Großtagespflege

Wegen zu viel Personal: „Ema’s Kinderparadies“ schließt die Großtagespflege

Wangen / Lesedauer: 8 min

Großtagespflege schließt Ende August 2023 – Rahmenbedingungen „nicht umsetzbar“ – Das sind die Gründe und Folgen
Veröffentlicht:01.11.2022, 19:00
Aktualisiert:02.11.2022, 13:25

Von:
Artikel teilen:

Diesmal scheint der Entschluss endgültig: „Ema’s Kinderparadies“ wird spätestens Ende August 2023 schließen. Darüber hat Margret Endraß, Betreiberin der Großtagespflege in Mosers bei Niederwangen, unlängst alle Beteiligten informiert.

Als Hauptgrund für ihre Entscheidung nennt sie die „nicht umsetzbaren Rahmenbedingungen“. Die Stadt Wangen , die nun nach Plätzen für weitere unter Dreijährige schauen muss, bedauert das angekündigte Aus der Betreuungseinrichtung.

Anfang 2018 stand „Ema’s Kinderparadies“ schon einmal vor der Schließung. Damals steckte die 2008 eröffnete, private Betreuungseinrichtung in finanziellen Schwierigkeiten, weil die Zuschüsse aus öffentlicher Hand nicht alle Betriebskosten berücksichtigten und so den monatlichen Bedarf nicht mehr deckten.

Zwar erhöhte die Stadt Wangen daraufhin ihren Zuschuss deutlich, an den schwierigen Rahmenbedingungen der Großtagespflege habe sich jedoch wenig geändert, sagt Margret Endraß.

Es werde weiter nur die „Zeit am Kind“ bezahlt, Bürostunden, Besprechungszeit oder Reinigung würden dagegen nicht berücksichtigt. Ebenso der Aufwand für Fortbildungen, deren Auflagen verschärft worden seien.

Ganz zu schweigen vom gestiegenen Mindestlohn und den durch Corona erhöhten Hygiene-Anforderungen. „Was die Rahmenbedingungen in der Großtagespflege betrifft, fühle ich mich ausgenutzt“: So gibt Endraß das Stimmungsbild unter ihren Tagesmüttern wieder.

Article Image
Margret Endraß (Foto: vsti/Schwäbische.de)

Mitte 2021 flatterte dann von der Diakonie eine neue Kooperationsvereinbarung ins Haus, mit der die geltende Verwaltungsvorschrift des Landes umgesetzt werden soll und die alle Tagesmütter unterschreiben müssen.

Der Kernpunkt, um den es bei allen folgenden Gesprächen zu „Ema’s Kinderparadies“ ging: Es dürfen maximal vier Pflegepersonen in einer Großtagespflege arbeiten, zwei hauptsächliche Tagesmütter und eine dritte und vierte Person als Vertretung. Damit soll die Kindertagespflege den Charakter als „familienähnliche“ Betreuungsform beibehalten, die von einer „höchstpersönlichen Zuordnung der Kinder zu einer Pflegeperson“ gekennzeichnet ist.

Fünf Pflegekräfte sind nach Vorschrift eine zu viel

In „Ema’s Kinderparadies“ arbeiten neben Margret Endraß und ihrer Stellvertreterin aber noch drei weitere Tagesmütter als Minijoberinnen, zusammen mit einem Stellenumfang von weniger als 300 Prozent. Es gibt einen geregelten Tagesablauf, eine pädagogische Zuordnung der Kinder, und die drei Aushilfskräfte vertreten sich gegenseitig.

Endraß kann so jeden Werktag zwischen 7 und 13.30 Uhr ein „gutes Betreuungsfenster“ für Familien anbieten und ist überzeugt: „Das sehr klare und strukturierte System sorgt für eine extrem zuverlässige Betreuungsqualität.“

Mit der Anstellung von anderen Tagesmüttern seien diese aber auch ans Arbeitsrecht gebunden, dürften also maximal acht Stunden am Tag arbeiten und müssten nach sechs Stunden eine Pause einlegen. „Das ist mit der geforderten, höchstpersönlichen Zuordnung aber nicht vereinbar“, so Margret Endraß.

