Kinderlein

Christine Urspruch und Christian Segmehl zeigen Musik und Lyrik

Leutkirch / Lesedauer: 4 min

Christine Urspruch und Christian Segmehl begeistern ihr Publikum in voll besetzter Malztenne
Veröffentlicht:14.12.2022, 08:00

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Festlich begann der Abend. Die Protagonisten Christine Urspruch und Christian Segmehl hielten Einzug mit vertrauten weihnachtlichen Melodien: „Zu Bethlehem geboren“ sowie „Ihr Kinderlein kommet“ erklangen am Sonntagabend in der voll besetzten Malztenne in der Leutkircher Brauerei Härle.

Aber noch bevor die Künstler auf der Bühne angekommen waren, sorgten ein paar unerwartete Kapriolen des Saxophons bereits für vergnügliches Murmeln im Publikum. Weihnachten – darf da auch gelacht werden? Man darf. Dem begeisterten Publikum bot sich eine spannende Mischung aus ernsten und besinnlichen, aber auch witzigen, satirischen und makabren Stücken aus Literatur und Musik.

Lieblingsstücke aus Musik und Literatur

„Wir freuen uns, in Leutkirch zu sein“, begrüßte Schauspielerin Christine Urspruch ihr Publikum. Und der Leutkircher Saxophonist Christian Segmehl betonte, für diesen Abend ihre „Lieblingsstücke aus Musik und Literatur“ ausgewählt zu haben in der Hoffnung, „Ihnen einen schönen weihnachtlichen Abend zu bereiten.“

Er hatte nicht zu viel versprochen: Urspruch zitierte einfühlsam aus Texten von Rilke, Bachmann, Kästner, Doris Dörrie oder Loriot. Segmehl brillierte mit Auszügen aus klassischen Werken, Jazzstandards und zeitgenössischer Musik und Improvisationen am Saxophon.

Sehr makaber

Mit Loriots Gedicht „Advent“ und einer Weihnachtssatire von Robert Gernhardt wurden zunächst ernste Themen wie der verschwenderische Geschenke-Konsum an Weihnachten auf witzige und bissige Weise unter die Lupe genommen. So seufzt etwa der Ich-Erzähler in Gernhardts Gedicht: „Es ist Weihnachtstag, und es ist Viertel nach zwei. Ich kann aufatmen, der Weihnachtsstress ist endlich vorbei. Jetzt gibt's gar nichts mehr zu kaufen, alle Läden sind zu: Klappe zu, Affe tot, jetzt ist endlich Ruh'!“

Sehr makaber, so warnte Urspruch, geht es in Loriots Gedicht „Advent“ zu. In packendem Vortrag brachte die Schauspielerin die schaurige Geschichte der Försterin zu Gehör, die ihren Gatten ermordet. Denn er „war ihr bei des Heimes Pflege, seit langer Zeit schon sehr im Wege. Schnell hat sie ihn bis auf die Knochen, nach Waidmanns Sitte aufgebrochen, behält ein Teil Filet zurück als festtägliches Bratenstück und packt zum Schluss, die Reste in Geschenkpapier.“

Mischung aus Leichtigkeit und Ernst

Besinnlich wurde es dagegen beim Märchen von den beiden Blättern „Ole und Trufa“ von Isaac Singer. Es handelt von der Liebe zweier Blätter, die sogar den Tod überwindet. „Von all unseren Kräften ist die Liebe die höchste, die feinste“, sagte Ole. „Solange wir uns lieben, bleiben wir hier, und kein Wind, Regen oder Sturm kann uns zerstören.“

Diese Mischung aus Leichtigkeit und Ernst spiegelte sich auch in den musikalischen Beiträgen wider. „Jeder von uns hat seine Geschichte, geht seinen Weg.“, führte Segmehl in eines seiner Stücke ein. „Wir gehen unseren Weg mit Freunden, mit der Familie, aber auch mit Menschen, die wir neu kennenlernen.“ Welches Lied könnte besser zu diesen Worten passen als „ My Way“ von Frank Sinatra – eine Einladung zum Träumen.

Ganz andere Töne

Ganz andere Töne dagegen schlug das Stück „No rest“ („Keine Zeit“) von Ulrich Schultheiss an. Die schnellen, teils bizarren Klänge des Saxophons ließen Bilder erstehen von überfüllten Einkaufsstraßen und hetzenden Konsumenten, die in aller Eile versuchen, letzte Weihnachtspräsente zusammenraffen.

Bei der Zugabe überraschte Urspruch mit einem weihnachtlich-unweihnachtlichen Lied. Sie gab eine Mutter, die während des andächtigen Singens von „Ihr Kinderlein kommet“ ihre Familie immer wieder genervt zur Ordnung ruft. Zwischen „Zur Krippe herkommet..“ und „Maria und Josef betrachten es froh…“ schießt sie ihre Giftpfeile ab: „Putz dir die Nase! – Lümmle nicht so herum! – „Ich muss das schließlich wieder saubermachen!“ - Du könntest doch auch mal was zu deiner Tochter sagen!“ und bricht damit das Klischee der vermeintlichen Familienidylle.

„Es hat uns totalen Spaß gemacht,“, erklärte die Schauspielerin am Ende des Abends. Der lang anhaltende begeisterte Applaus bezeugte, dass dies auch für das Publikum galt.