berufliche Zukunft vor? Und was raten sie anderen, für die dieser Weg vielleicht auch in Betracht kommt? Die „Schwäbische Zeitung“ hat sich mit vier von ihnen unterhalten.

Ein Start unter schwierigen Bedingungen

Franziska Müller, Amely Weiß, Mayra Zauner und Niklas Wolff hatten wahrlich nicht die besten Startvoraussetzungen. Inzwischen kurz vor Beginn des dritten Lehrjahres, gehören sie zu einem der ersten Jahrgänge, der die generalistische Ausbildung absolviert. 2020 eingeführt, sind in ihr seither die Berufsbilder Alten–, Kranken– und Kinderkrankenpflege zusammengeführt. Die Ausbildung ist damit zwar umfassender, ein Wechsel von der einen in die andere Sparte leichter — aber sie ist nicht gerade einfacher geworden.

Dazu kam Corona. Mitten in der Pandemie erlebte das Quartett seinen Start ins Berufsleben und die in Krankenhäusern, Seniorenheimen und Sozialstationen besonders restriktiven Schutzmaßnahmen inklusive. Schließlich ging es damals um das vom Virus vor allem gefährdete Leben von Alten, Kranken und Schwachen.

Was am Pflegeberuf so reizt

Um Alte, Kranke und Schwache geht es Franziska Müller, Amely Weiß, Mayra Zauner und Niklas Wolff auch, wenn sie davon erzählen, wie sie auf eine Ausbildung in der Pflege gekommen sind und was sie an ihr reizt. Die drei jungen Frauen sind 20 Jahre alt, der junge Mann 19. Sie kommen aus Opfenbach, Waltershofen, dem Raum Lindau und Weiler. Sie absolvieren ihre Lehre an der Pflegeschule des Wangener Westallgäu–Klinkums, sind entweder bei der Oberschwabenklinik (OSK) oder den Fachkliniken angestellt — und wirken allesamt für ihr Alter erstaunlich reif, abgeklärt, klar strukturiert — und zugleich offen.

„Man kommt heim und weiß, man hat etwas Gutes getan“

Franziska Müller

 „Es ist eine Ehre, einem 90–Jährigen die Hände zu halten“. Amely Weiß geht einen Schritt weiter: „Es ist sowas Wertvolles, einen Menschen beim Sterben zu begleiten.“ Und auch, ein eben erst geborenes Baby im Arm zu halten.

Was sie gegen Vorurteile sagen

Die beiden wissen — ebenso wie Mayra Zauner und Niklas Wolff — wovon sie sprechen. Denn während der insgesamt dreijährigen Ausbildungszeit erleben sie Einblicke in diverse Bereiche der Pflege: Mehrere Stationen bei der OSK gehören dazu, die Reha der Fachkliniken, ambulante Dienste, die Psychiatrie des ZfP, Altenheime und auch das Wangener Hospiz.

Daher können sie inzwischen auch auf Grundlage eigener Erfahrungen landläufigen Vorurteilen widersprechen. Viele verbänden Pflege ausschließlich mit dem Waschen alter und kranker Menschen, sagt Mayra Zauner. Das sei doch eklig, heiße es dann. Dabei sei Pflege so viel mehr. Und: „Waschen ist nicht eklig.“ Deshalb sagt Niklas Wolff: „Viele haben ein falsches Bild von unserem Beruf.“

Wie sich die Vier selbst schützen

Ehre, Vielfalt und die Arbeit mit Menschen: Das sind die wesentlichen Stichworte, die die vier angehenden Pflegekräfte bei der Frage zur Motivation nennen. Doch ist deshalb alles positiv? Spielt Geld keine Rolle? „Die Bezahlung bessert sich deutlich“, sagt Niklas Wolff. Franziska Müller meint dagegen, sie könnte besser sein.