Lesen Sie hier den Kommentar "Eine Aufgabe für die Politik" von Bernd Treffler:

Bleibt das Problem, dass die Zahl von fünf Tagespflegekräften laut Vorgabe eine zu viel ist. Andere Landkreise würden weniger Personen zulassen, sagt dazu der Ravensburger Jugendamtsleiter Michele Sforza und spricht von einer „großzügigen Auslegung“: „Mit den maximal vier Kräften wollen wir in der Tagespflege eine höhere Flexibilität und mehr Gestaltungsfreiraum ermöglichen, aber auch den Unterschied zu anderen Betreuungsformen aufrecht erhalten.“

Die geforderte „höchstpersönliche Zuordnung“ sieht Sforza bei fünf Pflegepersonen nicht mehr gewährleistet, und es gebe Landeszuschüsse, die genau darauf abzielten. Eine Großtagespflege sei eben keine Kita, sie solle vielmehr ein „familienähnlicher Hort für Kinder“ sein.

Man hätte „Ema’s Kinderparadies“ auch bei dem Umstellungsprozess auf vier Betreuungskräfte begleitet, habe angeboten, einen Wirtschaftsprüfer an die Seite zu stellen, und die Diakonie als Vermittlungsstelle einzubeziehen. Das sei aber alles nicht für hilfreich eingestuft und abgelehnt worden.

„Enormen Eingriff“ für das Kinderparadies

Denn: Ihr Personal um eine Pflegeperson zu reduzieren, betrachtet Margret Endraß als „enormen Eingriff“ für ihr Kinderparadies. Die Betreuungszeiten müssten reduziert werden, Qualitätsstandards wie individuelles Training müssten gekürzt werden und die Verlässlichkeit der Betreuung könne nicht aufrecht erhalten bleiben, so die Betreiberin in einem Brief an die Eltern.

Sollten Tagesmütter krank werden, müssten Kinder nach Hause geschickt werden, so Endraß weiter. Und fasst zusammen: „Die Qualität sinkt und der Stressfaktor steigt.“

Den Frust kann Ingrid Franke nachvollziehen. Die Lehrerin hat aktuell das jüngste ihrer drei Kinder bei Margret Endraß in Betreuung und kann die Argumentation der Behörden nicht nachvollziehen. Die Auflagen und Verpflichtungen bezeichnet Franke als kränkend und verletzend.

Die Stärkung von Beziehungen und Bindungen, die in Familien von zentraler Bedeutung seien, seien in „Ema’s Kinderparadies“ ein „zentrales Qualitätsmerkmal“. „Es gibt doch nicht Besseres als ein funktionierendes, harmonierendes Team“, sagt die Mutter. „Die Kontinuität in der Betreuung ist es, was den Kleinen Sicherheit gibt. Ob das vier oder fünf Personen sind, spielt doch keine Rolle.“

Ingrid Franke kritisiert zudem die fehlende finanzielle Unterstützung der Großtagespflege und die „wenig wertschätzende Art der Zusammenarbeit“: Für sie ist das Aus von „Ema’s Kinderparadies“ angesichts des aktuellen Mangels an Fachkräften und Betreuungsplätzen „doppelt bitter“: „Kann man sich so eine Schließung heutzutage überhaupt leisten? Und wo ist hier der Weitblick?“

Betrieb soll bis Ende August 2023 auslaufen

Der Blick voraus geht bei Margret Endraß nun bis zum 31. August 2023 – nachdem in den vergangenen Monaten bei diversen Gesprächen, nach regem Mailverkehr und einem runden Tisch, an dem auch die Wangener Verwaltung teilnahm, keine einvernehmliche Lösung zustande gekommen war.

Die geforderte Reduzierung des Personals lehnt Endraß weiter ab, das Angebot des Jugendamts, nur mit dem bestehenden Personalstamm bis mindestens Ende August nächsten Jahres weitermachen zu können, hat sie aus Gründen der Planungssicherheit angenommen.

Das bedeutet: Die Betreuung in „Ema’s Kinderparadies“ soll nun bis zum Ende des Kindergartenjahrs 2022/23 auslaufen. Die Eltern mit Kindern auf der Warteliste sind bereits informiert. Je nach Kinderanzahl – momentan sind es noch neun unter Dreijährige – will Endraß nach und nach ihrem Personal kündigen.

Zu Ende gehen dürfte damit auch die Kooperation mit der Stadt Wangen, wo das Bedauern über das Aus des Kinderparadieses groß ist. „Die Großtagespflege ist ein wichtiger Baustein für die Bildung und Betreuung gerade der unter Dreijährigen“, sagt Verwaltungsdezernentin Astrid Exo. „Es wäre nicht einfach, für diese Plätze Ersatz zu schaffen.“

Andrea Feuerstein vom Fachbereich Jugend, Schule und Familie rechnet mit acht bis zehn U3-Kindern, für die nun Betreuungsplätze gesucht werden müssten. „Bis jetzt konnten wir jedes Kind unterbringen, wenn auch nicht zu jedem gewünschten Zeitpunkt und an jedem gewünschten Ort“, so Feuerstein. Hoffnung machten ihr hier auch die neuen Krippengruppen im Alten Spital und in Neuravensburg.

