Homosexualität

Thomas Hitzlsperger zu Gast in Leutkirch

Leutkirch / Lesedauer: 4 min

Thomas Hitzlsperger bei einem seiner seltenen Auftritte nach dem Outing – in Leutkirch
Veröffentlicht:07.05.2014, 00:05
Aktualisiert:24.10.2019, 14:00

Von:
Artikel teilen:

Wäre da nicht jener 8. Januar 2014 gewesen, Thomas Hitzlsperger wäre einer unter 900. So viele Fußballnationalspieler gibt es nämlich in der Geschichte des DFB . Mit seinen 52 Partien stünde der mittlerweile 32-Jährige zwischen Wolfgang Weber und Markus Babbel. Doch an jenem Wintertag wurde aus dem früheren Mittelfeldspieler mit dem harten Schuss ein weltweites Unikat: Hitzlsperger, der erste offen schwule Fußballprofi. Der Oberbayer aus Forstinning im Landkreis Eberberg, seit Herbst 2013 Ex-Profi, hatte mit einem Interview in der „Zeit“ sein Coming-Out gewagt. „Ich äußere mich zu meiner Homosexualität, weil ich die Diskussion über Homosexualität unter Profisportlern voranbringen möchte“, hatte Hitzlsperger gesagt – und sich danach sympathisch rar gemacht.

Kein Talkshow-Schaulaufen im TV, keine längeren Interviews, es gab lediglich einen Auftritt in seiner Heimatgemeinde. Dort, im konservativen Oberbayern, wurde er gefeiert. „Der Bürgermeister hat zu mir gesagt: ,Wir stehen hinter Dir, wir sind stolz auf Dich.’“ Nun, knapp vier Monate danach, saß der aufgeräumt wirkende Mann, jüngstes von sieben Kindern, beim 154. „Talk im Bock“ in der Leutkircher Festhalle und sammelte weitere Sympathiepunkte.

In punkto Prominenz und Brisanz hätte es Moderator Bernd Dassel nicht besser treffen können, schließlich hatte sein Gegenüber den Besuch in der – bei weitem nicht gefüllten – Festhalle lange vor dem weltweit beachteten Outing zugesagt. Er sollte eigentlich vor allem über die anstehende Weltmeisterschaft in Brasilien plaudern. Vorab: Überraschenderweise ließ ihn Dassel dies dann größtenteils tun. Dabei ließ die Anmoderation, gezeigt wurde der damalige „Heute-Journal“-Beitrag über Hitzlspergers Outing, einen spannenden Abend erwarten.

Bereut, ließ der eloquente Hitzlsperger verlauten, habe er seinen Gang an die Öffentlichkeit nicht. „Es wurde danach viel gesprochen über Homosexualität im Profisport. Im Nachhinein kann ich sagen: Es ist was passiert, es hat sich was getan.“ Was genau, wollte er jedoch nicht preisgeben. Er würde nun viele Anfragen erhalten, ob er helfend zur Seite stehen können – unter anderem von schwulen Fußball-Fanklubs. Von deren Existenz habe er vor seinem Coming-Out gar nichts gewusst. Dazu sei er – je nach Fall – bereit. „Ich versuche“, sagte er, „aus dem Hintergrund zu helfen.“ Dementsprechend blieb er die Auskunft, wie diese Hilfe konkret aussieht, auch schuldig. Stattdessen betonte er, dass er Verständnis für Menschen habe, die sich nicht trauen, ihre sexuelle Orientierung öffentlich zu machen. „Es ist nicht zu Ende“, sagte Hitzlsperger – und meinte damit den Kampf um Akzeptanz für Homosexuelle.

4000 E-Mails seit Januar

Zur Gallionsfigur für Schwule und Lesben will sich der frühere Fußballspieler jedoch offensichtlich nicht machen lassen. „Ich hatte eine Botschaft“, erklärte er seinen Gang an die Öffentlichkeit, „und danach hatte ich nichts mehr zu sagen.“ Ob er künftig auf Veranstaltungen wie dem in allen Großstädten jährlich gefeierten Christopher Street Day auftrete, halte er sich offen. „Das lasse ich auf mich zukommen.“ Bislang habe er jedenfalls „nichts Negatives“ bei persönlichen Begegnungen erlebt, schon gar nicht, wenn er von Leuten auf der Straße angesprochen wurde. Im meist anonymen Internet sehe die Sache jedoch teilweise anders aus. „4000 E-Mails habe ich bekommen“, berichtete Hitzlsperger, „die meisten positiv, viele sind mir sehr nahe gegangen.“ Jedoch seien auch einige mit „Beschimpfungen und Beleidigungen, die ich selbst keinesfalls in den Mund nehmen würde“ dabei gewesen. Diese Worte versuche er „zu verdrängen, zu vergessen“. Schulterzuckend fügte der frühere Profi (Aston Villa, VfB Stuttgart, Lazio Rom, Wolfsburg, Everton) hinzu: „Man trifft halt immer wieder auf Idioten, ich nehme das Positive mit.“

So wirkte er auch an diesem Abend in Leutkirch : zufrieden. So spricht einer, der mit sich im Reinen ist. Er empfahl Bundestrainer Joachim Löw dann noch, die Routiniers Miroslav Klose und Mario Gomez für die WM zu nominieren und äußerte die Hoffnung, dass die DFB-Elf im Finale „nicht auf Italien“ treffen möge. Und „auf Spanien oder Brasilien lieber auch nicht“. Der geneigte Zuhörer erfuhr außerdem, dass man als junger Fußballer viel trainieren muss und, dass der Profi Hitzlsperger dreieinhalb Stunden vor den Spielen am liebsten „ein Stück Fisch mit Gemüse und wenig Nudeln“ verzehrt hat. Halblaut, aber in der Aussage klar, wunderte er sich über die Vergabe der WM 2022 an Katar („Da ist es scheinbar nicht mit rechten Dingen zugegangen“). Als er irgendwann über den Verlauf seiner Karriere sprach, sagte er lächelnd: „Alles so in Ordnung.“ Es könnte das Motto seines Lebens sein.