Krise

EVG ist insolvent und wird zerschlagen

Wangen / Lesedauer: 3 min

Mitarbeitern wurde gekündigt – Filialen sind geschlossen – Zerschlagung ist geplant
Veröffentlicht:28.10.2016, 16:57
Aktualisiert:23.10.2019, 11:00

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Das Amtsgericht Memmingen hat am Freitag das Regelinsolvenzverfahren über die landwirtschaftliche Ein- und Verkaufsgenossenschaft in Erkheim (EVG) beantragt. Die 16 Filialen sind seit Donnerstag vorerst geschlossen und sollen einzeln verkauft werden. Den zuletzt 193 Mitarbeitern wurde am Freitag betriebsbedingt gekündigt. Der eingesetzte Insolvenzverwalter, der Memminger Rechtsanwalt Thomas Karg, macht den rund 10 400 EVG-Genossen wenig Hoffnung, ihre Anteile ausbezahlt zu bekommen.

„Die Finanz- und Strukturprobleme der EVG waren so tiefgreifend, dass sie in der Kürze der Zeit nicht in ausreichendem Maß beseitigt werden konnten. Trotz intensiver Bemühungen und einer Vielzahl von Gesprächen war kein Investor bereit, eine Gesamtlösung zu realisieren“, heißt es in der am Freitag veröffentlichten Mitteilung. Darin ergänzt Karg: „In den vergangenen Tagen hat sich immer deutlicher herauskristallisiert, dass allenfalls Einzellösungen möglich sind. Mein Ziel ist es nun, möglichst viele Filialen einzeln zu veräußern.“ Im Klartext heißt das: Die EVG soll zerschlagen werden.

„EVG hat keine Zukunft mehr“

Auf Anfrage erklärte der Insolvenzverwalter: „Die EVG hat in der jetzigen Konstellation als Genossenschaft keine Zukunft mehr.“ Das Einzugsgebiet mit Standorten weit in Bayern, aber auch im Raum Allgäu und Oberschwaben, sowie das Warenportfolio seien „sehr groß“.

Das „Aus“ für das Unternehmen zeichnete sich nach seiner Darstellung seit Anfang vergangener Woche ab. Bis dahin habe eine „Deadline“ für potenzielle Investoren gegolten – ohne Ergebnis. „Wir haben es lange versucht“, sagt der Rechtsanwalt. Für einen Weiterbetrieb sei die „Finanzmasse nicht mehr ausreichend“ gewesen. Seit August lief bereits die Insolvenz in Eigenverwaltung. Zuvor hatte es bereits Liquiditätsprobleme und Lieferschwierigkeiten gegeben.

Was die Veräußerung einzelner Standorte angeht, gibt sich Karg verhalten optimistisch. Für die von ihm so genannten „Insellösungen“ habe er „gute Hoffnung“. Allerdings gebe es auch hier noch keine unterschriftsreifen Angebote. Laut Mitteilung bleiben aktuell die Filialen geschlossen, „um die notwendigen Maßnahmen strukturiert vorzubereiten und den möglichen Interessenten ungestörten Zugang zu den einzelnen Geschäftsräumen zu ermöglichen“. Die Schließung werde ein bis zwei Wochen andauern.

Sortimentsbereinigung nötig

Als potenzielle Interessenten für EVG-Teile kämen laut Insolvenzverwalter Investoren aus verschiedenen Bereichen in Frage. Bei den landwirtschaftlichen Großmaschinen oder der Stall- und Melktechnik beispielsweise branchennahe Unternehmen, für die Märkte möglicherweise der Einzelhandel. Hierzu sei aber eine Sortimentsbereinigung nötig.

Diese große Produktvielfalt macht er neben dem weit auseinandergezogenen Geschäftsgebiet als Kernproblem der EVG-Strukturen und Ursache für die jetzt eingeleitete Insolvenz aus. „Dass es der EVG nicht gut geht, ist seit Jahren bekannt“, sagte im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“.

Die Mitarbeiter hatten auf einer Betriebsversammlung am Mittwoch von den am Freitag vollzogenen Kündigungen erfahren. Betroffen sind 193 Beschäftigte. Der Mitarbeiterstamm sei in den vergangenen Monaten durch „natürliche Fluktuation“, so Karg, bereits von rund 240 Menschen ausgehend gesunken. Nach seinen Angaben beträgt die maximale Kündigungsfrist drei Monate.

Auch EVG-Tochter insolvent

Zudem dürften die rund 10 400 kein Geld für ihre eingezahlten Anteile wiedersehen. Karg wörtlich: „Die Rückzahlung an die Gesellschafter kommt erst in Betracht, wenn alle Gläubiger befriedigt sind. Das halte ich für unwahrscheinlich.“

Ebenfalls insolvent ist laut Karg Agritelma, nicht aber AMW. Beide Unternehmen sind 100-prozentige EVG-Töchter.

Das Amtsgericht Memmingen hat den 19. Januar 2017, in der Memminger Stadthalle als Termin der ersten Gläubigerversammlung festgelegt. Neben den Gläubigern haben auch EVG-Genossen Zutritt.

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