Geburt

Allgäuer Hebamme will beim Thema „Gewalt bei der Geburt“ wachrütteln

Argenbühl / Lesedauer: 6 min

Katharina Ohlinger betreut Frauen im Allgäu und Vorarlberg bei Hausgeburten – Manche berichten von traumatischen Vorerfahrungen
Veröffentlicht:25.11.2022, 07:00
Aktualisiert:25.11.2022, 10:29

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Gewalt gegen Frauen hat viele Gesichter. Seit 1981 machen die Vereinten Nationen am 25. November mit dem „Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“ darauf aufmerksam, dass körperliche oder sexuelle Gewalt vielerorts zur alltäglichen Erfahrung von Frauen gehört. Worüber immer noch zu wenig gesprochen wird, ist Gewalt, die Frauen bei der Geburt erleben. Findet zumindest Hebamme Katharina Ohlinger aus Argenbühl – und unterstützt eine Aktion, die das ändern will.

Frau Ohlinger, Sie begleiten als Hausgeburtshebamme auch Frauen, die von Gewalterlebnissen bei ihrer Geburt berichten. Welche Erfahrungen haben diese Frauen gemacht?

Das ist unterschiedlich und fängt bei verbaler Gewalt an, etwa dem Satz „Stellen Sie sich nicht so an“. Die Frauen berichten von Diskriminierung aufgrund ihres Gewichts, der Herkunft oder des Alters. Es geht aber auch um Gewalt, wenn keine freie Wahl der Geburtsposition gewährt wird. Frauen berichten mir davon, dass ihnen die Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird. Da wird zum Beispiel gesagt, sie soll still liegen, weil die Herztöne des Babys abgehört werden müssen. Und dann fallen Sätze wie „Wenn sie jetzt nicht mitarbeiten, stirbt ihr Baby“.

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Katharina Ohlinger (Foto: privat/Ohlinger/Schwäbische.de)

Da wird also Angst gemacht und zu manipulieren versucht. Dabei kann man die Herztöne des Babys auch abhören, wenn die Frau sich bewegt. Ich höre auch immer noch von Dammschnitten, die ohne Aufklärung oder ohne Einverständnis der Frau durchgeführt werden. Genauso wie von medizinisch nicht indizierten vaginalen Untersuchungen, die den Geburtsvorgang und die Intimsphäre stören. Immer wieder werden auch die Partner und Partnerinnen ins Boot geholt, man sagt ihnen zum Beispiel, sie sollen das Bein der Frau festhalten. Die Frauen sagen „Stopp“, aber werden nicht gehört.

Wie häufig begegnet Ihnen das Thema in Ihrem Alltag?

Etwa die Hälfte der Frauen, die schon ein Kind geboren haben und die zu mir kommen, berichten mir von Gewalt. An mich wenden sich eben häufig traumatisierte Frauen, die sich ein anderes und vertrautes Geburtssetting wünschen.

Sind das Einzelschicksale oder gibt es Studien und Zahlen dazu, wie oft Frauen bei Geburten Gewalt erfahren?

Das sind keine Einzelfälle. Seit etwa 2010 wird vermehrt dazu geforscht und es gibt auch Studien. Die Zahlen schwanken dabei allerdings. Zwischen neun und 45 Prozent der Frauen, hieß es in einem Artikel der Zeitschrift Public Health Forum (2021), erleben Gewalt bei der Geburt. Hinter den unterschiedlichen Angaben steckt auch eine Frage der Definition von Gewalt. Und es ist schlicht schwierig zu erfassen. Das Thema ist sehr schambehaftet. Die Deutsche Gesellschaft für Hebammenwissenschaften fordert daher, dass jede Geburt in Deutschland evaluiert wird, um an diese Daten zu gelangen.

Was bedeutet es für Frauen, wenn eine Geburt für sie mit Gewalterfahrungen verbunden ist?

Ungefähr 17 Prozent aller Frauen haben nach der Geburt eine posttraumatische Belastungsstörung oder eine Depression. Die Geburt wirkt für Frauen also weit über den eigentlichen Moment hinaus, teils mit langanhaltenden Folgen für die Gesundheit. Zu mir kommen teils Frauen, die durch Gewalterfahrungen bei der Geburt traumatisiert sind und schon in Therapie waren oder in psychologischer Betreuung sind.

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Frauen, die von Gewalt bei der Geburt berichten, rate ich aber immer, das aufzuarbeiten. Das Erlebte prägt das Leben dieser Frauen, ihres Kindes und auch das des anwesenden Partners und der Partnerin, die oft Mittäter sind in der Situation. Manche Frauen erleben auch Retraumatisierungen, können keine Sexualität mehr leben oder sie leiden unter Panikattacken, die sie im Alltag und Beruf einschränken.