Gespräch zwischen Endraß und Stadt Mitte November

Dass in „Ema’s Kinderparadies“ wertvolle Arbeit geleistet wird, zumindest darüber scheinen sich alle Beteiligten einig zu sein: Eltern, Stadt, auch das Jugendamt. „Ich bedauere, dass Frau Endraß diesen Schritt geht“, sagt Michele Sforza. Er könne deren Konzept auch ein Stück weit nachvollziehen, da es „den individuellen Bedürfnissen der Eltern nachkomme“ und „eine Sicherheit bei der Betreuung“ gewährleiste.

Große Stücke auf „Ema’s Kinderparadies“ hält auch Raimund Haser. Vor dem Hintergrund, dass die Regelungen für einige Tagesmütter schon seit längeren problematisch seien, zeigt sich der CDU-Landtagsabgeordnete von der Entscheidung der Betreiberin „sehr überrascht“.

Eine Lösung könne hier aber „nur von oben kommen“, deshalb will sich Haser ans Kultusministerium wenden, „mit der Bitte, sich für eine Ermöglichung dieses speziellen Konstrukts einzusetzen“.

Die Stadt Wangen will er ebenfalls bitten zu prüfen, ob es „heilende Möglichkeiten gibt“: „Wir brauchen jeden möglichen Platz und Ema‘s ist ein wundervoller Ort für die Kinder.“ Anlass zur Hoffnung könnte hier auch ein Termin Mitte November sein. Bei einem Gespräch mit Margret Endraß soll laut Feuerstein unter anderem Thema sein, wie es vielleicht doch weitergehen könnte.

Was versteht man eigentlich unter Kindertagespflege?

„Die Kindertagespflege ist neben den Kindertageseinrichtungen eine wichtige Säule der Erziehung, Bildung und Betreuung im Land. Die Betreuungszeiten werden zwischen den Eltern und der jeweiligen Tagespflegeperson individuell abgestimmt. Die Flexibilität dieses familienähnlichen Kinderbetreuungsangebots ermöglicht eine bessere Vereinbarkeit zwischen Familie und Beruf. Insbesondere auch beim Ausbau der Betreuungsangebote für Kinder unter drei Jahren kommt der Kindertagespflege besondere Bedeutung zu.“

So steht es auf der Homepage des baden-württembergischen Kultusministeriums, das dazu im Frühjahr 2021 auch die nun geltende Verwaltungsvorschrift verfasst hat.

Demnach kann die Kindertagespflege im Haushalt der Tagespflegeperson oder in anderen geeigneten Räumen geleistet werden. Eine Tagespflegeperson darf dabei nicht mehr als fünf fremde Kinder gleichzeitig betreuen.

Schließen sich mehrere Tagespflegepersonen zusammen, spricht man von einer Großtagespflege, hier können höchstens neun Kinder gleichzeitig betreut werden. Jede dieser Pflegepersonen muss eine entsprechende Qualifizierung vorweisen.

Kindertagespflege bietet viel Raum für individuelle Förderung. Besonders kleine Kinder fühlen sich in dem überschaubaren familiären Rahmen wohl und wachsen mit anderen Kindern unterschiedlichen Alters gemeinsam auf, heißt es in der Verwaltungsvorschrift weiter.

Stärken der Kindertagespflege gegenüber der Kindertageseinrichtung liegen in der größeren Flexibilität der Betreuungszeiten, der kleineren Gruppe, der intensiveren Zuwendung der Betreuungsperson und der familiären Umgebung.

Im Landkreis Ravensburg arbeiten derzeit 168 Tagespflegepersonen. Hiervon ist ein Teil in den zwölf Großtagespflegestellen tätig. Insgesamt werden 450 Kinder in der Tagespflege betreut, wie das Jugendamt weiter mitteilt.

„Ich bin jeder Tagespflegeperson im Kreis dankbar, die mit ihrer Arbeit auch eine Alternative für die herkömmliche Kinderbetreuung schafft, und jeder Kommune, die dieses Engagement unterstützt“, sagt der Ravensburger Jugendamtsleiter Michele Sforza. Von der öffentlichen Hand wird jede Tagesmutter mit 6,50 Euro pro Stunde und Kind bezuschusst, der Mindestlohn ist mittlerweile auf zwölf Euro gestiegen.