Zurechtlegung

Eine Siedlung für Heimatvertriebene

Wangen / Lesedauer: 5 min

Teil 20 der Serie zum Stadtjubiläum „1200 Jahre Wangen“ - Heute: Entstehung der Wittwais-Siedlung
Veröffentlicht:16.12.2015, 19:28
Aktualisiert:23.10.2019, 20:00

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Dass die Wittwais-Siedlung ihren Namen davon ableitet, dass hier früher städtische Grundstücke zur Versorgung von Witwen und Waisen gelegen sein sollen, ist eine irrige Zurechtlegung der 1950er-Jahre, die aber ganz gut zum Charakter dieser großen Wangener Flüchtlings- und Vertriebenensiedlung passt. Bei der historischen Wittwais handelt es sich um ein im 19. Jahrhundert verschwundenes Hofgut in der Nähe der Ölmühle, das heute von Wald überwuchert ist, einst aber inmitten eines freien Areals stand.

Von diesem Hofgut aus wurden die in der Nähe gelegenen städtischen Kalkbrennöfen betrieben. Der Name „Wittwais“ könnte mit der Kalkgewinnung an diesem Ort zusammenhängen. Dagegen ist das Areal, auf dem 1950 die Wittwais-Siedlung entstand, als das historische „Neuhaus“ zu fassen. Dies war eine um 1590 an den Stadtrand gebaute städtische Armenfürsorge-Einrichtung, die ebenfalls im 19. Jahrhundert abgegangen war.

Die Wittwais-Siedlung war im Jahr 1950 aus der Notwendigkeit heraus entstanden, dass die Stadt Wangen nach dem Zweiten Weltkrieg ein Kontingent von mindestens 800 Heimatvertriebenen aus anderen Bundesländern aufzunehmen hatte. Die Zuweisung erfolgte auf der Grundlage einer bundesweiten Ausgleichsregelung, nachdem sich die französische Zone zunächst geweigert hatte, Flüchtlinge aufzunehmen. Abgabeländer waren ausschließlich Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Bayern.

Aufgrund seiner Beziehungen zu den Tübinger Stellen konnte Bürgermeister Uhl die Auswahl der zuziehenden Personen mitbestimmen. Uhl achtete darauf, dass die Menschen für Wangen „eine Bereicherung darstellen“. Eine Patenschaft der Stadt Wangen mit den aus Stadt und Kreis Hirschberg im Riesengebirge Vertriebenen bestand zwar nur für kurze Zeit, führte aber dazu, dass sich viele Schlesier aufgrund persönlicher Kontakte um die Ansiedlung in der Wittwais bemühten. Es kamen aber auch Ostpreußen, Pommern, Sudetendeutsche und Deutsche aus Ungarn, Rumänien und Jugoslawien und aus anderen Herkunftsgebieten. Die Zahl der Heimatvertriebenen in Wangen stieg von 1948 bis 1958 von 514 auf 2275 an. Der Anteil der Vertriebenen zur Gesamtbevölkerung belief sich im Jahr von 1958 auf 18 Prozent. Im Jahr 1961 war die Umsiedlungsaktion der Heimatvertriebenen abgeschlossen. Gegenüber dem Jahr 1950 hatte Wangen nun eine um 26,5Prozent höhere Einwohnerschaft.

Konfessionelle Gründe spielten bei der Auswahl der Ansiedler keine Rolle. Auf eine gewisse Proportion der Konfessionen wurde jedoch geachtet. So kam es, dass der Anteil der Evangelischen auf nahezu 20 Prozent der Wangener Bevölkerung anstieg, und dass sich in der Wittwais-Siedlung überproportional viele evangelische Familien ansiedelten, während die Altstadt zu über 90 Prozent katholisch war. Die Stadt stellte Bauplätze für die Kirchen beider Konfessionen zur Verfügung und förderte den Bau der Kirchen. Zum Ausgleich für Einheimische, die mit Wohnungsnot und anderen Lasten der Nachkriegsjahre zu kämpfen hatten, wurde die Praßberg-Siedlung mit Schule und Kirche und die Berger Höhe ausgebaut und weitere Baumöglichkeiten in der Wittwais auch für die einheimischen Bewerber geöffnet.

