StartseiteRegionalRegion AllgäuWangenKommunalpolitiker: Beim Bauernprotest wurden „rote Linien“ überschritten

Unrat vor der Haustür

Kommunalpolitiker: Beim Bauernprotest wurden „rote Linien“ überschritten

Wangen / Lesedauer: 3 min

Gummistiefel & Co. vor der Haustür: Drei junge Wangener wurden selbst zur Zielscheibe. Weshalb sie die Aktion verurteilen - sich aber auch nicht einschüchtern lassen wollen.
Veröffentlicht:28.12.2023, 05:00

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Der Bauernprotest gegen die Pläne der Bundesregierung, Vergünstigungen wie die Steuerfreiheit von Agrardiesel zu streichen, schlägt weiter Wellen - vor allem die Aktion, vor den Privatwohnungen Wangener Kommunalpolitiker Gummistiefel, Latzhosen und Plakate zu hinterlassen.

Die Betroffenen melden sich jetzt selbst zu Wort, äußern zwar inhaltlich Verständnis für die Anliegen der Landwirte, kritisieren aber deutlich deren Vorgehen.

„Ich war erst einmal geschockt“

Rebecca Mennig, Matthias Hermann, Franziska Schließer sind mehrere Dinge gemein: Mit einem Alter von Anfang bis Mitte 30 sind sie jung und tragen aber bereits politische Verantwortung: Menig als Vorsitzende des Grünen-Ortsverbands Wangen, Amtzell, Achberg, Schließer und Hermann bilden die Doppelspitze der Wangener SPD.

Und sie waren alle drei persönliches Ziel der Bauernproteste am Vorweihnachtswochenende, als nicht nur vor dem Grünen-Büro in der Ravensburger Straße, sondern auch vor ihren Wohnungen in der Berger Höhe beziehungsweise in der Gegend um den Waldhofplatz Stiefel und andere Dinge abgelegt worden waren.

Jetzt reagiert das Trio auf den Vorfall und sagt: Damit sei eine „rote Linie“ überschritten worden. „Ich war erst einmal geschockt. Jetzt wissen die, wo ich wohne. Was kommt als Nächstes?“, erzählt Franziska Schließer von ihren Gedanken, als sie an jenem Samstag vor rund anderthalb Wochen die Gegenstände vor ihrer Haustür vorfand. Auch Matthias Hermann und Rebecca Mennig werten die Aktion als Einschüchterungsversuch. „Es stellt sich die Frage, wohin entwickelt sich unsere Gesellschaft?“, so der SPD-Vorsitzende. Er erkennt die klare Tendenz, immer mehr auseinanderzudriften statt miteinander zu reden.

Offenbar im Internet ausfindig gemacht

Die gegen sie gerichtete Aktion zählen sie zweifelsohne dazu, zumal alle drei kein Mandat im Wangener Gemeinderat haben und schon gar nicht Entscheidungsträger im Bundestag sind. Und über das Thema geredet habe mit ihnen auch keiner aus den Kreisen der Landwirte.

Aber wieso wurden ausgerechnet vor ihren Türen die Gegenstände hinterlassen? Darüber kann das Trio nur mutmaßen. Wahrscheinlich sei aber, dass sie als Funktionsträger ihrer Parteien im Internet ausgemacht worden seien.

Die Probleme und die Kritik der Landwirte an den Sparbeschlüssen der Koalition verstehen Franziska Schließer, Rebecca Mennig und Matthias Hermann hingegen nur zu gut: „Das Thema muss man sich nochmal ansehen“, sagt zum Beispiel die Grünen-Vorsitzende. Hermann spricht von einem „absolut schlechten Kompromiss“.

Und Schließer fordert mehr Wertschätzung für die Bauern. Nicht nur deshalb, sondern auch generell hätten diese - wie alle anderen - jedes Recht zu demonstrieren. Gegen den an jenem Wochenende ziehenden Konvoi von 40 Traktoren haben sie deshalb überhaupt nichts einzuwenden.

Gibt es Parallelen zu „Klimaklebern“

Wohl aber verurteilen die jungen Kommunalpolitiker persönliche Angriffe. Das sei gefährlich, ganz gleich, wen es trifft. So wie 2020 in härterem Maße den mit klar verfassungsfeindlichen Redebeiträgen aufgetretenen Organisatoren einer Demo gegen die Corona-Maßnahmen. Unbekannte hatten im Nachgang großflächig dessen Haus in Wangen mit Parolen beschmiert.

Franziska Schließer erklärt dazu: „Sachbeschädigung bleibt Sachbeschädigung.“ Die Aktionen der so genannten „Klimakleber“ beurteilt Rebecca Mennig indes anders. Der Vergleich etwa mit der gegen sie gerichteten Aktion hinke: „Das ist eine Vermischung von verschiedenen Dingen.“

Gespräch statt Gummistiefel

Sie selbst, wie auch Franziska Schließer und Matthias Hermann, wollen sich durch Gegenstände vor ihrer Haustür nicht einschüchtern lassen und politisch weitermachen. „Wir bleiben aktiv und setzen auf Dialog“, kündigt Rebecca Mennig an. Franziska Schließer macht ein direktes Gesprächsangebot - nicht nur Landwirten: „Eigentlich ist es eine gute Idee, auf die ortsansässigen Politiker zuzugehen.“

Sie verstünden sich als Sprachrohr, gäben Probleme an Mandatsträger weiter - und erhielten von diesen auch ein Echo, berichtet sie von Erfahrungen in der eigenen Partei. Dafür braucht es aus Sicht des Trios aber eines: das Gespräch - und keine Gummistiefel.