Sie selbst sagen, zu Ihnen kommen Frauen, die sich für ein „anderes und vertrautes Geburtssetting“ entscheiden. Sind denn Kliniken und Kreißsäle per se kein vertrautes Geburtssetting?

Das ist eine individuelle Entscheidung der Frau, in welchem Setting sie sich wohlfühlt. Zuhause in meiner Begleitung können nur die Frauen gebären, die selbst gesund sind und ein gesundes Kind in Schädellage erwarten. In Kliniken selbst haben wir im Allgemeinen ein strukturelles Problem: Hebammen, Ärzte und Ärztinnen sind unterbesetzt. Es ist üblich, dass eine Hebamme gleichzeitig für drei bis fünf Frauen da sein muss. Dabei sieht die aktuelle Leitlinie „Vaginale Geburt am Termin“ eine 1:1-Betreuung vor. Und da sind wir bei struktureller Gewalt, wenn wegen Personalmangel Gesetze und Vorschriften nicht eingehalten werden oder an veralteten Standards festgehalten wird.

Und was verstehen Sie unter einem vertrauten Geburtssetting?

Frauen brauchen Vertrauen und wollen informiert werden, um Entscheidungen selbst treffen zu können – mit aktuellen Informationen. Sie wünschen sich eine selbstbestimmte Geburt, bei der wir als Fachpersonal begleiten und nur dann unterstützen, wenn es wirklich notwendig ist.

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Die Geburt eines Babys ist für manche Frauen mit Gewalterfahrungen verbunden. Dafür will der „Roses Revolution Day“ sensibilisieren. (Foto: dpa/Caroline Seidel/Schwäbische.de)

Die kontinuierliche Betreuung durch eine vertraute Bezugshebamme, in guter Zusammenarbeit mit einer Frauenärztin, in der Schwangerschaft, bei der Geburt und im Wochenbett, ist nicht nur Traumaprävention, das ist ein ganz hoher Sicherheitsfaktor.

Was raten Sie Frauen, die den Umgang mit sich während der Geburt als gewalttätig empfinden?

Wenn eine Frau etwas als traumatisch empfindet, sollte sie sich an eine Fachperson wenden, eine Hebamme oder Frauenärztin, und sich ihr anvertrauen. Meist ist es schon im Wochenbett ein Thema. Wird man mit seinem Anliegen nicht ernst genommen – was leider auch passiert – sollte man den Mut aufbringen, zu jemand anderem zu gehen. Sich Hilfe zu holen kann aber auch bedeuten, beim Hilfetelefon von Motherhood e.V. anzurufen.

Bringen betroffene Frauen die Gewalt denn zur Anzeige?

Nein, der Großteil wird nicht angezeigt. Viele fürchten, dass sie einer Fachkraft, die etwa sagt, der Dammschnitt war medizinisch notwendig, nicht widersprechen können. Und es hat mit dem Bild von Geburt zu tun, dass es in der Gesellschaft gibt: Geburt tut halt weh, das ist halt nicht schön.

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Das ist ein falsches Bild. Eine Geburt ist nie easy, aber sie kann ein sehr positives und gesundes Erlebnis für eine Familie sein. Mich freut sehr, dass es immer mehr auch positive Bilder und Erfahrungsberichte von Frauen über ihre Geburten gibt.

Am 25. November ist auch der „Roses Revolution Day“. An diesem sind Frauen, die bei der Geburt Gewalterfahrungen gemacht haben, aufgefordert, eine rosa Rose vor der betreffenden Geburtshilfeeinrichtung abzulegen und ein Bild davon ins Internet zu stellen. Sie unterstützen den „Roses Revolution Day“, warum?

Weil ich es wichtig finde, dass man darüber spricht, dass man Frauen eine Stimme gibt und die Thematik in der Gesellschaft einen Raum bekommt – und natürlich, weil es auch das Bewusstsein beim Personal weckt. Vielen Hebammen und Ärztinnen ist die Gewalt ja gar nicht bewusst. Es ist also auch eine Rückmeldung an uns als Fachpersonal.

Ist das nicht ein bisschen digitaler Pranger?

Das kann man so sehen, aber es ist vor allem ein Aufmerksammachen. Viele Frauen fotografieren ausschließlich die Rose, die sie niedergelegt haben, ohne Sichtbarkeit der Klinik. Zudem werden die Berichte anonymisiert, es werden keine Namen von Hebammen und Ärztinnen genannt.