Die Wittwais-Siedlung entstand auf der grünen Wiese „auf der Haid“. Bei der Ravensburger Straße waren dort seit 1929 einige wenige Häuser entstanden. Sie bildeten den Ausgangspunkt für den weiteren Aufbau der Siedlung. 1950 erstellte die Stadt einen Ortsbauplan für das Baugebiet Wittwais. Der Boden wurde nicht als Bauland, sondern als landwirtschaftliche Nutzfläche bewertet, da man die Siedlerstellen als landwirtschaftliche Nebenerwerbssiedlung mit ein bis zwei Nutztieren betrachtete.

So kamen die Häuser mit 7000 bis 8000 DM Zuschüssen auf eine Kaufsumme von 14000 bis 15000 DM. Die ersten Häuser der neuen Wittwais-Siedlung wurden ab Dezember 1950 errichtet. Einen Teil davon wurde von den Bauwilligen in Eigenregie erstellt. Den ersten Bauabschnitt eröffnete die Württembergische Landsiedlung am 25.6.1951 an der Wittwaisstraße. Das Richtfest für 48Wohnungen konnte am 8.9.1951 gefeiert werden. Seit Herbst 1952 errichtete die Württembergische Heimstätte Doppelhäuser an der Sudetenstraße und im Juni 1953 baute die Baugenossenschaft im Auftrag der Stadt Wangen zehn Wohnungen für Räumungsschuldner in der Absicht, die Behelfssiedlung in den Auwiesen aufzulösen zu können.

Einwohner gestalteten je nach Herkunft die Siedlung

Im Jahr 1953 bekamen die Straßen des Baugebietes ihre Namen: Sie erinnerten fortan an die Herkunftsgebiete der Vertriebenen: Sudetenstraße, Masurenstraße, Boberweg, Katzbachweg, Rübezahlweg, Siebenbürgenstraße, Banatstraße, Oderstraße, Donaustraße, Memelstraße. Die Namen führen noch heute das ganze Ausmaß der Vertreibung der Deutschen vor Augen. Mit der Besiedlung dieser Straßen vor allem mit Schlesiern wuchs die Siedlung von Jahr zu Jahr. Im Westen wurde der größte Teil der Häuser durch die Baugenossenschaft der Stadt Wangen erstellt. In der Banatstraße entstanden sogar mehrstöckige Wohnblöcke. Im Sommer 1962 zählte die Wittwais-Siedlung 1760 Einwohner. Die Wittwais-Siedlung war ein „echtes Kind seiner Zeit“. Die Einwohner gestalteten je nach Eigenart und Herkunft ihre Häuser und Gärten. Auch die Berufe waren bunt gemischt: Arbeiter, Handwerker aller Art, Angestellte, Gewerbetreibende, Unternehmer, Beamte, Lehrer, Rentner, aber auch freischaffende Künstler und Wissenschaftler.

Ganz ohne Spannungen ging es in den ersten Jahren nicht ab. Die größte Herkunftsgruppe in der Siedlung bildeten die Donauschwaben und der verächtliche Begriff der „Partisanensiedlung“ bezog sich vornehmlich auf sie. Diese Bezeichnung resultierte auch aus nicht verarbeiteten Kriegserfahrungen ehemaliger Soldaten auf dem Balkankriegsschauplatz. Als das Wort „Partisanensiedlung“ aufkam, drohte Bürgermeister Uhl mit Strafanzeige gegen jeden, der die Wittwais-Siedlung weiterhin so diffamierte. Zu einem guten Einvernehmen zwischen Einheimischen und Flüchtlingen trugen das reiche Vereinsleben und insbesondere auch die Siedlergemeinschaften bei.