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111 Jahre Noch-Modellbau: Wie die Wangener mit kleinen Figuren ganz groß wurde

Wangen / Lesedauer: 5 min

Wangener Firma Noch feiert 111. Geburtstag – Traditionsunternehmen für Modelllandschaftsbau
Veröffentlicht:25.05.2022, 09:00
Aktualisiert:25.05.2022, 09:52

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Kopulierende Paare, Märchenfiguren und natürlich alles für eine perfekte Modellbahn-Anlage – die Produktpalette der Firma Noch ist schier unendlich. Aus rund 2000 Einzelteilen können Bastel-Begeisterte auswählen und ihre eigene kleine Welt zu Hause erschaffen. Jetzt feiert das Wangener Traditionsunternehmen 111. Geburtstag und lädt am 27. und 28. Mai zum „Schnapszahl-Jubiläum“.

Gründervater begann mit Klempnerei

Dabei war dem Gründervater Oswald Noch der langjährige Erfolg zu Beginn im Jahr 1911 keinesfalls in die Wiege gelegt. Zunächst gründete er in Sachsen die Klempnerei Noch. Sein Sohn Erich, nach dem inzwischen auch die Zufahrtsstraße zum Lager in Wangen benannt ist, baute das Geschäft aus und begann mit dem Modellbau.

Wegen Verstaatlichung aus der DDR geflohen

Krieg und Nachkriegszeit hinterließen auch bei der Firma Noch ihre Spuren. „Wir landeten in Sachsen mit dem Unternehmen ja in der früheren DDR und dort wollte man uns verstaatlichen“, erzählt Rainer Noch, der die Firma in der vierten Generation führt. Das wollte man bei Noch nicht mitmachen und plante die Flucht in den Westen.

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„Meine Oma hat zig Päckchen mit Mustern und Produkten in den Westen geschickt, um sie vor dem Zugriff zu retten, ein Drittel davon wurde abgefangen“, erzählt Rainer Noch. Alle schweren Maschinen blieben in der DDR als die Familie 1956 zunächst nach Maisach bei München flüchtete. Die Nochs mussten ganz neu anfangen.

1961 in Wangen angekommen

Schon damals brauchte man Platz für die Produktion und Kredite für den Neuanfang, beides fand die Familie 1961 in Wangen. „Mein Großvater und Vater waren beide begeisterte Alpinisten und sie wollten so nah wie möglich an den Bergen sein“, erinnert sich der Geschäftsführer. Auch deshalb bot sich Wangen als Standort an.

„Wir haben tatsächlich am heutigen Standort als Familienbetrieb begonnen, in dem zum Beispiel auch die Schwester meines Vaters mitgearbeitet hat“. Nach und nach entwickelte sich die Firma zu dem, was sie heute ist: ein Betrieb mit rund 100 Beschäftigen und 20 Heimarbeitenden in und um Wangen und einem Tochterbetrieb in Vietnam mit nochmals 160 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Dort entstehen mittlerweile 40 Prozent der Wertschöpfung des Unternehmens.

Ganze Themenwelten, von Hand gefertigt

Die Beschäftigten sind es, die die Bahnbauarbeiter mit Sound, die Winterbäume, die Gelände-Variationen für den Modellbau oder die Themenwelten entwickeln, fertigen und vielfach von Hand bemalen oder färben. Und so gibt es inzwischen neben Standard-Artikeln wie die Grasmatte, die man am laufenden Meter kaufen kann, ebenso wie die mit Chip ausgestatteten Figuren oder Gegenstände, die passende Töne von sich geben.

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„Die Digitalisierung hat auch bei uns Einzug gehalten und zwar in Form von Sound und Bewegung sowie über Online-Kommunikation, etwa YouTube, Instagram und Online-Vertriebswege“, erzählt der zweite Geschäftsführer bei Noch, Sebastian Topp . Er ist seit einigen Jahren auch Teilhaber im Unternehmen. Auch in der Produktion sind digitale Helfer im Einsatz. 3-D-Drucker fertigen einen Teil der kleinen Figuren selbstständig. Im automatisierten Lager arbeiten zehn Roboter, sogenannte Shuttles, die die Produkte zum Versand befördern.

Liebespaar durfte nicht auf die Messe

Mitunter erleben die beiden Firmenleiter bei ihrer Arbeit auch komische Situationen. „Die kopulierenden Liebespaare durften wir nicht mit auf einen Messestand bringen, das wurde als Pornografie eingestuft“, schmunzelt Rainer Noch.

Jedes Jahr bemühen sich die Macher bei Noch um etwas Neues im Sortiment. So entstanden etwa die Märchenfiguren, ein fluoreszierendes Geisterhaus oder auch die Themenwelt Rockkonzert, die man mit dem eigenen Handy koppeln kann. Die Werkstoffe der Firma sind dabei Viskose, Pappe und Papier, verschiedene Kunststoffe – und seit einiger Zeit eben auch Chips. „Wir möchten für die ganze Familie attraktiv sein“, so Geschäftsführer Noch. Daher habe man eine breite Produktpalette geschaffen und sich damit immer weiter ausdifferenziert und biete inzwischen auch Eltern-Kind-Bastelseminare an.

Probleme in Vietnam

Die Corona-Pandemie sorgte in den letzten beiden Jahren auch bei Noch für einiges Kopfzerbrechen. Zwar stieg zunächst die Nachfrage, „weil sich viele im Lockdown wieder auf dieses Hobby besonnen haben“, so Sebastian Topp. Der Standort in Vietnam war allerdings vier volle Monate im Lockdown, „das müssen wir erst einmal wieder aufholen“.

Von großen Lieferproblemen

Seit zwei Jahren konnte die Firmenleitung nicht mehr in der Produktionsstätte in Südostasien nach dem Rechten sehen. „Da wird einem schon mulmig“, bekennt Rainer Noch. Im Moment seien die Lieferprobleme die größten. Es dauere mitunter bis zu sechs Monate, bis ein Container mit Ware in Deutschland anlandet. Und es vergehe kaum eine Woche ohne Ankündigung von Preiserhöhungen der Lieferanten. Von all dem hängt ab, ob Noch schwarze oder rote Zahlen schreibt. Doch die Geschäftsführung gibt sich vorerst noch optimistisch. „Wir arbeiten daran, dass wir führender Hersteller beim Modelllandschaftsbau bleiben.“