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Kampf um G9 geht in die nächste Runde

Wangen / Lesedauer: 4 min

Der Kampf um die Rückkehr zum neunjährigen geht weiter: Jetzt soll eine Online-Petition den Druck auf die Politik erhöhen - eine Mitbegründerin kommt aus Amtzell im Landkreis Ravensburg.
Veröffentlicht:29.03.2018, 18:32

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Der Kampf für eine Rückkehr zum flächendeckenden neunjährigen Gymnasiums geht weiter. Ende März hat die Initiative „G9 jetzt! BW“ eine neue, landesweite Online-Petition gestartet und will so den Druck auf die Politik erhöhen. Mitbegründerin Corinna Fellner aus Amtzell (Kreis Ravensburg) fordert generell: „Wir müssen auch Gymnasialkindern mehr Zeit geben Kind zu sein und dürfen nicht den Tag durchtakten wie bei Managern.“

Diverse Bundesländer haben mittlerweile wieder auf ein neunjähriges Gymnasium umgestellt, zuletzt Bayern, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. In Baden-Württemberg gibt es derzeit 44 G9-Modellschulen, in vielen wird ein G8-Zug schon nicht mehr angeboten – wegen mangelnder Nachfrage. Für Corinna Fellner ist auch dies ein Zeichen dafür, dass die Mehrzahl der Eltern den neunjährigen Weg zur Hochschulreife dem Turbo-Abi vorziehen. Denn: „Bei der Einführung von G8 gab es keinerlei pädagogischen Nutzen.“

Themen werden gekürzt oder gar nicht unterrichtet

Manche Themen würden wegen des straffen und gekürzten Lehrplans entweder gar nicht, nur unzureichend oder in einem falschen Alter unterrichtet. Viele Abiturienten seien dann gar nicht „studienreif“, nähmen zunächst einmal eine Auszeit oder legten ein Vorsemester an der Uni ein. Zudem würden bis zu 38 Wochenstunden und dreimal Nachmittagsunterricht bei Mittelstufenschülern mitten in der Pubertät nur wenig Raum für andere Dinge lassen. „G8 ist nur noch Reinpressen in den Kopf, hängen bleibt da zu wenig“, so Fellner. Und: „Mit einem neunjährigen Gymnasium hätten die Kinder mehr Zeit fürs Lernen, Wiederholen und fürs Reifen – vor allem fürs außerschulische Reifen.“

Die Amtzellerin spricht aus eigener Erfahrung, ihre Tochter besucht derzeit die siebte Klasse eines Gymnasiums in der Region. „Sie kommt mit dem Stoff zwar zurecht, die Noten passen soweit, aber sie hat mit Musik aufgehört, um ihre Freizeit nicht noch mehr zu beschneiden“, sagt die 47-jährige Mutter. Zwei- bis dreimal Sport in der Woche sei nicht vorstellbar: „Vor allem nicht als Kind, das mit dem Bus zur Schule fahren muss.“

21.000 Unterstützer müssen unterzeichnen

Für Fellner ist es einfach „ungerecht“, wenn gymnasiumtaugliche Kinder G8 machen müssen. Denn für sie würden die von der Politik empfohlenen, neunjährigen Wege zur Hochschulreife keine wirkliche Alternative darstellen: „Viele Kinder mit einer Gymnasialempfehlung sind in der Realschule unterfordert, auf der anderen Seite bleibt für die Schüler, die sich mit dem G8 wirklich schwer tun, die Tür für einen Wechsel auf ein berufliches Gymnasium zu einem späteren Zeitpunkt meist verschlossen.“

Genug Gründe für Corinna Fellner und ihre Mitstreiterin bei „G9 jetzt! BW“, Anja Plesch-Krubner aus Heidelberg, den Kampf für eine Rückkehr zum flächendeckenden neunjährigen Gymnasium zu forcieren. Die landesweite Online-Petition auf der Plattform „openPetition“ ist vor wenigen Tagen gestartet.

+++ Hier geht es zur Petition

Mindestens 21 000 Unterstützer müssen hier unterzeichnen, um Wirkung zu erzielen. „Wir hoffen natürlich auf wesentlich mehr Stimmen und dass sich dann auch die Politik damit beschäftigt.“

Offener Brief an Kultusministerin Eisenmann

Einen offenen Brief an Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hat sie ebenfalls kürzlich verschickt. „Eine Beantwortung wird zeitnah erfolgen“, sagt ein Ministeriumssprecher und erklärt, dass es einen solchen Briefwechsel bereits im vergangenen Jahr gegeben habe. An Eisenmanns Linie ändere sich aber nichts. Die grün-schwarze Regierung samt ihrer Fraktionen haben sich darauf verständigt, an dem Modellversuch mit landesweit 44 G9-Gymnasien festzuhalten. Der Versuch wurde jüngst um fünf Jahre verlängert. Der Sprecher wehrt sich gegen Fellners Vorwurf, dass Schulen „aus Kapazitätsgründen“ den Modellversuch beendet hätten, wie sie in ihrem Brief schreibt. „Eine Schule hat nach Entscheidung der Schulgemeinschaft den Modellversuch von sich aus beendet und kehrt nun aus pädagogischen Gründen zu G8 zurück“, betont der Ministeriumssprecher mit Verweis auf das entsprechende Gymnasium in Mannheim.

Corinna Fellner will trotzdem nicht aufgeben. Die Initiative „G9 jetzt! BW“ sei auf Facebook aktiv und biete auf ihrer Homepage eine Mailaktion, mit der man auch vorformulierte Schreiben direkt ans Ministerium schicken kann: „Steter Tropfen höhlt den Stein.“