Okay, aber was ist mit dem Stress? „Am Anfang der Ausbildung konnte ich nicht abschalten“, gibt Mayra Zauner zu. Stimmen Rückhalt in der Familie und bei Freunden, „dann kommt man damit besser klar“, sagt Franziska Müller. Wenngleich der direkte Wechsel zwischen Früh– und Spätdienst „einen manchmal fertig macht“. Amely Weiß hat dazu einen Ratschlag: „Man muss auf sich selbst achten.“ Eigenschutz ist also wichtig bei der Hilfe für andere. Beispielhaft nennt sie, bei der Arbeit stets auf eine Rücken schonende Haltung zu achten.

„Verlustquote“ ist gestiegen

Dass nicht alle mit diesen Härten und Unbilden des Pflegeberufs klar kommen, liegt dennoch auf der Hand. Das lässt sich an Zahlen belegen. Der Jahrgang von Müller, Weiß, Zauner und Wolff ist mit 25 jungen Auszubildenden gestartet, jetzt sind es nur noch 15, berichtet Dorothee Maurer, Leiterin der Pflegeschule am Engelberg. Nicht alle schaffen die Prüfungen, andere bestehen die Probezeit und manche merken schnell, dass der Beruf doch nicht passt, berichtet das Quartett.

Unterm Strich sei die „Verlustquote“ aktuell etwas höher als in früheren Jahren. Und sie nennt Gründe: Corona, Impflicht und gestiegene Anforderungen durch die generalistische Ausbildung. Das schrecke Interessenten schon vorher ab, was sich auf die Bewerberzahl auswirke. Ins Gewicht falle zudem der Mangel an Absolventen des Freiwilligen Sozialen Jahres — und natürlich die Abschaffung des Zivildiensts.

Groteske Szene in der Altenpflege

Franziska Müller, Amely Weiß, Mayra Zauner und Niklas Wolff sind indes mit Leidenschaft bei der Sache. Für sie alle ist deshalb klar, nach geschaffter Lehre im Pflegebereich bleiben zu wollen — obwohl auch sie manchmal Frust über die Bedingungen schieben, vor allem in der Altenpflege.

Besonders dort fehle es an Leuten und das macht sie traurig. „Die Bewohner leiden unheimlich darunter“, erzählt Mayra Zauner. Der Alltag der Senioren sei oft furchtbar eintönig, hat Franziska Müller beobachtet. Doch der Mangel an Personal lasse den persönlichen Kontakt oft nicht zu: „Man kann sich für die Menschen keine Zeit nehmen.“ Der entstehende Stress führe zwangsläufigen Fehlern — und hat bisweilen groteske Folgen. Von denen erzählt beispielhaft Amely Weiß: Um die überlastete Frühdienst zumindest etwas aus der Zeitnot zu befreien, übernehme manchmal der Nachtdienst das Waschen der alten Menschen: morgens um vier.

Klare Forderung an die Politik

„Die Altenpflege wird vernachlässigt“, schlussfolgert Niklas Wolff aus Erlebtem. Und sie ist schlechter bezahlt als andere Bereiche. Das hat auch die Politik erkannt, wie unlängst beim „Pflegegipfel“ des CDU–Bundestagsabgeordneten Axel Müller in Ravensburg deutlich geworden ist. Dort kündigte Claudia Moll (SPD), Pflegebeauftragte der Bundesregierung übrigens an, das die generalistische Ausbildung auf den Prüfstand komme.

Ziel ist es, den Beruf wieder attraktiver zu machen. Für Franziska Müller, Amely Weiß, Mayra Zauner und Niklas Wolff hat er längst seinen Reiz. Und sicher würde es nicht nur sie freuen, wenn die nächsten Jahrgänge an der Wangener Pflegeschule wieder stärker würden. Dennoch raten sie davon ab, sich „blind“ in die Ausbildung zu werfen. Vorangehen sollte mindestens ein längerfristiges Praktikum oder besser noch ein freiwilliges soziales Jahr oder den Bundesfreiwilligendienst zu absolvieren — damit man weiß, worauf man sich einlässt. Und dann werden die Vier politisch. Denn unisono sagen sie: Ein soziales Jahr sollte für jede junge Frau und jeden jungen Mann in Deutschland zur Pflicht werden.